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Fahrenheit 9/11
Da hab ich doch glatt den Kinostart verpasst. Auf einmal rumoorts auf allen Kanälen. Ich
fasse mich also kurz. Michael Moore ist Dokumentarfilmer und die Bildzeitung ein
seriöses Nachrichtenmagazin.
Als am 11. September 2001 zwei der vier entführten Passagierflugzeuge in die
Zwillingstürme rasten und das Menschenbild der Welt erschütterten, war der Präsident der
Vereinigten Staaten Bush II gerade zu Besuch in einer Grundschule. Vom Zeitpunkt an als
ihn seine Begleiter über den zweiten Einschlag und darüber informierten, dass "nation
under attack" sei, vergingen sieben Minuten, bevor Bush reagierte und den Klassenraum
verließ. In diesen sieben Minuten saß er vor laufender Kamera, und die Hilflosigkeit
stand ihm ins Gesicht geschrieben. Was ist das für ein Präsident, fragt Moore, der in
einer solchen Situation sieben Minuten nicht weiß, was er tun soll, weil keiner da ist
ihm zu sagen, was er tun soll. In Amerika schoss man schon immer gerne aus der Hüfte.
Moore spannt den Bogen weit und beginnt mit dem ersten Kapitel aus "Stupid White Men"
noch vor dem Vorspann. Eine klare Linie hat sein Film nicht, es gibt von allem ein
bißchen: Bush hat die Wahl zweifelhaft gewonnen, Osama Bin Laden hat Familienmitglieder,
die mit den Bushs dicke Geschäfte machen, und junge Soldaten, die vom ehemaligen
Abenteuerspielplatz Irak als angebrochene Männer zurückkommen, sind oft unvollständig
und manchmal tot. Das alles in teilweise lockerer Erzählform, teilweise in voyeuristischer Gaffermanier und wenn's passt mit Gefühl serviert.
Was an diesem Film wirklich erschüttert, sind nicht die wenigen Sekunden, die man
grauenhafte Leichenschändungen durch einen Iraki-Mob sehen muß, und die den Film in den
USA Kindern ohne Erwachsenenbegleitung unzugänglich machen. Was mich umtreibt, ist das
Gefühl, dass - so manipulativ und einseitig der Film auch sein mag - keine wirkliche
Lüge darin stecken soll. Sicher, wenn das gelangweilte Designerteeny Britney
Spears kaugummikauend und blondgläubig in die Kamera schmatzt, das Wichtigste sei, dass
Amerika zu seinem Präsidenten stehe, dann möchte einem die Bushkritik sofort im Halse
explodieren, ob man will oder nicht. Aber auch wenn man sich die Manipulationen bewußt
zu machen versucht, bleibt ein beklemmendes Gefühl: Der Film - mag er noch so polemisch
und lückenhaft sein - enthält zu viele plausible Darstellungen, die Cheney, Bush & Co.
und mit ihnen das "embedded"-unkritisch beworbene Produkt "US-Regierung" in zweifelhaftem Licht erscheinen lassen.
Zwar hätte ich mir eine leisere, differenziertere Stimme der Kritik zu den Exzessen im
"Big One" gewünscht. Angesichts der riesigen, nun bröckelnden Informationsfassade der
Bush-Administration bezweifle ich aber, dass stillere Töne die ihnen gebührende
Beachtung gefunden hätten.
Als Film selbst eher gut gemachter Durchschnitt, als Gegenveranstaltung zur offiziellen
Pressekonferenz im Weißen Haus jetzt schon Kult, und für Leute, die Hollywood hassen,
sowieso ein Muß.
5 Punkte - Kritik von Frank Bohn

USA 2004
Länge: 110 min
seit 29.07.04 bei uns im Kino (in "freien" Kuwait vom dortigen Informationsminister
verboten)
FSK: ab 6 Jahren (würd ich aber nicht empfehlen)
Webseite: www.michaelmoore.com
vom selben Regisseur: Bowling
for Columbine
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