Magister-Hausarbeit
im Fach Neuere deutsche Literatur und Medienwissenschaft
dem Fachbereich Neuere deutsche Literatur und Kunstwissenschaften
der
Philipps-Universität Marburg
vorgelegt von
aus Frankfurt/Main
Marburg 1995
"In allen unseren Filmen versuchen wir erst einmal, uns von der realen Welt, wie wir sie zu kennen glauben, zu entfernen und neue Welten und Kontexte zu schaffen." Joel Coen
Die Brüder Joel und Ethan Coen haben bisher fünf Filme inszeniert. Ihr Erstling, "Blood Simple", entstand 1983, ihr vorerst letzter, "Hudsucker Proxy", 1994. Sie bedienen sich der Themen des gängigen Erzählkinos, wobei sie es verstehen, das scheinbar Bekannte in neue Dimensionen weiterzuführen. Ihre Filme sind weder revolutionär noch angepaßt; für die einen zu banal oder zu verwirrend, für andere zu gekünstelt und "akademisch". Sie werden denn auch recht zwiespältig aufgenommen: Erhielten z.B. "Miller's Crossing" und "Barton Fink" einerseits Auszeichnungen (bei den Festivals von San Sebastian bzw. Cannes), so mokierte man sich andererseits über die gestylte Oberfläche, die Konstruiertheit der Handlung oder die Gefühlskälte der Inszenierung.
Darüber hinaus greifen die Coens auch noch tief in den Fundus der Filmgeschichte, spielen mit Genrekonventionen und der Medienerfahrung ihres Publikums. In ihren Geschichten lassen sie ihre ProtagonistInnen in immer undurchschaubarere Situationen laufen, bis schließlich das Publikum genauso verwirrt ist wie die handelnden Personen selbst. Die Filme setzen sich weniger mit den realen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten unserer Zeit auseinander, sondern sind vor allem filmische Reflexionen über und durch Filmgeschichte und Filmgeschichten. Dazu gehört auch das Zulassen von Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten in ihren Aussagen. Das Nebeneinander von einfachen Geschichten und die Erschütterung von scheinbar festgefügten Erfahrungszusammenhängen wird in optisch brillante Hüllen verpackt. Im Titelzitat kündigt sich an, um was es den Filmen hauptsächlich geht, nämlich um die Schaffung von Kunstwelten, die ihre Wurzeln noch in der realen Welt besitzen, aber unter ihrer Oberfläche unbekannte Strukturen verbergen. Die Coens kombinieren daraus weniger sonderlich tiefgreifende, als vielmehr sehr unterhaltende Spielfilme.
Nach der kurzen Beschreibung der Produktionsbedingungen, soll zuerst der künstlerische Kontext erläutert werden, der sich in seinen theoretischen und verallgemeinernden Ausführungen in den folgenden Kapiteln an Beispielen wiederfinden lassen wird. Die Gemeinsamkeiten der Filme, die sich als eigenständiger Stil der Coen-Brüder definieren, sollen hierbei ebenso herausgearbeitet werden.
Da das Werk der Coens hoffentlich noch nicht abgeschlossen ist und sie erst seit relativ kurzer Zeit Filme inszenieren, fehlt einschlägige, übergreifende Literatur. So stützt sich diese Arbeit auf Interviews, filmübergreifende Zeitungsartikel oder Kritiken - und vor allem auf eigene Überlegungen nach vielen, vielen Kinobesuchen.
Die Überschriften werden größtenteils durch entliehene Dialoge aus den Filmen illustriert.