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Nachtrag zu FARGO und BIG LEBOWSKI
Ich will ja nix sagen. Aber da es sonst niemand tut: Ich
hab es damals schon gewusst. Damals als meine Arbeit gerade fertig war und FARGO noch in
weiter Ferne lag. Denn was steht bei mir als coensches Eingangszitat? Was? "In
allen unseren Filmen versuchen wir erst einmal, uns von der realen Welt, wie wir sie zu
kennen glauben, zu entfernen und neue Welten und Kontexte zu schaffen."
Dann kam FARGO und mit ihm verkündete der Vorspann,
dass nun eine reale Geschichte zu
sehen sein würde, in der man nur die Namen der handelnden Personen "aus Respekt vor
den Toten", wie es hieß, geändert habe (Als ob die beiden vor nur irgendwas Respekt
hätten).
Was war das eine Aufregung in der Filmkritikerlandschaft: Die Coens erzählen eine wahre
Geschichte, wirklich, echt und unverfälscht! Kurz darauf war die Aufregung noch viel
größer: War ja alles gar nicht war, war ja nur ein Trick der giggelnden Brüder, Lüge
und Betrüge, ein Flunkern allerorten! Ja, schlach mich doch, und hols der Hummer.
Das kommt halt davon, wenn man Huldigungsarbeiten bemühter Studentinnen aus
nordhessischen Kleinstädten ignoriert. HA!

Wo wir schon gerade dabei sind - kommen wir jetzt zu meinem Lieblingsthema: Die
Begegnung der Wirklichkeit mit der Fiktion.
Allmählich dürfte es ein eigenes Buch darüber füllen, mit wievielen Finten sich die
beiden Brüder umgeben, wenn sie Auskunft über ihre filmische Arbeit geben sollen. Was
sie da an fingierten Interviews von und über sich in die Öffentlichkeit werfen,
befriedigt zwar allgemeinen Wissensdurst, besitzt jedoch den Glaubwürdigkeitsgehalt von
UFO-Berichten dickleibiger Einsiedler in Utah. Vielleicht war es auch in Arizona.
Mit der Voraussetzung kann man selbstverständlich auch das oben angegebene Zitat in
Zweifel ziehen, aber wo kämen wir denn da hin? Schon die Vorworte oder vorausgeschickten
Interviews in ihren Drehbüchern schubsen einen in ein zwielichtiges Gemenge von
möglichen Wahrheiten und offensichtlichem Unfug (mehr dazu bei den COENBÜCHERn).
Und wie siehts im wirklich fiktiven Leben aus, also in den Filmen? Die Coens
stellen sich gegen die weitverbreitete Vorstellung, Film bilde Realität ab. Gerade
fiktionale Filme wollen das immer suggerieren, der Dokumentarfilm hat sich schon länger
von diesem sinnlosen Unterfangen befreit und eigene Darstellungsformen entwickelt. Wo alle
um Authentizität ihrer Settings bemüht sind und darum gebuhlt wird, wie genau und
realitätsnah ein Film gedreht wurde, umso eher fällt man als Zuschauer eben auch darauf
herein, dass das was gezeigt wird, eben auch genauso (und nicht anders) passiert ist.

In FARGO wird man mehrmals darauf hingewiesen,
dass man vermeintlich wahrhaftigen
Darstellungen nicht trauen sollte bzw. dass sich diese irgendwann doch als falsch
erweisen. Zum einen bietet sich dazu schon das Thema der fingierten Entführung an, mit
der Jerry Lundegaard versucht, Geld von seinem Stiefvater zu ergattern. Zum anderen ziehen
sich neben diesem Hauptbetrug kleinere Episoden des gegenseitigen Lügens und
(Selbst-)Betrügens durch den Film. Deutlich wird das zum Beispiel da, wo die Handlung
stoppt und ein scheinbar sinnloser Exkurs einfügt wird, den einem jeder Drehbuchlehrer um
die Ohren geklatscht hätte: Das Treffen von Marge und Mike, ihrem früheren
Klassenkameraden. Dessen tränenreich formulierte Beziehungsgeschichte stellt sich kurz
darauf als fiktive Mischung aus Wunschvorstellung und Anbaggerversuch heraus. Darauf kann
Marge nur mit traurigem Unverständnis reagieren, ebenso wie auf die sinnlosen Toten, die
Grimsrud hinterlassen hat. Die Fiktion ist eben einfacher zu glauben und zu verstehen als
die Wahrheit. Das sollte man eigentlich schon länger wissen.

Das gilt auch für die, die nicht wissen, wann sie endgültig den Boden unter den Füßen
verloren haben: Jerry behumst nicht nur andere, sondern wird auch selbst Opfer der
Geschäftsspielchen seines Schwiegervaters. Als er am Ende unter falschem Namen in einem
Motel gefasst wird, kann er nur noch wimmern. Carl hingegen meint, schon der Parkwächter
würde ihn ungerecht behandeln, dann schaut die Geldübergabe arg nach einem Trick aus,
schließlich wird er von Grimsrud - nunja - wortwörtlich übers Ohr gehauen. Zusätzlich
ist die Autoverkäufer-Branche nach den Gesetzen der Vorurteilsregelung eh prädestiniert
dafür, den Käufern was vom Pferd zu erzählen, was ebenfalls an einigen Beispielen
belegt wird.

Wir finden uns also in einer Welt wieder, in der Betrug, Misstrauen und ein eher laxer
Umgang mit der Wahrheit gang und gäbe sind; selbst die Sicherheit auf das Gelingen eines
eigentlich ganz einfachen und narrensicheren Verbrechens ist nicht mehr gewährleistet.
Dieser Welt wird die verschrobene Idylle von Marge und Norm entgegengesetzt,
glücklicherweise aber nicht als pathetische Huldigung an das friedvolle Familienleben.
Denn dieser Lösung sollte man ebenfalls so einfach nicht trauen. Denn was ist denn von
einer Familie zu halten, die einige Male mit ekligem Gewürm, Krabbelkäfern und
ausgestopften Vögeln in Verbindung gebracht wird, und wo alles Verbrechen an der Frau
ungerührt abperlt? Eben.
Was war Realität noch mal? "Realität ist was für Leute, die mit Drogen nicht
zurecht kommen." Toller Übergang, was? Denn damit finden wir uns jetzt im
kuscheligen Badezimmer von Jeff Lebowski, unser aller Lieblingshippie, wieder.
BIG LEBOWSKI empfehle ich übrigens als Kino-Doppelnacht mit "Fear and Loathing in
Las Vegas" von Terry Gilliam. Darauf einen Pilz, Freunde!
Der Dude ist ein Beispiel dafür, wie man ganz selbstverständlich Wahrheit und Realität
entsagen kann. Ähnlich wie Marge in FARGO ist auch er ein gänzlich Unbedarfter, der
plötzlich in ein Verbrechen hineingezogen wird. Hier wird ebenso betrogen und geflunkert,
werden Tatsachen verdreht oder schlichtweg ignoriert. Bunny wurde nicht entführt; ihr
Mann braucht das Geld selber; Maude benutzt den Dude nur, um schwanger zu werden, nachdem
sie sich durch einen Arzt Sicherheit über seine Zeugungsfähigkeit verschafft hat. Die
Deutschen nutzen die Gunst der Stunde, um auch etwas vom Kuchen abzukriegen, und hacken,
um die Dringlichkeit ihres Anliegens zu untermauern, schon mal der eigenen Freundin den
Zeh ab, lauter gefälschte Beweisstücke - und wehe jemand tritt beim Bowling über! Das
Gesetz übertreten! Wir sind hier schließlich nicht im Dschungel! Dem sterbenden Donny
kann man zum Schluss auch noch vormachen, dass der Hubschrauber schon unterwegs sei.

Das ganze soll sich laut Erzähler in einer Zeit abspielen, in der George Bush das Sagen
in Amiland hatte und sich gerade mit den Irakis kloppte. Bekanntermaßen wurden da ja auch
Bilder geliefert, denen man nicht trauen konnte, Maschinenbilder, Videospiele, auch sie
fern den wirklichen Zuständen. Ein Fernseher im Supermarkt zeigt uns am Anfang ein
Statement des Staatschefs und im Traum des Dude taucht auch noch Saddam der Schuhverteiler
auf. Durch die Einbindung in ein reales Geschehen könnte der Anachronismus des Dude noch
verstärkt werden. Doch passt der Dude viel besser in diese Zeit als in die
nostalgieumwobenen Siebziger. Gerade um ein Gegenbild zu entwerfen, gerade um eine
Verweigerungshaltung einzunehmen. Er ist tatsächlich der richtige Mann am richtigen Ort.
Den Gegenpol zu ihm, aber doch ihm wieder ähnlich, bildet Walter, auch ein Relikt
vergangener Zeiten. Beide leben auf ihre Weise die Erinnerung an alte Zeiten aus, der Dude
indem er übergangslos das Ideal seligen Hippietums lebt, Walter indem er bei jeder sich
bietenden Gelegenheit über die Jungs draußen im Dschungel räsoniert. Das eine ist die
friedliche Welt, das andere "the world of pain". Mit beiden Methoden scheint man
in der heutigen Welt nicht mehr durchzukommen. Trotzdem haben sich am Schluss
alle
Intriganten selbst in den Fuß geschossen. Leider bleibt dabei halt den Erfolgreichen,
aber Stillen (Donny) vor Aufregung das Herz stehen. Nunja, das Leben geht weiter, und die
Bowlingbahn, eigentlich das Refugium geistig mürber Traditionalisten wird zum Hort des
Widerstands gegen den Unbill scheinreicher Konservativer, selbsternannter Künstler und
aller Ordnungsliebender.

Früher hatte ich es mir zur Aufgabe gemacht, verschiedene Genres bei den Coens zu
entdeckten und rechnete fest damit, demnächst einen Western von ihnen zu sehen zu
bekommen. Aber bei FARGO und BIG LEBOWSKI? Genres? Was für Genres? Ich bin dafür,
demnächst das Genre "Entführungsfilm" auszurufen. In beiden Filmen finden zwar
Entführungen statt, richtige oder fingierte sei mal dahingestellt, doch eigentlich geht
es in diesen Filmen nicht hauptsächlich um Entführungen - genauso wenig wie es in
Road-Movies um Straßenverkehr geht. Entführungen sind nur ein guter Aufhänger für
Schilderungen ganz anderer Art. Das ist ja das Schöne an Entführungsfilmen; sonst drehe
ich demnächst einen Entführungsfilm aus der Sicht des Opfers, während es den Kopf unter
einem Jutesack trägt, uäh....
Auch hierzu solls noch eine Anmerkung geben: Über-Selbst und Unter-Ich. Jetzt
heißt das Selbstreff... Selbstrefrenziall... Selbstreferentialität - genau! - damals
musste ich noch überlegen, ob es den Begriff offiziell überhaupt gibt, mittlerweile
scheint es dazu selbst VHS-Kurse für engagierte Hausfrauen zu geben, die stärker auf ihr
persönliches Werk im Töpferkurs Bezug nehmen wollen. Mein Computerrechtschreibprogramm
streicht mir den Begriff immer noch rot an. Kann sein, dass ich damals irritiert vieles,
was Selbstreferentialität heißen sollte, durch Selbstreflexion ersetzt
habe. Dabei ist das nun wirklich nicht dasselbe.

Steht das Thema Selbstreflexion an, gerät man unweigerlich in tiefe Depression. Es
bedeutet, dass wir nun mal über uns selbst nachdenken, unser bisheriges Tun reflektieren
und in uns gehen sollen. Grusel. Wer will das schon (Was mach ich hier eigentlich)?
Selbstreferentialität hingegen erkennt man am Einverständniskichern der wissenden
Gemeinde; es bedeutet Insiderjokes für Autisten. Aber ich erklärs auch gerne:
Alle, die nicht in der Gruppe der Eingeweihten sind, sitzen verdutzt da und wissen nicht,
worüber sie lachen sollen. Möglicherweise war da zwar eben eine komische Szene, aber es
scheint so, als wäre da noch etwas. Dieses "noch etwas" braucht man nicht
unbedingt zu kennen, um weiterhin der Handlung folgen zu können, aber man wird das dumme
Gefühl nicht los, als gäbe es da noch eine Parallelhandlung, an der man nicht teilhaben
kann.
Beispiel gefällig?
Der Dude wird von jemandem in einem VW-Käfer verfolgt. Endlich hat er die Schnauze voll
und stellt sein Anhängsel zur Rede. Wir sehen einen nervösen, ängstlichen
Privatdetektiv, der tollpatschig seinen Auftrag erklärt und den Dude um Zusammenarbeit
bittet. So weit, so Handlung.
Jetzt zur Parallelwelt: Spätestens seit BLOOD SIMPLE sind wir gegen VW-Käfer
misstrauisch. Darin lungern nämlich auch Privatdetektive, und was für welche:
Schmierige, fette, fiese Killer! Und so einer soll jetzt dem Dude auf den Fersen sein? Ja
ganz sicher, der Wagen verhält sich genauso wie wir es kennengelernt haben. Er taucht
plötzlich und hartnäckig auf, verschwindet ebenso plötzlich wieder, hält in lauernder
Entfernung, ohne dass man darin eine Person genauer erkennen könnte. Bei der devoten
Fangemeinde setzt sich nun bereits ein ungutes Gefühl in der Magengegend fest, während
der Rest nur denkt: Naja, der Dude, der wird halt beschattet.

Aber es geht noch weiter. Aus dem Wagen steigt eben nicht nur - gegen die
Erwartungshaltung der Eingeweihten - ein verunsicherter Detektiv aus, sondern es ist auch
noch Jon Polito. Jon Polito? Jon Polito? Die einen kichern, die anderen finden den Typ
auch so ganz albern. Jon Polito nimmt bei den Coens allmählich die Maskottchenfunktion
ein, die früher Steve Buscemi innehatte, bevor er endlich berühmt wurde. Er tauchte
zuerst als fieser Gangster in MILLERS CROSSING auf, dann als unterwürfiger
Handlanger in BARTON FINK und danach absolvierte er noch einen kurzen Gastauftritt als
cholerischer Geschäftsmann in HUDSUCKER PROXY. Hier reinkarniert er sich als Kreuzung aus
den beiden erstgenannten Figuren und bildet damit einen wunderbaren Kontrast zu der
eigentlich erwarteten Figur, nämlich der des schmierigen Killer-Detektivs in Gestalt von
M. Emmet Walsh. Dann wedelt unser Detektiv noch mit einem Foto der Farm der Gundersons aus
Minnesota, da wo Bunny herkommt. FARGO wedelt mit.
Es sind solche Szenen, die bei Coen-Kritikern immer ein ärgerliches Flackern in den Augen
auslösen. Denn die ganze Szene trägt nichts weiter zum Fortgang der Handlung bei und
erweckt das Gefühl, sie wäre, wenn nicht extra für Jon Polito, dann doch für die
coensche Selbstbelustigung geschrieben worden. Und das darf selbstverständlich
nicht sein!
Der dauernde Verweis auf sich selbst und das eigene Werk, der spielerische Umgang mit der
(eigenen) Filmgeschichte, das riecht nach allzu sorglosem Umgang mit den geheiligten
Ingredienzien mehr oder weniger ehrwürdigen Kulturguts. Wer jetzt "Postmoderne"
schreit, wird sofort von mir erschossen, und wer glaubt, darüber diskutieren zu müssen,
darf das gerne mit seiner Parkuhr besprechen, aber hier nicht.

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