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Home >> Kino: Filme > Bowling for Columbine

Bowling for Columbine

Michael Moore, einer der letzten aufrechten Sozialisten (der andere ist Ken Loach), hat sich erneut der amerikanischen Sache angenommen. Nach "Roger and Me", dem Dokumentarfilm über die Auswirkungen der Massenentlassungen bei General Motors, mit dem Moore bekannt und berüchtigt wurde, widmet er sich nun dem uramerikanischsten aller Themen – dem Waffenfetischismus.

Ausgehend vom Schulmassaker an der Columbine Highschool in Littleton geht es auf eine Reise durch ein Land, in dem es sich seine Bewohner zur Tradition gemacht haben, die eigene Bevölkerung jedes Jahr mittels Schusswaffen um über 11 000 Personen zu dezimieren. Elftausend. Pro Jahr. Da müsste die UN eigentlich mal Truppen vorbeischicken...

Anhand von Interviews und unterschiedlichen Filmschnipseln aus Nachrichtensendungen, Reality-TV-Shows, Überwachungskameras, Werbe- und Trickfilmen erforscht Moore, warum ausgerechnet die Amerikaner eine derart drastische Anzahl an Toten zu verzeichnen haben. Aus all dem wird deutlich, dass dies bedingt wird durch die Angst, die die amerikanische Geschichte seit ihren Anfängen geprägt hat ("Theory of Fear"): Angst vor den Engländern, Angst vor den Sklaven, den Kommunisten oder seit neuestem eben den Taliban, die man einst unterstützte aus – genau – Angst vorm Russen.

Moores Argumentationen mögen einige Male zu kurz gegriffen sein. Wie Terrorismus entstehen kann, da mögen die Gründe doch etwas komplizierter liegen. Aber dass jemand überhaupt einmal Verbindungen aufzeigt, wie dies alles begünstigt werden kann, und schlicht die Fakten aufzählt, ist dennoch aufrüttelnd. Vertreter der Rüstungsindustrie, der Bürgerwehren und die allmächtige National Riffle Association (NRA) mit ihrem Vorsitzenden Charlton Heston oder die Jugendlichen, die sich Napalmbomben zusammenmixen – sie alle bilden ein Panoptikum, bei dem einem wirklich angst und bange werden kann. Deren Credo lautet: Wer nicht mitmacht, ist kein guter Amerikaner; wer keine Waffe hat und Frau, Kind, Hof und Mikrowelle im Stich lässt und nicht selbst in den Kampf zieht, ist kein Patriot. Für eine gepflegte Paranoia braucht es eben keinen konkreten Anlass.

Bowling for ColumbineSo holt der Regisseur zu einem sozialkritischen Rundumschlag aus. Denn den Waffenkonsum sieht er auch als eine der Folgen eines grenzenlosen Kapitalismus (Dass in dem Film nicht auch noch die Wahlmanipulation von George W. Bush angesprochen wird, ist erstaunlich, aber dazu schreibt Moore ja auch noch Bücher und im Internet). Die allerorten beschworene uneingeschränkte Solidarität schließt nicht alle Bürger mit ein: Schwarz, arm, von einem absurden Sozialsystem schikaniert – einem Großteil der Bevölkerung verweigert der Staat seine angeblichen Errungenschaften von Freiheit, Wohlstand und dem Streben nach Glück. Hier lässt Moore auch die Opfer zu Wort kommen, die mehr als einmal ihren Schmerz kaum in Worte fassen können.

Deshalb belässt er es nicht bei Worten, sondern schreitet zur Tat: Mit zwei Opfern aus Littleton besucht er die K-Mart-Supermarktkette, bei der sich die Täter ihre Munition besorgten, und konfrontiert die Händler mit dem Ergebnis ihres Deals. Und auch der Vorsitzende der NRA bekommt Besuch. Es gehört einiges an Mut und Wut dazu, Charlton Heston erst mit einem Interview zu ködern und ihn dann in dessen Haus mit dem Foto eines kleinen Mädchens, das erschossen wurde, in die Flucht zu treiben.

Der Vorteil von Moores polemischer Strategie ist klar: Keine Entschuldigung, kein Aber wird mehr zugelassen. Messerscharf wird seziert, was sonst im Gelaber unterzugehen droht. Das große Verdienst dieses Films ist außerdem, dass er durch seinen schnoddrigen, schwarzhumorigen Ton fesselt. Dem Thema selbst haftet etwas Groteskes, Absurdes an. Dass solchen Bekloppten wie Herrn Heston derart viel Macht zuteil wurde, kann nur an einem ganz wahnwitzigen Plan liegen, den sich ein noch größerer Irrer ausgedacht haben mag. Und dann ist irgendetwas ganz schrecklich schiefgegangen.

So entsteht ein außergewöhnlicher, erschütternder Horrorfilm, der von uns fordert, schleunigst eine Gegenstimme zu erheben: Nicht gegen Amerika, sondern gegen DIESES Amerika.

"Thanks for not shooting me..."

5 Punkte - Kritik von Judith Göbel

Autor/Produzent/Regie: Michael Moore
Produzenten: Kathleen Glynn, Michael Donovan, Charles Bishop, Jim Czarnecki, Wolfram Tichy
USA / Kanada / Deutschland 2002
Länge: 122 min.
Webseite: www.michaelmoore.com
Webseite: http://www.bowling-for-columbine.de/

Vom selben Regisseur: Fahrenheit 9/11

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Montag, 27. September 2004