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Das geheime Leben der Worte
“There are very few things: Silence and
words“
Hanna ist die vorbildlichste Arbeitskraft, die ein Arbeitgeber sich nur wünschen kann. Sie nimmt nie Urlaub, war kein einziges Mal krank und niemals zu spät. Sie bringt sogar ihr eigenes Essen mit in die Kantine – Reis, Hühnchen und Äpfel.
Zuhause wäscht sie sich die Hände mit Mandelseife. Dafür nimmt sie jedes Mal ein frisches, in Plastik eingepacktes Stück. Die stille blonde Frau handelt an den Maßstäben dessen, was wir als „normal“ bezeichnen, absonderlich. Aber Menschen haben immer auch Gründe für ihr Handeln. Selbst wenn diese nur noch als Stimmen aus der Vergangenheit auftreten, als stille Schreie der Verzweiflung, des Leids und der Trauer. Wenn sie ihre Umgebung nicht mehr ertragen kann, schaltet die junge Frau einfach ihr Hörgerät aus.
Hanna möchte keinen Urlaub nehmen und als sie auf Grund von Beschwerden des Betriebsrats zum Zwangsurlaub verpflichtet wird, entschließt sie sich dazu, diese Zeit zu nutzen um als Krankenschwester zu arbeiten.
"Killing time before time kills you."
Ihre Aufgabe wird es sein, ein Brandopfer zu behandeln, welches seine Sehfähigkeit temporär verloren hat. Josef hat versucht, seinen besten Freund aus dem Feuer zu ziehen, das auf der Ölbohrinsel ausbrach. Erfolglos.
Da sitzen sie nun, der Mann, der nicht sehen und seine Pflegerin, die nicht hören kann. Für Josef ist allerdings viel problematischer, dass sie nicht reden will. Sie reagiert nicht auf seine humorvoll sympathischen Ausfälligkeiten, will ihm nicht erzählen, ob sie ihre Geschlechtspartner lieber weiblich, männlich, beschnitten oder mit ihr verheiratet haben will.
Er gewöhnt sich an ihre „blonde“ Stimme, die für ihn wie Butter oder Zimt klingt, versucht, sie auszufragen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Stück für Stück öffnet sich die sensible Frau.
Der Aufenthalt auf der Bohrinsel beginnt langsam ihr Leben zu verändern, was einfühlsam von der Kameraarbeit begleitet wird. Hanna setzt sich auf die Treppe – eine statische Totale. Langsam und vorsichtig probiert sie die Gnocchi des Kochs – sanft fährt die Kamera auf sie zu und bricht die Statik auf. Überwältigt von dem ungewohnten Geschmack isst sie schneller und schneller, schlingt das Essen in sich hinein und wird von einer unruhigen Handkamera beobachtet. Sie beginnt, Spaß an Josefs Neckereien zu haben, lässt sich zu Ansätzen eigener Schlagfertigkeit hinreißen. Und dann kommt schließlich der Tag, an dem Josef von der Bohrinsel fort gebracht werden soll, weil die Fieberschübe regelmäßiger als zuvor auftreten.
Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Es ist auch nicht ihr Anfang. Der liegt nämlich noch länger zurück, in einer Zeit, in welcher der Krieg die Regeln schrieb, in einem Land, dessen Bevölkerung litt. Doch welche Wege gibt es schon, den Schmerz zu messen? Man kann die Stunden zählen, die Tränen, die Schreie… Aber das Wichtigste ist, dass man niemals vergisst.
Regisseurin Isabel Coixet ließ schon vor zwei Jahren die Tränen in ihren Zuschauern hochsteigen, als die todkranke Ann ihren Kindern Kassetten mit Geburtstagswünschen aufnahm, weil sie nicht in der Lage sein würde, sie ihnen persönlich zu sagen.
Schon in "Mein Leben ohne Mich" spielte Sarah Polley die Hauptrolle und nun glänzt sie ein weiteres Mal in „Das geheime Leben der Worte“ auf eine stille, feinfühlige Art, eben wie Butter und Zimt.
Der Film besticht nicht durch golden schimmernde Hollywoodbeleuchtung, sondern durch einen authentischen Look, er zeigt schöne Bilder in einer Umgebung, die industriell und kahl ist, und erzählt uns von Schicksalen, die gleichzeitig alltäglich und doch so bedeutungsvoll sind.
Fazit: Ein sensibel gefilmtes Meisterwerk, das wichtige Themen aufzeigt, über die selten gesprochen wird. „Das geheime Leben der Worte“ ist ein emotionaler Film, der das Alltägliche mit dem Besonderen verbindet und durch großartige schauspielerische Leistung besticht. Kino zum Nachdenken, das die Welt mit anderen Augen betrachtet und uns für eineinhalb Stunden daran teilhaben lässt.
Noch ein kleiner Linktipp, dem man erst nach dem Film folgen sollte:
http://www.irct.org/
5 Punkte - Kritik von Anja Habermehl

Regie: Isabel Coixet
Besetzung: Sarah Polley, Tim Robbins, Javier Cámara
Kinostart: 27.04.06
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