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Home >>> Kino: Festivals >> Berlinale 1999 > Panorama

Panorama
  

  

Aksuat
Regie: Serik Aprymov; Kasachstan/JPN 1998, 78 min.

Tatschiken! Tatschiken, tapferes Volk, achtet auf eure Filmhandwerker! Die bauen nämlich gerade Scheiße. Vielleicht haben sie auch einfach nur was an den Ohren. Oder es sind doch Kasachen...
Es ist schön, dass aus einem Land, welches nicht gerade für seine üppige Filmproduktion bekannt ist, doch Werke kommen, die ihren Weg nach Berlin finden. Hier treffen sie auf ein tapferes Publikum, das wild entschlossen ist, eigenwilligen Produktionen aus entlegenen Gebieten zu folgen, bei denen man gar nicht weiß, wo auf der Landkarte man sie suchen soll. Dieses Publikum ist ganz heiß auf vernachlässigte Filmlandschaften, es ist bereit, sich durch Mentalitäten und Sitten und Gebräuche ihm völlig fremder Kulturen zu fressen. Aber – Tatschiken! – ihr könnt uns beim besten Willen nicht einreden, dass es etwas traditionell tatschikenmäßiges hat, den Ton nicht synchron zum Bild laufen zu lassen, bzw. bei der Postsynchronisation in vollem Bewusstsein darauf hinzuarbeiten, dass der Akteur den Mund bereits geschlossen hat und doch noch redet. Das, Tatschiken, und die Fülle der Verselbständigung von Gebrauchsgegenständen, sprich: Anschlussfehler, das ist einfach Pfusch. Das durftet ihr euch doch nicht mal zu Kombinatszeiten leisten, warum fangt ihr also jetzt damit an. Das ist nicht die vielversprochene Freiheit, das ist grober Unfug, also lasst das! Dann interessiere ich mich vielleicht auch mal zwischendurch für die Story, die ihr eigentlich vermitteln wolltet. Ach, Tatschiken...

Asphalto
Regie: Ilppo Pohjola, Finnland/S 1998, 43 min.

Wer gerne körperliche Schmerzen im Ohr verspürt, sollte sich diesen Film anhören. Ansonsten haben wir das Prinzip schon nach zwei Minuten verstanden, der Rest ist dann nur noch die Wiederholung des Immergleichen, da kann er Krach machen soviel er will. Vielleicht wollte der Regisseur auch nur gegen Kaurismäkis Film "Juha" kontern, das ist nämlich ein Stummfilm.

Beefcake
Regie: Thom Fitzgerald; Mit Daniel MacIvor, Carroll Godsman, Joshua Peace; CAN 1998, 93 min.

Meine Herrn! Ach, du meine Güte.... hechel. Schnittchen, alles voller Schnittchen. Dokumentation über die "American Model Guild" aus den vermieften 50ern, gespickt mit Interviews, Spielszenen und saftigem Schwulen-Kitsch. Ausgegrabene Wurzeln.

Better Than Chocolate
Regie: Anne Wheeler; Mit: Wendy Crewson, Karyn Dwyer, Christina Cox, Peter Outerbridge; CAN 1998, 98 min.

Girl meets girl. Filmisch keine Offenbarung, schöne, glatte Bilder, hervorragend aufgelegte DarstellerInnen, inklusive eines endlich einmal unaufgedonnerten Transsexuellen. Immerhin versucht dieser Film nicht mehr zu sein als er ist und bleibt damit ein echter Sympathieträger.

Birdcage Inn
Regie: Kim Ki-Duk; Mit: Lee Hye-Eun, Lee Ji-Eun; Südkorea 1998, 105 min.

Zwiespältig. So ganz kann sich dieser Film nicht entscheiden, wann er zu Ende sein will und wartet mit einigen finalen Szenen auf, nur um dann noch einmal und noch einmal durchzustarten, bis man fast das Interesse an den Figuren verloren hat.
Der Regisseur wurde in Korea mit dem Vorwurf der Pornographie konfrontiert, was ihn bei der Berlinale so verunsichert hatte, dass er sich schon im Voraus beim Publikum entschuldigte und darum bat,  man solle sich den Film doch bis zum Ende ansehen. So schlimm war's dann doch nicht und Pornographie mag man ihm schon gar nicht vorwerfen, was aber nichts daran ändert, dass er eben mal über die Dramaturgie nachdenken sollte. Das darf er sich für sein nächstes Projekt vornehmen, denn Bilder machen kann er!

Charlie!
Regie: Joshua Rosenzweig; USA 1998, 41 min.

Der Film liebt seine Darstellerinnen und lässt ihnen genügend Platz, um einige Witzchen gnadenlos plattzumachen. Schade eigentlich. John Waters Light. Die Reinkarnation von Divine spielt auch mit. Sie ist eine volle Wucht in einem netten, aber flachen Trashvideo.
Für die Techniker unter uns: Digital kann sich durchaus auf der Leinwand sehen lassen, nur den Abspann vielleicht doch noch auf Filmmaterial drehen, ja? Lesen kann man ihn nämlich nicht.

Fiona
Regie: Amos Kollek; Mit: Anna Thomson, Felicia Maguire, Mike Hodge; Israel/USA 1998, 87 min.

Amos Kollek hat sich mit seiner Hauptdarstellerin in einem Crackhaus umgeschaut und ein paar tiefe Züge genommen. Die dokumentarischen Teile sind erschütternd, dafür hinterlassen dann die Spielszenen allzu oft einen unpassenden Albernheitsnachgeschmack. Anna Thomson lieben wir dennoch und den Musikscore von Alison Gordy (?) muss ich mir demnächst unbedingt besorgen.

Fucking Amal
Regie: Lukas Moodysson; Mit: Alexandra Dahlström, Rebecca Liljeberg, S /DK 1998, 89 min.

Endlich ein Film, der zeigt, dassFucking Amal Pubertät wirklich scheiße sein kann. Die Welt ist von vielerlei Hassobjekten angefüllt und doch möchte man irgendwie dazugehören. Glücklicherweise klappt das nicht.
Die Kamera liefert dazu kruschelige Bilder, die nichts schönen und deshalb einfach schön sind. Fast der Lieblingsfilm des Panorama-Publikums.

Gendernauts
Regie: Monika Treut; Mit: Sandy Stone, Jordy Jones, Stafford; BRD 1998, 87 min.

So viele Vogelarten es gibt, so viele Geschlechter gibt es. Das sagt Annie Sprinkle, von der man bisher  auf den ersten Augenschein annehmen konnte, dass sie ihr Geschlecht recht eindeutig darstellt. Dank dieses Films dürfen wir ihrer Aussage aber glauben, jetzt muss sich das nur noch außerhalb von San Francisco verbreiten. Auf geht’s.

Jin-Roh
Regie: Hiroyuki Okiura, JPN 1998, 98 min.

Perfekt gemachter Zeichentrickfilm mit fragwürdiger Ideologie. Der Regisseur konnte uns am Ende der Vorstellung auch nicht weiterhelfen. Es gab da gewisse Kommunikationsprobleme, die unabhängig von der Übersetzung waren. Er antwortete ausführlich auf die gestellten Fragen - und voll Rohr dran vorbei.
Die Frage beispielsweise über die angewandte Technik arbeitete er zu einem Vortrag für Grundschüler aus, bei der er erklärte, dass sie sich zusammengesetzt hätten und geredet und dann ein Storyboard gezeichnet und dann die Figuren gezeichnet, die wären dann koloriert worden und auch die Hintergründe und zum Schluss hätte man alles Bild für Bild gefilmt. Erstaunlich war nur, dass er uns nicht erklärte, wie eine Kamera funktioniert. Keine Ahnung, was ihn daran gehindert hat.
Ebenso verfehlte er die Frage nach dem Detailreichtum mit eindeutigen deutschen Bezügen. In Japan wäre es eben so, dass für Realfilm nicht viel Geld zur Verfügung stehe und deshalb an der Dekoration gespart werde. Diesen Mangel würden die Zeichentrickfilme kompensieren. Aus. Knapp vorbei.
Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er hinten einen Aufziehschlüssel drinstecken hatte.

Kurt Gerrons Karussell
Regie: Ilona Ziok; BRD/NDL/CZ 1998, 70 min.

Wichtiger Dokubeitrag zur Vergangenheitsvergegenwärtigung.
Kurt Gerron war kein Held, und er war so naiv, an manch gegebenes deutsches Ehrenwort zu glauben. Sein Humor rettete ihn nicht vor der Deportation, und doch lässt er ihn weiterleben. Die zeitgenössischen Interpretationen seiner Lieder bzw. der Lieder seiner Zeit lassen diese Zerrissenheit spüren. Im April kommt glücklicherweise noch die zugehörige CD raus.

La Nouvelle Eve - Neue Eva
Regie: Cathrine Corsini; Mit: Karin Viard, Pierre-Loup Rajot; F 1998, 94 min.

Viele schöne Szenen mit einer fahrig-ungeordneten Hauptdarstellerin illustrieren eine Handlung, die mich kein Stück interessiert. Französisch.

Little Voice
Regie: Mark Herman, Mit: Michael Caine, Branda Blethyn, Jane Horroks, Ewan McGregor; GB/USA 1998, 96 min.

Schöne Musik, blendender Michael Caine, gnadenlose Brenda Blethyn, die Handlung ohne jegliche Überraschung, komplett vorhersehbar. Mit
Still Crazy ein weiterer Musikfilm aus England. Es geht um Erfolg und Misserfolg, um lange aufgestaute Konflikte, um die Chance zu einem Neubeginn, man rappelt sich auf, reißt sich zusammen, und in der größten Not dürfen sich alle auch mal die Meinung sagen. Das macht tapfer und stärkt für die Zukunft. Wir amüsieren uns prächtig über die wunderbaren Dialoge und Einzeiler, weil sich’s über eine deftige Zote noch am einfachsten lachen lässt. Gesättigt verhungert.

Praise
Regie: John Curran; Mit: Peter Fenton, Sacha Horler, Marta Dusseldorp; AUS 1998, 98 min.

Bei diesem Film hatte ich dauernd das Gefühl, ich müsste mich kratzen. Er hat so was dreckiges an sich. Der Held hat Asthma und raucht Kette, die Hauptdarstellerin hat Neurodermitis, und beide hausen in einer Bude, für die man die Ausstatter einfach lieben muss, so bis ins kleinste Detail ist alles angesifft. Musik gibt’s passenderweise von den "Dirty Three".

Quelque chose d’organique
Regie: Bertrand Bonello; Mit: Romane Bohringer, Laurent Lucas; F/CAN 1998, 90 min.

Schnarchnase. Außer dem entzückenden Damenbart von Madame Bohringer hat er leider nichts zu bieten.

Still Crazy
Regie: Brian Gibson, Mit: Stephen Rea, Billy Connolly, Bill Nighy, Bruce Robinson, GB 1998, 100 min.

Hervorragende Darsteller in Standard-Handlung. Oder rege ich mich hier über etwas auf, was einfach mittlerweile zum modernen Repertoire der ständigen Wiederaufbereitung gehört? Doch es kommt nichts neues hinzu. Die Dialoge sind einwandfrei, die Schauspieler geben grandiose Verlierer zum besten, und doch... Die Handlung hat den Nährwert des schon mal Gegessenen. Das spiegelt sich auch in der Musik der Gruppe wieder. In den Siebzigern waren sie mit ihrem Glamrock gefeierte Stars bis ihnen der Punk das Rückgrat brach, und in den Neunzigern dürfen sie ihre Auferstehung feiern. Unterstützt werden sie dabei - und jetzt kommt die Realität ins Spiel - von einem Musiker der Achtziger: Falls ich das noch richtig im Kopf habe hat einer der Beteiligten von "Spandau Ballet" den Soundtrack geschrieben. Die Revival-Welle überrollt sich selbst. Siehe dazu auch
Little Voice

The Man Who Drove With Mandela
Regie: Greta Schiller; GB/Südarfika/NDL 1998, 82 min.

Doku mit Spieleinsprengseln. Nelson Mandela war in früheren Zeiten getarnt als Chauffeur eines Weißen auf Revolutionsreise. Dieser Weiße war ein homosexueller, kommunistischer Theaterregisseur, der engagiert im Kampf gegen die Apartheid schließlich doch zur Ausreise gezwungen wurde. Vergessen wurde er nicht: Südafrika ist das bislang einzige Land der Erde, das die Diskriminierung von Schwulen eindeutig unter Strafe stellt. Triumphschrei.

The War Zone
Regie: Tim Roth; Mit: Ray Winstone, Tilda Swinton, Lara Belmont, Freddie Cunliffe; GB 1998, 99 min.

Tim Roth war bislang nur ein klasse Schauspieler, jetzt hat er auch noch einen guten Film gedreht. Allein als Ausgleich für das Schlussbild dieses spröden und verstörenden Films darf er sich auch mal wieder Albernheiten wie "Four Rooms" erlauben.

Trick
Regie: Jim Fall; Mit: Christian Campbell, John Paul Pitoc, Tori Spelling; USA 1998, 87 min.

Boy meets boy, doch nirgendwo ist ein Zimmer frei, um sich auszutoben. Nicht mutig, aber einfach da und ganz selbstverständlich da und deshalb gut und wichtig – und schön wär’s, wenn ihn noch mehr Leute sehen könnten. Zum Wohlfühlen.

Vaarwell Pavel
Regie: Rosemarie Blank; Mit: Valery Kuchareschin, Boris Khvoles, NDL/BRD 1998, 97 min.

Ja, dieser Film lässt sich Zeit. Einsame Menschen in einsamen Hotels, am einsamen Hafen, einsame Schiffe ziehen vorüber und die Kamera schaut ihnen fünf Minuten dabei zu. Auch bei Antonioni war das schon als langweilig bezeichnet worden und seitdem hat sich nichts geändert. Irgendwo war auch Handlung, aber da bin ich wohl schon eingeschlafen.

Vuoti a perdere (Leer und verloren)
Regie: Massimo Costa, Mit: Giancarlo Giannini, Silvia De Santis, Max Malatesta; I 1998, 91 min.

Wie uns der Hauptdarsteller im Anschluss an die Vorstellung weißmachen wollte, ging es um die Unmöglichkeit der Veränderung in einem Land mit vierzig Jahren Stillstand. Wie geht der Staat, wie geht die ältere Generation um ihren Kindern um, deren Leben von Konsum und Geld dominiert wird. Schade, dass er diese Erklärung gleich am Anfang gegeben hat, wir wären ganz gerne selbst drauf gekommen. Giancarlo Giannini, der olle Wertmüller-Veteran, sagte nichts, sondern war ganz sonnenbebrillte Ikone und im Film ganz ausgezeichnet in seiner Mischung zwischen traumatisiertem Cop und ruhendem Pol. Leider gab's dann aus dem Publikum den stimmgewaltigen Einzeltäter, der verbale Selbstbefriedigung praktizieren musste. Dafür kann der Film aber nichts, denn der war eindrücklich und mit bösartiger Schlusspointe – also gut.

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Montag, 27. September 2004