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Home >> Kino: Filme > Flammend Herz

Flammend Herz

Der Film erzählt Geschichten aus fast 270 Lebensjahren. Viele der Geschichten sind auf den Körpern von Albert Cornelissen, Herbert Hoffmann und Karlmann Richter verewigt. Die drei inzwischen betagten Herren lernten sich durch ihre Leidenschaft für Tätowierungen kennen und konnten eine Zeit von intensiver Freundschaft genießen bis ihre ungewöhnliche Beziehung schließlich scheiterte. 

Die Suche nach ihren eigenen Persönlichkeiten führt die Protagonisten auf unterschiedliche Wege bis sie sich in Deutschlands "Ältester Tätowierstube" treffen. Der Kaufmann Herbert Hoffmann eröffnet mit Anfang 40 seine eigene Tätowierstube in St. Pauli. Davor war er als Handelsvertreter und Amateurtätowierer tätig und hat 10 Jahre Reichsarbeitsdienst, Russlandfeldzug und sowjetische Kriegsgefangenschaft hinter sich. Seine Tätowierstube führt er zu Ansehen und Erfolg und nimmt dort die Rolle des Familienoberhauptes ein. Heute lebt er in der Schweiz, besucht Tattoo-Messen in ganz Europa und wird als Pionier und lebende Legende verehrt. "Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann komme ich zu dem eindeutigen Resultat: ich habe richtig gehandelt, dass ich mit Mutter Natur gelebt und mich nicht gegen sie gestemmt habe. Hätte ich aus angeblicher Rücksicht auf meine Umgebung oder aus ängstlichem Kleinmut meine Tätowierlust unterdrückt, so wäre ich zeitlebens unglücklich gewesen. Seit ich tätowiert bin, ist mein Leben schön und sinnvoll." (H. Hoffmann)

Flammend HerzKarlmann Richter stammt aus einer der zehn reichsten Kieler Familien, wohlbehütet aufgewachsen mit Luxus und Dienerschaft. Als Jugendlicher entdeckt er seine Leidenschaft für Tätowierungen, später seine Sehnsucht nach Seefahrt und Männern. Er passt sich zunächst jedoch den Konventionen an, willigt schließlich in eine arrangierte Ehe ein und mimt viele Jahre den Ehemann und Vater. Mit fast 60 Jahren gelingt ihm die Flucht. Er verlässt seine Familie und beginnt in Hamburg, als Tätowierer in Hermanns Geschäft, ein zweites Leben. Inzwischen lebt er in Kiel, bei seinem Sohn Manfred, dem einzigen seiner Kinder, das er seit seinem Neuanfang wieder gesehen hat. "Mein zweites Leben begann mit meiner Flucht nach Hamburg. Das war 1970, demnach bin ich jetzt 32 Jahre alt. Ich fühle mich sehr wohl dabei." (K. Richter)

Albert Cornelissen liebt alle Frauen. Stolz zeigt er die Texanerin, die Indianerin, die Señorita und die Medusa auf seinem Körper. Inzwischen ist er seit 45 Jahren mit seiner Señora verheiratet und Vater zweier Söhne. Als Kind einer holländischen Arbeiter- und 
Seefahrerfamilie kommt er schon früh mit Tätowierungen in Berührung. Als Seemann umsegelt er die Weltmeere und tourt mit der Familie in einem Tattoo-Mobil durch Europa, bis er sich mit 40 in Hamburg niederlässt und in Herberts Tätowierstube aushilft. "Ich liebte das Seefahrerleben - und die Hafenstädte. Glitzernde Lichter, leichte Mädchen, Seemannskneipen - und natürlich Tätowierstuben zuhauf." (A. Cornelissen)

Die Freundschaft von Herbert, Albert und Karlmann bricht, als Herbert in den 80-er Jahren sein Geschäft an seinen Nachfolger übergibt, um in die Schweiz zu ziehen und daraufhin ein Streit über sein Wohnrecht ausbricht. Stur und verletzt gehen sie schließlich getrennte Wege. Karlmann findet, sie benähmen sich wie kleine Kinder und arrangiert ein Treffen. Am Ende des Films sitzen die drei zumindest auf einer Bank.

Ich selbst gehöre zwar immer noch nicht zu dem Kreis der Tätowierten und werde ihn voraussichtlich auch nicht so schnell betreten, der Film ist aber auf jeden Fall ein Hingucker. Und das liegt zum Einen an den portraitierten Männern, die einen tiefen Einblick in ihre Lebensart geben und die Leidenschaft spürbar machen, die ihr Leben bestimmt. Zum Anderen ist es wohl ein Verdienst der Filmemacher Andrea Schuler und Oliver Ruts, die mal tragisch mal komisch, aber nie langweilig, die Protagonisten, deren Geschichten und Bilder ins rechte Licht rücken. Auf der Berlinale 2004 wurde "Flammend' Herz" mit dem Preis der Reihe Perspektive Deutsches Kino "Dialogue en perspective" ausgezeichnet.

4 Punkte - Kritik von Kerstin Schmitt

Regie: Andrea Schuler und Oliver Ruts
mit Herbert Hoffmann, Karlmann Richter, Albert Cornelissen u.a.
Kinostart: 14.10.2004

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Montag, 27. September 2004