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Home >> Kino: Filme > Die Bourne Identität

Die Bourne Identität (Bourne Identity)

Arme Franka Potente. Die Frau mit dem pseudonymartigen Namen und dem schier grenzenlosen Sympathiepunktevorrat hat mit diesem Film die Aufgabe erhalten, die heimische Filmwirtschaft wenn nicht zu retten, so doch zumindest nach Hollywood einzuführen. Das geht folgendermaßen: Uns Franka darf mit Matt Damon schmusen, muss aber gleichzeitig mit dem Fuß die Tür für die deutschen Hofschranzen aufhalten. Die stehen jammernd draußen und behaupten, ach Amerika, das wäre ja nicht so ihr Ding und sie wollten lieber in Europa blablablaaaah.... während sie doch nächtelang vor dem Spiegel stehen und die Oscar-Dankesrede üben für ihre Rolle als Salatbeilage an Robert De Niros Schnitzel. Darüber könnte man glatt vergessen, dass es sich hier einfach um einen stinknormalen Film handelt – tun wir aber nicht:

Im Mittelmeer zieht eine italienische Fischermannschaft einen halbtoten Mann (Matt Damon) aus dem Wasser. Der hat zwei Kugeln im Rücken stecken und sein Gedächtnis irgendwo in den Wellen zurückgelassen. Nach zwei Wochen einigermaßen auskuriert, macht er sich an Land auf die Suche nach seiner Identität. Einziger Hinweis ist eine Bankfach-Adresse, die er in seiner Hüfte stecken hatte (Sachen gibt's...), und so macht er sich auf nach Zürich (Prag). Dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt, wird ihm ziemlich schnell klar: Erst sind es nur seine spontanen Sprachkenntnisse, schließlich auch noch seine körperliche Schlagkraft, die ihn mindestens ebenso verblüffen wie die schweizerischen Ordnungshüter, die das als eine der ersten zu spüren kriegen. Dann verfolgen ihn plötzlich noch weitere Leute, ohne dass er sich erinnerte, woran das jetzt wohl wieder liegen könnte. Er findet unerwartet Hilfe bei einer Deutschen mit Geldproblemen (Franka, Franka!!!), die ihn mit ihrem Auto nach Paris bringt. Jetzt werden beide verfolgt, und immerhin wir haben mittlerweile erfahren, dass mal wieder ein Geheimdienst dahintersteckt.

Spätestens seit "Die drei Tage des Condor" sollte man wissen, dass Geheimdienste ab und an dazu neigen, ihre eigenen Leute umzunieten bzw. umnieten zu lassen. Wieso sie das wollen, ist völlig unerheblich. Wichtig ist nur, dass die Organisation, für die die Hauptperson bislang gearbeitet hat, sie fallen lässt und sich der Held unvermittelter Dinge auf der Gegenseite sieht, ohne recht zu wissen, was zur Hölle eigentlich passiert ist. Das schafft ein gehöriges Maß an Irritation, Hilflosigkeit und Einsamkeit. Die möglicherweise ehemaligen Freunde sind vielleicht Feinde oder umgekehrt oder so. Somit gerät die Suche nach der Wahrheit zugleich zur Flucht und zur Jagd. Schwieriger wird es noch, wenn erst einmal die eigene Position zu klären ist und der Held unter enormen Zeitdruck mal kurz die existenziellen Fragen klären muss: "Wer bin ich, woher komm ich und warum wollen die mich alle umbringen?"
Das bewirkt schon einiges an Anteilnahme i.e. Spannung, und eigentlich kann dabei relativ wenig schiefgehen, außer dass der Plot fast schon klassisch ist und die "Auflösung" des Rätsels niemanden mehr überraschen kann. Oder hat tatsächlich jemand geglaubt, es würde sich bei unserem Mann vielleicht doch um den schwulen Sohn des Präsidenten handeln, der vom Sicherheitschef des Weißen Hauses gejagt wird, damit der Ruf der Familie ... war nur so 'ne Idee.

Da wir uns also um das WAS des Films nicht viel Gedanken machen müssen, interessiert vielmehr das WIE.Die Bourne Identität
Der Film jagt durch viertel Europa und schafft es dabei, zum einen die vorhandene Sprachenvielfalt auszunutzen, was sehr viel zur gelungenen Atmosphäre beiträgt. So darf Marie auch auf Deutsch rumfluchen und Jasons Sprachkenntnisse verstärken anfangs eher noch seine Identitätsverwirrung. Somit fürchte ich mich ziemlich vor den deutschen Synchronisationsversuchen. Zum anderen finden sich gänzlich unexotische Plätze, da das ganze auch noch im nassen Winter spielt. Kein Ort, keine Identität, die zum Rasten einlädt; nichts, wo man sich gemütlich einrichten oder zuhause fühlen könnte. Diese Verortung eines außergewöhnlichen Ereignisses in eine realistische Umgebung hebt den Film wohltuend von der üblichen Agenten-Fantasy ab.

Matt Damon gibt sich größte Mühe, seine Bubi-Hülle mit einem Hauch Zwiespältigkeit auszustatten. Aber er ist einfach kein hard boiled, und so steht nie zur Debatte, ob sein wahrer Charakter nicht doch ein fieser mieser sein könnte. Das würde auch ein ziemliches Hallo geben, wenn die beiden am Ende ihrer Suche feststellen müssten, dass er ein veritables Arschloch ist. Schließlich muss zwischen der Action ja eine Lovestory transportiert werden, deren guter Ausgang das Fernziel der zwei Hauptpersonen ist – und da macht sich ein Arschloch ganz schlecht. 
Übrigens ist Jason Bourne noch in zwei weiteren Büchern von Robert Ludlum der Hauptdarsteller, von daher haben wir wohl noch den ein oder anderen Fortsetzungsfilm zu erwarten – falls die Welt tatsächlich noch mehr Serien-Agenten benötigt.

Um noch mal auf die Frau vom Anfang zurückzukommen: Potentes Marie verkommt nicht zum kreischenden Hascherl, das mal eben mitgeschleppt wird, sondern weiß durchaus ihren eigenen Willen durchzusetzen. Dass sie dabei wie jeder vernünftige Mensch manchmal einfach nur dastehen kann, weil sie nichts mehr versteht und an ihre Grenzen stößt, macht sie zu einem normalen, greifbaren und angreifbaren Menschen, fernab des Aufhebens, das die filmjournalistischen Glamourbeauftragten jetzt veranstalten, die nur darauf hecheln, dass Frankas Sternenglanz endlich auch ein wenig in ihre Richtung herüberleuchtet.

Zum Schluss noch eine schöne Kleinigkeit: Während ein Auto-Großkonzern einen Packen Hunnis für seine Produktwerbung bei "Men in Black II" hingeblättert hat, brettert hier ein namhaftes, winziges Schrott-Vehikel allen Häschern davon, was von größerer Zuverlässigkeit zeugt als jeder noch so gelackte Werbespot vermitteln könnte – so schön kann Schleichwerbung sein.

4 Punkte - Kritik von Judith Göbel

Regie: Doug Liman
Besetzung: Matt Damon, Franka Potente, Chris Cooper, Clive Owen, Brian Cox, Adewale Akinnuoye-Agbaje
USA 2002
Webseite: http://movies.uip.de/bourneidentity

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Montag, 27. September 2004