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Kurzfilme
Wie immer gab es zwei Kompilationspackungen der Kurzfilme, wie immer war ich nur in der
ersten drin. Diese erste hieß "Paint", wobei sie das "t" ruhig
hätten weglassen können. Wie die Veranstalter auf diesen Titel gekommen sind, wird wohl
ein ewiges Rätsel bleiben, Hauptsache war wohl, dass sie überhaupt einen hatten.
Schließlich gibt es so viele Worte, die irgendwo herumalbern und glaubten, ihre
Bestimmung wäre auf immerdar festgelegt. Die darf man sich dann ungefragt unter den Nagel
reißen und so tun, als wärs schon ein Konzept. Den größeren Zusammenhang
muss
sich das Publikum selber zurechtinterpretieren. Wenn man lange genug drüber nachdenkt,
lässt sich bestimmt ein ganzganz tiefer Sinn drin ausmachen.
Amnesia
Regie: Jerry Tartaglia; USA 1998, 7 min.
Noch ne schwule Thematik, hoffentlich krieg ich das wieder zusammen:
Alte Filmausschnitte, Fotos und Archivmaterial über eine einst selbstverständliche,
öffentlich gelebte Homosexualität, vermischt mit Filmschnipseln aus einem Pornofilm. Als
Reminiszenz an Jack Smith gedacht, von dem sechs ausgegrabene Kurzfilme im Panorama
laufen. Den Filmausschnitt mit den tanzenden Matrosenpärchen inklusive Fred Astaire und
Gene Kelly (falls ich mich nicht verguckt habe) fand ich jedenfalls herzallerliebst.
Anni di Latta
Regie: Luca Busso, I 1998, 17 min.
Kleine Jungs schreien durch die Gegend und verkloppen die, die noch nicht
dazugehören dürfen. Dementsprechend sollte nach der Vorführung auch der Regisseur nach
vorne diktiert werden, ohne dass wir ihn hätten verkloppen dürfen. Zur allerersten
Vorstellung sind wir halt noch echt sozial eingestellt, aber zur Zwangsanimation lassen
wir uns mal gar nicht überreden.
Die gewaltbereiten Racker im Film jedenfalls waren ebenso sprunghaft wie Kameraführung
und Schnitt: Irritierende Doppelung durch Schnitte innerhalb der Einstellung und kleine
Perspektivwechsel innerhalb einer Aktion, dazu lange (Verfolgungs-)Fahrten der
halsbrecherischen Art auf dem Fahrrad durch italienische Straßen.
Wenn derartiger Kunstanspruch mit dem scheinbar zeitlosen Sujet "Probleme und
schmutzige Phantasien kleiner Jungs" vermischt wird, darf sich der Regisseur der
Sympathie der Hälfte des Publikums sicher sein - auch weil diese Buben hier jetzt schon
größer sind.

Below the Belt
Regie: Laurie Colbert, Dominique Cardona; CAN
1998, 12 min.
Als Vorfilm von Better
Than Chocolate fast die Kurzfassung davon. Deswegen vermischen sich auch gerade die
Bilder. Kleines Schmankerl.
Dreamers
Regie: Felix Viscarret; E 1998, 11 min.
Aus alten Filmschnipseln zusammengefügte fiktive Familiengeschichte.
Tragikkomisch, mit wunderbarer Musik. Einfach stimmig.
El topo y el hada
(Der Maulwurf und die Fee)
Regie: Grojo, E 1998, 8 min.
Surreale Komposition, wirkungsvoll eingesetzte Tricktechnik. Zum Fliegen.

En kväll
pa stan (Abends in der Stadt)
Regie: Per Carleson; S 1998, 3 min.
Wunderbare Idee mit prägnanter Pointe. Spannend gefilmt, kurz und bündig.
Mini-Krimi.
Go to Shanghai
Regie: Daniela Abke, Dorothee Brüwer; BRD
1998, 15 min.
Friesen und Chinesen, zwei eigenwillige Völker treffen aufeinander und bauen
ein Schiff. Die Kamera findet dafür bestechende Bilder in schwarz/weiß und eine seltsame
Tonspur, die leider mehr irritiert als passt. Nicht immer ist die Dramaturgie dieses Dokus
nachvollziehbar, die Umsetzung teils langatmig. In den besten Momenten wirkt alles leicht
surreal. Aber so sind sie halt, die Friesen und die Chinesen.
Koly
Regie: Boris Kazakov; RUS 1999, 8 min.
Realfilm mit eingezeichneten Elementen. Kriegt nach einer Minute was
Enervierendes und könnte dann ruhig aufhören. Macht er aber nicht.

La Falaise
Regie: Faouzi Bensaidi; Marokko 1998,
18 min.
Staunenswerte Schwarz/Weiß-Aufnahmen und eine bewegende Geschichte. Als erste
Vorstellung am ersten Tag hatte er einigermaßen Schwierigkeiten zu starten, da einfach
der Ton wegfiel. Dabei hat der keinerlei Bedeutung. Kleiner Klassiker. Mein Favorit unter
den Kurzfilmen.
Liu Awaiting Spring
Regie: Andrew Soo; AUS 1998, 10 min.
Erinnerung an die Kindheit: Der AIDS-kranke Onkel kommt ins Krankenhaus, und
Vater und Mutter haben nichts besseres zu tun, als alles, was der Onkel je berührte, zu
putzen, akribisch zu desinfizieren, penibel zu beseitigen, geradezu zwanghaft alles
wegzuwischen, wegzuwerfen. Der Sohn jedoch hält fest an der Faszination, die sein Onkel,
ein Schauspieler der Peking-Oper, ausstrahlte. Dessen Abschiedszwinkern begleitet ihn bis
in die Gegenwart. Da sind die Kinder schon fast erwachsen und hocken in unveränderter
Stellung wie einst vor dem Fernseher auf dem Rücksitz bei den Eltern im Wagen. Ein
schwules Pärchen schlendert an der Ampel vorbei, und während die Eltern bemüht in
andere Richtungen starren, freut sich der Junge darüber, dass sie eben doch nicht alles
wegwischen konnten. Wieder ein verbündendes Zwinkern, die Versicherung der Solidarität -
und der Onkel tanzt dazu. Alles ohne Worte.
Masks
Regie: Piotr Karwas, BRD/PL 1998, 5 min.
Computertrickfilm, bis zur Schlusspointe hätten ihm ein paar Kürzungen ganz
gut getan.
NY NY
n why not
Regie: Michael Brynntrup; BRD 19999, 4 min.
Beliebig. Nur mit schrägen Selbstdarstellern wirds noch lange kein guter
Film.
Otac, sin, sveti
duh (Vater, Sohn und Heiliger Geist)
Regie: Zelimir Gvardiol; Rest-YU,1998, 19 min.
Dokumentarfilm aus Serbien. Was bleibt nach dem Krieg, wenn der Krieg schon
weitergezogen ist. Der Krieg ist zu Ende, aber vorbei ist er noch lange nicht.
Ein Vater erschießt seine Frau, die Kinder versuchen weiterzuleben. Erklärungen gibt es
keine, nur Tatsachen. Wenn der Krieg im Haus schon so bar jeder nachvollziehbarer Ursachen
abläuft, nimmt es nicht mehr Wunder, dass auch der Krieg da draußen alle
Lösungsversuche verweigert. Die zweite Episode berichtet von einem behinderten Mann, der
Liebe zu seiner Mutter und der seltsamen Kontaktlosigkeit von Seiten des Vaters. Eine
dritte Episode: Eine recht resolut wirkende Frau lebt mit ihrem behinderten Kind und ihrer
Mutter auf engstem Raum zusammen.
Ich kann mich kaum noch an die Bilder erinnern, englische Untertitel waren in der
geballten Form leider kontraproduktiv, so dass Informationen untergingen, wo man gerne
Näheres erfahren hätte. Und das war umso schlimmer, als sich hier um etwas handelte, was
sich durch die reinen Fakten und die allzu kurzen Bruchstücke der Nachrichten nicht
vermitteln lässt. Vielleicht schafft es dieser Bericht noch ins Fernsehen mit einem
eingesprochenen Kommentar. Den man ignorieren muss, damit die Bilder sprechen können.
Platonische Liebe
Regie: Philipp Kadelbach; BRD 1998, 10 min.
Schön, wenn Filmhochschüler mal zeigen wollen, was sie alles an technischem
Schnickschnack beherrschen, und versuchen, schwankend zwischen Genreparodie und Huldigung
an "Scream"-Filmchen, eine lustige Geschichte mit Handlung und Pointe zu
erzählen. Die technischen Mittel sind da, die Dialoge knirschen noch immer, aber wen
kümmerts schon bei soviel Innovation, stöhn. Warum hören sich deutsche Filme
eigentlich immer so gekünstelt an, warum können die Leute nicht mal ganz normal
sprechen, sondern müssen immer ihren Text aufsagen. Werde ich mich noch öfter fragen.
Pombagira
Regie: Maja Vargas, Patricia Guimaraes;
Brasilien 1998, 13 min.
Ääh,... Dokumentarfilm und aus Brasilien, ein
bisschen Voodoo, ein bisschen
Mystik, von den Geistern, derer sich Frauen bedienen können, wenn es Ärger mit den
Männern gibt - oder so ähnlich. Filmisch wackelts heftig und deshalb wars
dann wohl kein normaler Dokufilm, sondern was außerordentlich einfallsreiches.
Rakete
Regie: Ulrich Köhler; BRD 1998, 10 min.
Fetennachbrenner mit Knirschdialogen und einer den ganzen Film andauernden
Kamerafahrt, bei der sich der Regisseur was gedacht hat.
Uferlos
Regie: Marco Mittelstaedt; BRD 1998, 10 min.
Kleiner Junge und Probleme....er flüchtet von der Probe der heimischen
Dorfkapelle zu den harten Männern am plattdeutschen Ufer und zeigt stolz sein mit
Filzstift aufgetragenes Tatoo. Schließlich bekommt er dank hartnäckigen Drängelns ein
echtes vom Obersmutje aufs Schulterblatt verpasst. Doch leider ist es nicht die
gewünschte Barke, sondern eine barbusige Meerjungfrau. Maßlos enttäuscht tuckert der
Bub mit dem Boot aufs Meer hinaus.
Vielleicht wollen die kleinen Jungs von heute doch nicht so schnell erwachsen werden. Die
eigenen Phantasien decken sich noch nicht mit denen der Großen. Da wird aus einem
euphorischen Spiel und dem Wunsch dazuzugehören schnell Ernüchterung. Dass es dem Kind
wirklich ernst ist, stellen die Erwachsenen zu spät fest.
Der junge Hauptdarsteller zieht beim anschließenden Q+A gekonnt die Lacher auf seine
Seite, weil er konsequent maulfaul und trotzig ausführlichere Antworten verweigert, und
damit ehrlicher als alle anderen Berufsharten erscheint.

Velinhas
Regie: Gustavo Spolidoro; Brasilien 1998, 11
min.
Kurzfristig bekam ich neulich ob dieses Films totale Amnesie - ich konnte mich
beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, um was es eigentlich ging. Jetzt hab ich das
Plakat gesehen und langsam kehrt die Erinnerung zurück, gefiltert durch dutzende weitere
Vorstellungen, aber gut... Spanischsprachig und englisch untertitelt, wer soll da noch
mitkommen...
Zwei Pärchen hocken zusammen in der Wohnung, da fällt der Strom aus und alles wird
zappenduster. Dafür steigt die Stimmung, Kerzen werden angezündet, Phantasien und
Geschichten ausgetauscht - fragt mich nicht nach Einzelheiten. Plötzlich - batsch! - ist
der Strom wieder da, die Atmosphäre ist dahin, alle gucken leicht irritiert und fast
peinlich berührt. Alles weg.
Beim Prosastudium der Untertitel ging das eigentliche Merkmal dieses Films fast verloren:
Er besteht aus einer einzigen Plansequenz inklusive der Vorspanntitel, wo sich die Kamera
durchs Treppenhaus schraubt und beschriftete Kisten und Türschilder den Weg durch die
Crew weisen. Wie konnte ich das nur vergessen...
Verbal Sex:
The Art of Nyna
Regie: Alberto Ferreras; USA 1998, 8 min.
Vortrag eines erotischen Gedichts, mit dem Versuch, dies filmisch mit
suggestiver Sogwirkung umzusetzen; hätte dafür aber nach zwei Minuten aufhören müssen.
Visit from Outer
Space
Regie: Sietske Tjallingii, NL 1998, 4 min.
Zwei winzige Außerirdische düsen mit ihrem Ufo durch Amsterdams Straßen,
fuchteln mit ihren Gummiarmen und plappern unverständliches Zeug. Dann kommen sie an den
Stadtrand und dürfen endlich schneller als "50" fahren. 4-Minuten-Trash-Film,
der sich auf dem
Amöneburger Amateurfilmfest
bestimmt wohler
gefühlt hätte.
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