|
Dreamcatcher
Bei Literaturverfilmungsversuchen muss es nicht immer so wie bei
"The Hours" oder "Der Herr der
Ringe" zugehen, es kann auch was ganz anderes dabei herauskommen. Zuerst hat Stephen King wahrscheinlich seine alte Zettelsammlung sortiert, Aufzeichnungen von "Stand by Me" und "Es" und so. Und da seine Fangemeinde eh alles kauft, was mehr als ein Kilo wiegt, dachte er sich wohl, dass sich aus dem alten Zeugs bestimmt noch was Schönes zusammenkloppen lässt. So hat er noch vor dem morgendlichen Zähneputzen die ersten 300 Seiten geschrieben. Dann hat er seinen good old kumpel William Goldman angerufen, damit der ein Drehbuch draus macht. Der wiederum hat Lawrence Kasdan mit einem halbfertigen Entwurf sitzen lassen und der arme Regisseur musste dann den Rest selber texten. Jetzt haben wir den Salat.
Vier Jugendfreunde treffen sich zum jährlichen Jagdausflug im Wald. Alle vier haben fürchterlich einen an der Klatsche, auch bekannt unter der Stichphrase "Ungewöhnliche Fähigkeiten", nämlich Gedankenlesen und Verstecktes aufspüren. Leider wissen sie das in ihrem alltäglichen Leben nicht so richtig zu nutzen. Bekommen haben sie diese Gaben, weil sie in ihrer Jugend den Behinderten Duddits gegen böse Buben verteidigt haben, worauf dieser sich auf seine Weise erkenntlich zeigte. Aber nun lauern im Wald plötzlich Außerirdische, die es wie immer auf die Eroberung der Erde abgesehen haben, und wie immer gehen sie dabei nicht zimperlich vor. Deren Gegner ist dabei ein verbissener Geheim-Militär-Sonderkommando-Alien-Eliminator, der erstmal alle Einwohner des Waldes kaserniert, weil die Aliens sich gerne in Form von Parasiten im Gedärm einnisten. Sein Untergebener und potentieller Nachfolger sieht das aber gar nicht gern und beginnt, sich Sorgen zu machen. Derweil schwant unseren Freunden, dass sie bei der ganzen Sache eine besondere Rolle zu spielen haben.
Was hätte aus diesem Stoff alles werden können, aber ach! Alles hat er drin, aber nutzen tut er nichts. Der Film testet seine Ekelgrenzen aus, indem er lustige Furz- und Fäkalwitze in matschiges Gemetzel übergehen lässt. Aber zwischen den Därmen ist eben auch irgendwann die Logik geplatzt. Je länger der Film dauert, desto mehr läuft er aus dem Ruder:
Die infizierte Bevölkerung wird freigelassen, obwohl noch nicht klar ist, bei wem die Krankheit doch ausbrechen wird? Egal, kümmert uns nicht, weiter geht's. Die fiesen Alienkrabbler schaffen es nicht, in einem riesigen Waldstück unerkannt durch eine tiefverschneite Landschaft zu fliehen? Sind halt doch ein bisschen doof, also weiter. Latscht man als vernunftbegabter Mensch immer tiefer in ein Haus rein, das von einem roten Pilz überwuchert ist? Gut, das mag noch als Gesetz des Horrorfilms durchgehen. Muss Duddits am Ende unbedingt auch noch Leukämie haben? Hat das irgendwelche Auswirkungen, außer dass er jetzt mit Baseballkappe rumschlurfen muss? Man will's gar nicht mehr so genau wissen. Überleben tun schließlich nur zwei der Jungs, weil die anderen nämlich süchtig waren (nach Alkohol oder Zahnstochern). Wobei aber von den Übriggebliebenen einer eigentlich doch tot ist, das aber nicht weiß, weil's ihm keiner gesagt hat.
Wer möchte, kann sich auf sexualrelevante Motivsuche begeben. Zuallererst fällt auf, dass keine kreischenden, rettungsfordernden Frauen mitspielen. Die Aliens rennen als Riesendildos durch die Gegend, öffnen sich aber vor dem finalen Rettungsbiss recht ... äh... vaginal. Schließlich rammen sie sich über den Anus ihres Opfers ins Freie (sog. Retro-Fistfucking). Haben die Aliens irgendwo ihre Eier abgelegt, markieren sie ihr Revier mit Unmengen von Menstruationsblut (jawohl). Der ehemaligen Männerdomäne "Waldhütte" hilft dann auch kein diaphragmaähnlicher Dreamcatcher (!) mehr
– die Brut ist da! Dazu noch dieser Vier-Freunde-sollt-ihr-sein-Männerbund, der Vater-Sohn-Konflikt zwischen dem Major-oder-was und seinem Zögling und schließlich Duddits, der sich als quasi asexuelles Wesen am Ende mit dem Ober-Alien vereinigt und es so vernichtet. Wenn man ein bisschen sucht, lässt sich bestimmt noch mehr davon entdecken. Ich weiß nicht, ob das alles was zu bedeuten hat, aber es könnte den Film sozusagen posthum direkt lustig machen.
Dabei gab's so schöne Szenen, das Telefonieren mit dem Revolver zum Beispiel oder das Gehirnarchiv
– durchaus sich lohnende surreale Ansätze. Aber dann sind ihnen wohl irgendwie die stimulierenden Drogen ausgegangen.
Die Darstellerriege ist eigentlich recht gut, Morgan Freeman darf endlich mal den Bösen spielen und Tom Sizemore (sonst das Arschloch vom Dienst) spielt mal den Guten. Aber könntet ihr Damian Lewis mal sagen, dass er nicht immer nur in Militärfilmen mitspielen soll, ja? Danke. Der wird doch ganz depressiv der Bub. Und Goldmann? Der hatte wohl seinen schlechten Tag.
Ein Film für analfixierte Pfadfinder.
2 Punkte - Kritik von Judith Göbel
Regie: Lawrence Kasdan
Besetzung: Thomas Jane, Jason Lee, Damian Lewis, Morgan
Freeman, Tom Sizemore
USA 2002
|