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Home >> Kino: Filme > Alles auf Zucker!

Alles auf Zucker!

Zucker ist alles andere als süß, sondern ätzend und gemein. Er lügt und betrügt und hat nur seinen eigenen Vorteil im Kopf. Jakob Zuckermann (Henry Hübchen) ist Zucker. Jaecki Zucker, der manches Mal sogar witzig und charmant sein kann, ein typischer "Lucky Loser" eben. Er ist eigentlich Geschäftsführer in einem Puff, doch da der Laden nicht viel abwirft, muss er seinen Lebensunterhalt mit Billardturnieren bestreiten. Oder eben mit dem Abzocken von Loser-Kollegen. Wenn ihn dann noch die Frau rauswirft und der eigene Sohn die Rückzahlung eines Bankkredites einfordert, "ist die Kacke so richtig am Dampfen". Doch diese Probleme sind nichts im Vergleich zu dem, was sich jetzt anbahnt: Familienbesuch.

Zucker ist Jude. Doch seit vielen Jahren, als ihn seine Mutter und sein Bruder hinter der Mauer in der DDR zurückließen, hat Zucker keinen Kontakt mehr zu Religion und Familie. So lässt es ihn kalt, als er erfährt, dass seine Mutter gestorben ist und in Berlin begraben werden möchte. Samuel (Udo Samel), Zuckers Bruder aus Frankfurt, kündigt seinen Besuch an. Zucker flucht. Ausgerechnet der verhasste Bruder will bei ihm wohnen und in seiner Wohnung die Shiva, die siebentägige jüdische Totenmesse abhalten. Zuckers Ehefrau Marlene (Hannelore Elsner), die Jaecki aus Mitleid wieder bei sich einziehen lässt, wird aktiv. Im Rumkucken hat sie die kleine, spießige Plattenbauwohnung Juden tauglich gemacht, hat Unmengen koscherer Lebensmittel eingekauft, einen siebenarmigen Leuchter ins Regal gestellt und die Messusa, eine kleines Thoraröllchen an den Türrahmen gehängt. Samuel, der Bruder, kann kommen. Doch Samuel kommt nicht alleine, sondern in Begleitung seiner gesamten "Mischpoke", seiner dicken, nimmersatten Ehefrau, seiner nymphomanischen Tochter mit Modelmaßen und seines orthodoxen Sohnes. Alle kommen, um der Verlesung des mütterlichen Testaments beizuwohnen. Und was jetzt passiert ist witzig bis aberwitzig.

Levi, selbst Jude, bespielt jedes nur erdenkliche Klischee, dem sich Juden seit Jahrhunderten ausgesetzt sehen. Instinktsicher mokiert er sich über jüdische Geldgier, Neid und Schein-Heiligkeit. Kein Wert und keine Tradition sind vor seinem, bzw. Zuckers respektlosem Lästermaul sicher. Samuels Familie ist nicht respektvoller, und so dauert es nicht lange, bis die heile Welt der beiden Familien gründlich erschüttert wird.

Henry Hübchen alleine ist das Eintrittsgeld wert. Ihm und seinem tragisch-komischen Leben könnte man stundenlang zusehen. Auch Hannelore Elsner und das jüdische "Gruselkabinett" sind mit viel Liebe zum Detail entwickelt und inszeniert. Levi, der mit Holger Franke das Buch geschrieben hat, bewegt sich in dieser manchmal leider etwas konstruierten Geschichte stets an der Grenze zur Geschmacklosigkeit. Aber warum nicht? Endlich wagt es jemand, sich über Juden zu amüsieren, etwas, was hierzulande immer noch schwer fällt. Zu Levis Ehrenrettung ist zu sagen, dass er für diesen Film Unterstützung und Segen der jüdischen Gemeinde in Berlin bekam. Dort lieben sie den Film.

Vielleicht tun sie das auch wegen der ernsthaften Komponente von "Zucker". Levis Mutter musste 1939 mit 12 Jahren aus Berlin fliehen. Und für Levi sind seine Filme mit jüdischer Thematik wie "Meschugge", "Ohne Mich" und "Hannah und ihr Papa" seine Art, das Gespräch mit seiner Mutter zu suchen. Diese hat nämlich nie über ihre Jugend kommuniziert oder gar aufgeklärt. Die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und Religion ist Levi in diesem Film besser gelungen als in den genannten Filmen zuvor.

3 Punkte - Kritik von Christoph Brandl

Regie: Dani Levy
Besetzung: Henry Hübchen, Hannelore Elsner, Udo Samel
Kinostart: 06.01.2005

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Dienstag, 19. Oktober 2004