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Home >> Kino: Filme > Atash

Atash

Wir sitzen in unseren modernen Wohnungen und Häusern und die ganze Welt steht uns offen. Für 20 Euro können wir uns Billigflüge in andere Länder leisten und unsere Gesetze garantieren – zumindest auf dem Papier – Freiheit und Gleichberechtigung. Dennoch fühlen wir uns nur allzu oft beengt und eingeschränkt, gefangen in unserem Alltag.

Die palästinensische Familie, deren Leben uns "Atash" einfühlsam näher bringt, kennt eine vollkommen andere Art der Enge. Außerhalb des Dorfes, mitten im Nirgendwo und absolut einsam lebt die fünfköpfige Gemeinschaft im selbstgewählten Exil. Freiheit, wohin das Auge sieht, Beengung und Beschränkung, wenn man zu verstehen beginnt, warum diese Familie zehn Jahre in zerfallenen Baracken und ohne fließendes Wasser auskam. Die Gesellschaft, aus der sie floh, vergibt nicht. Gamila, die älteste Tochter, ist noch immer als Hure verrufen. Ob sie nun belästigt wurde oder selbst Schuld trug, wird nie vollkommen geklärt, aber es macht auch keinen Unterschied. Wichtig ist die Gegenwart oder besser gesagt das Überleben. Und daraus ergibt sich eine Situation, die für keines der Familienmitglieder leicht auszuhalten ist.

Shukri, der einzige Sohn, wird in der Schule verprügelt, weil der Ruf seiner Schwester auch ihn abwertet. Dem Vater wäre es ohnehin lieber, wenn Shukri nicht zur Schule ginge und somit mehr Zeit in die Kohleproduktion investieren könnte. Keines der Kinder möchte sein Leben weiter im Nirgendwo verbringen, aber der einzige Ausweg wäre, die älteste Tochter aufzugeben. Wir werden Zeuge, wie Gamila - weinend und gebrochen - ihren Vater dazu auffordert, sie doch endlich zu töten. Eine Handlung, die in der Gesellschaft besser angesehen wäre, als die Flucht ins Exil.

"Atash" bedeutet Durst. Zu Anfang werden wir konfrontiert mit dem vollkommen materiellen und natürlichen Durst nach Wasser und je länger das Wasser durch die neu gebaute Wasserleitung fließt, desto mehr geht es um den Durst nach Freiheit, Selbstverwirklichung und einem ganz normalen Leben. Der Film ermöglicht es uns, als stiller Beobachter am Alltag einer ungewöhnlichen palästinensischen Familie teil zu nehmen. Von Anfang an werden ambivalente Gefühle beim Zuschauer geweckt. Auf der einen Seite gewinnen wir Eindrücke von der Weite der Natur, die nahezu unendlich scheint, andererseits spüren wir die Enge der gesellschaftlichen Normen sowie jene der psychischen Einsamkeit. Die Charaktere sind sehr facettenreich angelegt und tragen eben diese Ambivalenz in sich.

Das Erzähltempo von Atash ist langsam und spiegelt innere Ruhe wieder. Ruhe, die viele europäische Kinogäste möglicherweise nicht besitzen. Dementsprechend wirkt der Film langatmig und bisweilen etwas zäh. Regisseur Tawfik Abu Wael hat sein Spielfilmdebüt, mit Ausnahme der weiblichen Hauptrolle, komplett mit Laiendarstellern besetzt. Ergeben hat sich eine ergreifende schauspielerische Leistung sämtlicher Darsteller, die gekonnt eingefangen wurde. Die fast schon verspielt anmutende Kameraführung wurde auf zwei Filmfestivals ausgezeichnet und unter den insgesamt sechs Auszeichnungen findet man auch den FIPRESCI Award der Semaine de la Critique in Cannes.

Fazit: Nachdenklich stimmendes Kino, das uns in eine andere Kultur mit fremden Regeln entführt, in der wir letztlich doch nur ganz normale Menschen wieder finden. "Atash" ist geprägt von beeindruckenden Bildern und frei von Rührseligkeit, wirkt aber leider teilweise ein wenig in die Länge gezogen.

3 Punkte - Kritik von Anja Habermehl

Palästina/Israel 2004
110 min.
Regisseur: Tawfik Abu Wael
Bundesstart: 14. April 2005

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Dienstag, 29. März 2005