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Eden
Die Polen scheinen sich Dinge in ihre Suppe zu mischen, die vom Rest der Welt als zumindest illegal eingestuft werden. Eine ähnliche Substanz hat vor Jahrzehnten dazu geführt, dass "Yellow Submarine" gedreht wurde. Aber die Ingredienzien sind jetzt wesentlich aggressiver geworden.
Zuerst einmal und vor allem muss man den Mut (und wahrscheinlich auch den irrationalen Idealismus) der Verleihfirma bewundern, einen polnischen Zeichentrickfilm in die hiesigen Kinos bringen zu wollen. Zeichentrick, wir erinnern uns, waren diese zweidimensionalen, handgezeichneten Filmchen, und Polen, wir erinnern uns noch mal, ist das Land da rechts von uns. Und dieser Film also will jetzt "Shrek 2" ans Bein pinkeln. Falls besorgten Eltern "Shrek" zu suspekt und gewagt vorkommt, sollten sie nicht den Fehler begehen, ihren
Nachwuchs in den vermeintlich harmlosen "Eden" zu schicken. Denn es handelt sich in keinster Weise um einen Kinderfilm, er hat sogar eine dermaßen hohe Dichte an Sex and Crime, dass sämtliche Mangas einpacken können. Zwar wird lustigerweise im Abspann auf eine Achtjährige als Mitarbeiterin bzw. Ideengeberin hingewiesen, aber für die Orgien- und Metzelszenen mag sie dann doch nicht zuständig gewesen sein.
Dabei sieht der Film auf den ersten Blick recht skurril aus: Die Figur
Youzeck stolpert von einer Art Zauberflöte begleitet durch die Hölle, das Fegefeuer und den Garten Eden (und dann noch ein Stück weiter). Dabei begegnen ihm Gestalten aus Religion und Mythologie, Kunst- und Kapitalismusgeschichte und massenhaft groteske Gestalten. Der Film verfährt dabei nicht nach einer klaren Dramaturgie, sondern mäandert und morpht sich auf eine Art, wie das eben nur ein Zeichentrickfilm kann, durch eine traumähnliche Struktur. Des öfteren wird dabei auf eine nachvollziehbare Logik oder einen linearen Zusammenhang verzichtet, und sich stattdessen an den Gehirnwindungen der Filmemacher orientiert - vielleicht nicht mal das. Grob Gezeichnetes wechselt dabei mit delirierendem, fast dreidimensionalem Glanz, um dann wieder in fein gestricheltes Gefrickel oder komplettes Chaos zu verfallen. Eine ausgeprägte Geräusch/Musik/Ton-Spur erspart zudem die Synchronisation.
Das wäre schon eine zumindest bemerkenswerte Produktion, wenn die Sympathien nicht wieder grob verspielt würden. Zum einen will mir partout nicht einleuchten, warum man auf abgedroschene Plumpheiten wie beispielweise den fetten Großindustriellen mit auch noch klischeejüdischer Physiognomie zurückgreifen muss, ebenso wie die sündigen Verführungen ständig mit blinkender Leuchtreklame und nackten, willigen Frauen illustriert werden. Da will man schon fast die Vorstellung pikiert verlassen, aber dann kommt einem wieder ein origineller Anarchowitz dazwischen, wenn z.B. Salvador Dali, der gerade die brennende Giraffe, die vor ihm steht, malt, vom dem Felsen überrollt wird, den Sisyphus gerade von der anderen Seite des Berges hochgerollt hat
– fragt mich nicht wieso.
Womit wir beim zweiten Punkt des Mäkelns wären: Insgesamt überwiegt nämlich leider die Sorte bitter-unlustiger Humor, den man allenfalls
mögen kann, wenn man mindestens mit dem ostdeutschen "Eulenspiegel" großgezogen wurde. Das ist eine schwer nach gequältem Politkabarett riechende Lustigkeit, die alles
zwischen die Zeilen packen will und vor lauter Bedeutungsschwere an Leichtigkeit verliert. Humor, der depressiv macht, hat allerdings seinen Zweck verfehlt. Ob es jetzt bei der Handlung um ein Reise durch die abendländische Kultur, durch die Religions- und Mythengeschichte, um die Auswanderung nach Amerika
oder vielleicht sogar einfach um gar nichts geht, soll wohl letzendlich
gar nicht geklärt werden, kann aber bestimmt irgendwo zwischen den Zeilen aufgespürt werden.
Auf vernebelten Open Air-Festivals könnte der Film tatsächlich eine gewisse Wirkung entfalten, im normalen Kinoprogramm
wird er nicht den Hauch einer Chance haben.
3 Punkte - Kritik von Judith Göbel
Regie: Andrzej Czeczot
Musik: Michal Urbaniak
Polen 2002
Länge: 75 min.
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