Kino

Filme
  
Festivals
  
Aktion Sorgenkino
  
Coen-Brüder-Huldigung

  

Kunst

Selbstgeschriebenes
  
Selbstgezeichnetes

  

Kultur

Konzerte
  
Seinfeld

  

Kleinkram

Über mich / Impressum
  
frust-maus-chronicles
  
Links

  

Home >> Kino: Filme > Elephant

Elephant

Am Ende zitiert er Shakespeare. "So faul und fein war nie ein anderer Tag", sagt Alex, während er durch den menschenleeren Gang seiner High School läuft, im Tarnanzug, mit einem Präzisionsgewehr in der Hand, und wie Macbeth schaut er während des Zitats auf ein Schlachtfeld: brennende Klassenzimmer, tote Schüler und Lehrer, die Bücher in der Bibliothek blutverschmiert, die Tische und Stühle in der Cafeteria umgestoßen von den in Panik geflohenen Teenagern.

"Elephant", der neue Film des amerikanischen Regisseurs Gus van Sant endet als Alptraum und hat doch als normaler Tag an einer Schule in Portland, Oregon, begonnen, als ein Kaleidoskop von Elephant Begegnungen und Typen, die so typisch sind für den Mikrokosmos High School: Da ist die Sportskanone Nathan, der Angst hat, dass seine Freundin schwanger ist, da sind Jordan, Nicole und Brittany, die derart auf ihre Figur bedacht sind, dass sie sich ihres Mittagessens auf der Toilette in einem synchronen Akt wieder entledigen, da ist die linkische Michelle, die ihren Körper so hasst, dass sie als einziges Mädchen im Sportunterricht keine Shorts trägt, da ist Elias, der romantische Photograph, da ist John, der sich vor der Schule erst um seinen betrunkenen Vater kümmern muss. Die High School - das ist für die einen die Möglichkeit zur Selbstdarstellung, für die anderen nichts weiter als ein Ort der Katastrophen und Erniedrigungen.

Gus van Sant hat sich in seiner langen Karriere als Regisseur immer wieder als einfühlsamer Beobachter des Erwachsenwerdens bewiesen ("Drugstore Cowboy", "My Own Private Idaho, "Good Will Hunting"), und auch in "Elephant" spürt man ein tiefes Verständnis für die Irrungen und Wirrungen der jugendlichen Protagonisten: Der Regisseur nimmt sich Zeit für die Einführung seiner Charaktere. In langen, fast endlosen Fahrten folgt die Kamera den Schülern durch die Gänge, gibt jedem einzelnen Zeit, sich zu entfalten, sich dem Zuschauer vertraut zu machen, zeigt etliche Situationen zweimal und aus verschiedenen Perspektiven, spinnt ein Netz aus Geschichten, die sich immer wieder überschneiden - so lange bis eine Szene den Reigen banaler Harmlosigkeit unterbricht: Zwei Jungen mit großen Militärtaschen steuern die Schule an. "Komm nicht mehr rein", sagen sie zu John, der gerade das Gebäude verlässt. "Hier ist gleich die Hölle los." Spätestens zu diesem Zeitpunkt haben die dunklen Wolken, die immer wieder zu Beethovens "Für Elise" über Oregon ziehen, die High School in Portland erreicht.

"Elephant" zeigt die knappe Stunde vor dem Amoklauf der beiden Schüler Alex und Eric und hat für seine fast dokumentarische Darstellung nicht die Perspektive der Täter, sondern der Opfer gewählt.  Anders als in "Bowling for Columbine" gibt es keine Deutungsversuche, die in einem Erklärungs-Potpourri mit den bewährten Ingredienzien "Waffengesetze", "Gewalt in den Medien" und "brutale Videospiele" enden. "Elephant" bietet keine Antworten, verweigert bewusst die Aussage, überlässt die Interpretation ganz dem Zuschauer. "Wir wollten nichts erklären", hat Gus van Sant dazu gesagt. "Sobald Sie eine Erklärung liefern, werden fünf andere dadurch negiert, dass sie die eine gewählt haben." Jede Erklärung schließt eine andere aus - auf dieser Theorie basiert auch der Filmtitel, der sich auf eine alte buddhistische Parabel beruft, in der mehre Blinde verschiedene Teile eines Elefanten untersuchen: Ohr, Bein, Schwanz, Rüssel - jeder der Blinden ist davon überzeugt, mit seinem betasteten Teil das wahre Wesen des Tieres erkannt zu haben.

"Elephant" hat die Jury von Cannes im letzten Jahr so beeindruckt, dass sie den Film mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und van Sant mit dem Preis für die beste Regie bedacht hat. Gleichzeitig hat die bewusste Unterlassung von Wertung aber vor allem US-Kritiker auf den Plan gerufen, die den Film als "im besten Fall standpunktlos, im schlechtesten Fall unverantwortlich" bezeichneten.
Doch dieser Vorwurf ist nur einmal berechtigt: Als van Sant die ansonsten konsequent durchgehaltene Opferperspektive aufgibt und Alex und Eric bei den Vorbereitungen zu ihrem Amoklauf beobachtet, da rutscht er ab in einen altbewährten, fast schon klischeehaften Erklärungsversuch, mit dem auch Michal Moore und alle amerikanischen Kritiker einverstanden gewesen wären: Alex und Eric sehen sich eine Dokumentation an - über Adolf Hitler und einen opulenten Reichsparteitag der NSDAP.

4 Punkte - Kritik von Heidi Keller

Regie: Gus van Sant
Kamera: Harris Savides
Besetzung: Alex Frost, Eric Deulen, John Robinson, Elias McConnell, Jordan Taylor, Carrie Finklea, Nicole George
Kinostart: 8.April

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Montag, 27. September 2004