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Eierdiebe
"Tumor ist, wenn man trotzdem lacht" - So das war der Hauptwitz. War schon mal ganz gut, war aber schon mal ganz alt. Doch wer das bereits als gewagt empfindet, der kann sich auch mit dem Rest des Films anfreunden.
Martin kommt von einem Studienaufenthalt in den USA nach Hause zurück und bricht während einer Feier plötzlich zusammen:
Hodenkrebs. Die Ärzte amputieren ihm erst den einen Hoden und raten ihm dann zu einer Totaloperation. Doch wenigstens einen Teil seiner "Family Jewels" will Martin retten und so entschließt er sich lieber für eine risikoreiche Chemotherapie. Im Krankenhaus trifft er auf Nickel "die Milz", Harry "den Magen" und Susanne (weiß-nicht-mehr) und das übliche Personal an patenten Pflegern, arroganten Chefärzten und frivolen Schwestern. Die Chemo schreitet voran und in Martin setzt sich immer mehr die fixe Idee durch, seinen verlorengegangenen Hoden wiederzuholen, der unerreichbar in der Pathologie vor sich hin dümpelt. So planen die vier Schicksalsgenossen die Befreiung von Martins Teilgemächt und machen sich ans Eingemachte.
Krebs und Humor - ja geht das denn, ja darf man das denn? Ja, das geht. Ja das darf man, das soll man sogar. Doch allein, dass man’s tut, bewirkt leider noch keinen guten Film. Tod und Witz zusammenzubringen führt zwar in vielen Fällen zu der erstrebenswerten Geisteshaltung "Schwarzer Humor" (manchmal auch zu "Blankem Zynismus", aber das ist ein anderes Thema). Doch die Aufdringlichkeit, mit der jetzt gleich wieder mit geschwellter Brust durch die Gegend stolziert und gebrüllt wird "Ich, ich, ich! Ja ich hab’s gewagt!!", strapaziert meine Nerven doch arg. Denn das Presseheft meint, der Regisseur gehe "ein ernstes Thema sehr undeutsch an: mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor, ohne dabei jedoch auf berührende Momente zwischen seinen jungen Protagonisten zu verzichten" (wieso sollte er auch?). Wenn jetzt noch jemand sagt, das wäre englischer Humor, und auch nur ansatzweise Monty Python erwähnt, erwürge ich ihn eigenhändig. Der Franzos’ hätte natürlich mehr Sex reingepackt, die Italiener mehr Gefuchtel, die Engländer mehr Hugh Grant und die Dänen hätten alles per Handkamera abgefilmt. Und typisch deutsche Filme sind normalerweise fleißig, pünktlich und sauber, oder wie? Gnagnagna...
Eigentlich entbehrt die Geschichte ja nicht einer gewissen Logik. Sich seinen Hoden zurückzuholen, ist mindestens genauso bescheuert wie die verzweifelte Kleidchenbeschaffung katholischer Sozialhilfeempfänger für die Erstkommunion ihrer Töchter. "Anscheinend haben die sonst keine Probleme," denkt man sich als normal unverständiger Zuschauer, "aber wenn’s ihnen Halt gibt, um mit dem restlichen Lebensscheiß zurechtzukommen, dann mögen sie in Gottes Namen vom Erfolg gesegnet sein."
Leider bleibt die Inszenierung auf halbem Weg stecken und weiß nie, ob sie die Geschichte als Groteske oder als einfühlsames Drama schildern will. Selbst beides würde ja gehen, wenn sie sich ihre Ecken behalten würde. Der Regisseur stückelt aber von allem ein bisschen zusammen, ein bisschen absurdes Krankenhaus, ein bisschen zarte Romanze und ein bisschen Elternkonflikt. Allerdings reicht für ein Drama nicht, seine Krebspatienten bleich zu schminken und ihnen die (männlichen) Köpfe zu rasieren. Das lockt noch keinen Chirurgen hinterm OP und keine Träne aus dem Augenwinkel hervor. Auch vermittelt er weder die unfassbare Lebensbedrohung, noch überzeugt er in der Inszenierung der zum Scheitern verurteilten Liebe zwischen Martin und Susanne. Was wäre da Dramatik drin, aber nee! Zusammen ist das einerseits unglaubwürdig und andererseits nicht überzogen genug. Die sprach- und hilflos machende Situation einer tödlichen Erkrankung kann er in keiner Weise fassen. Dem Absurden, dem Unbegreiflichen kommt er nicht bei.
Und wo das Grauen nicht hart genug ist, sind es auch die ihm
entgegengetrotzten Witzchen nicht.
Beispiele? Zum einen werden die dämlichen Polizisten, die die Patienten als vermeintliche Junkies verhaften wollen, vom (natürlich ausländischen) Pfleger souverän zurechtgewiesen, was so dermaßen inkonsequent korrekt ist, dass man nur noch in sein Nierenschälchen spucken möchte. Andererseits drängen sich pubertäre Schockerwitzchen ins Bild: Die verkniffene, herumgluckende Mutter, der Vater in der Kittelschürze, Ketchup als Gleitcreme, der die Kotze aufschlabbernde Hund und der mit der Krankenschwester pimpernde Chefarzt. Wo man doch spätestens nach Alois Brummer sel. einfach keine schlüpfrigen Krankenschwesterwitzchen mehr machen sollte! Die Anhäufung dieser Witzklischees tut am meisten weh und bewirkt, dass einem letztlich die Situation der Patienten so egal ist wie der Hauptperson, dem seine neu gewonnenen Freunde unter den Fingern wegkrepieren.
So wird das absurde Potential verschenkt und nur als lauwarmer Wadenwickel serviert. Mag die Geschichte auch auf dem real Erlebten des Regisseurs basieren, so hat die Chemo wohl letztlich doch ihren Tribut gefordert. Demnächst gibt’s dann für Frauen die adäquate Filmversion "Das Große Mutterkuchen-Suchen" - mit Brust Willis in einer Gastrolle als Pflegerin Placenta Placet.
Ein Film für Klötenklauer und
Weicheier.
2 Punkte - Kritik von Judith Göbel

Regie: Robert Schwentke
Besetzung: Wotan Wilke Möhring (der Mann hat’s aber auch nicht leicht), Janek Rieke, Antoine Monot Jr., Julia Hummer
BRD 2003
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