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All Or Nothing
Mit dem Namen Mike Leigh verbindet man nicht unbedingt ausgelassene Komödien. Allein, was 1992 "Naked" an Depressionen auslöste, reichte für ein halbes Leben. Danach wurde es zwar beispielsweise mit "Secrets and Lies" (1996) und "Career Girls" (1997) etwas besser, aber zum Lachen ging man sicherheitshalber doch noch in den Keller. So muss man sich eben auch bei diesem Film von vornherein darüber im Klaren sein, das es wieder ganz schrecklich wird und die englische Gegenwart noch immer einiges an Trostlosigkeit bereithält
– wenn auch nicht ganz ohne Hoffnungsschimmer:
In einer Londoner Hochhaussiedlung fristen die Einwohner ihr tristes Leben, zwischen Job, Essen und kleinen Fluchten bleiben Zuneigung und Verständnis weitgehend auf der Strecke. Das Paar Phil und Penny lebt zwar noch mit den beiden erwachsenen Kindern zusammen, aber viel zu sagen haben sich alle nicht mehr. Pennys Arbeit als Supermarktkassiererin wird durch die Treffen mit ihren Freundinnen auch nicht lustiger: Die alleinlebende Maureen muss ihre Tochter vor deren dumpfbackigem Freund schützen, und Nachbarin Carol erträgt alles nur noch im Dauersuff. Auch Phil hat keinerlei Motivation, morgens allzu früh zu seinem Job als Taxifahrer aufzubrechen. Erst eine dauerplappernde, französische Passagierin erinnert ihn daran, dass es in seinem Leben mal so etwas wie Liebe gegeben hat.
Die Ausschnitte aus den verkorksten, im günstigsten Fall bloß öden Leben, fügen sich erst im Laufe der Zeit zu einer Handlung, bei der der Verlauf unvorhersehbar und der endgültige Ausgang offen bleibt. Hier geht man kaputt im Privaten, reibt sich an der Familie auf oder hat das größte Problem einfach mit sich selbst. Gründe für die Tristesse werden schon lange nicht mehr gesucht, am wenigsten am System. Das zu beschreiben und zu registrieren, nah an den Leben zu bleiben, den Menschen trotzdem eine geradezu abwegige Hoffnung zuzugestehen, das zeichnet Mike Leigh und seine Crew aus.
Hätten sich seine Darsteller nicht mittlerweile doch zu einer Art Stars entwickelt, könnte man meinen, er würde sie sich immer direkt von der Straße holen. Durch die Jahre hat Leigh mit seinen Schauspielern einen Arbeitsstil entwickelt, der das Drehbuch erst anhand von Improvisationen entstehen lässt. Nicht zuletzt mit dem Auffinden echter Orte führt das zu einer Wahrhaftigkeit und Realitätsnähe, die man zum einen nicht häufig auf der Leinwand findet und die zum anderen einen erstaunen lässt darüber, was es da draußen in der Welt nebenan noch so alles gibt. Hin und wieder gerät das schon in Vergessenheit
– bei all den Heldendramen, die einem sonst so serviert werden.
Immer kann man sich so was nicht antun, da einen sonst die große Deprikeule niederstreckt. Freilich lässt Leigh die Hoffnung nie völlig fahren, und so ist man am Ende zwar einigermaßen erschöpft, doch die Aussicht auf eine wie-auch-immer aussehende, aber zumindest wieder vorhandene Zukunft versöhnt Protagonisten wie Publikum. Zusammen mit "Halbe Treppe" könnte das der Beginn einer wunderbaren Videosammlung zum Thema "Weinende dicke Männer" werden.
Wenn, ja wenn ... der Regisseur sein Anliegen nicht allzu arg in die Länge gestreckt hätte. Es will und will einfach kein Ende nehmen und wenn es dann doch kommt, schreckt man erstaunt hoch. Der selbe Effekt lässt sich auch bei siechen, vor sich hinbrabbelnden Opas begutachten, die jahrelang die schrecklichen Geschichten vom Kriech erzählen, wo schon keiner mehr hinhört - aber wehe, Opa stellt das Reden plötzlich ein. Dann ist die Bestürzung groß: "Eigentlich", denkt man dann, "eigentlich war's ja gut, dass er uns das mal erzählt hat. Weil's ja sonst keiner tut. Wenn er bloß nicht immer so trantütig geklungen hätte ..." Denn das ist leider auch der größte Fehler dieses Films und das nehme ich Mike Leigh wirklich übel: Dieser Dauereinsatz von triefiger Kitschmusik, die er einem von der ersten Sekunde an auf die Ohren klatscht. Damit aktiviert er genau jenes eklige Betroffenheitsgefühl, das man doch eigentlich mit der Flucht vor den Hollywoodklischees umgehen wollte.
Det hab ick nich vadient, Mann....
3 Punkte - Kritik von Judith Göbel
Regie: Mike Leigh
Besetzung: Timothy Spall (Phil), Lesley Manville (Penny), Alison Garland (Rachel), James Corden (Rory), Ruth Sheen (Maureen), Marion Bailey (Carol)
Produktion: Simon Channing Williams, Alain Sarde
GB / Frankreich 2002
Länge: 128 min.
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