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Home >> Kino: Filme > Fog of War

Fog of War

Nein, "Fog of War" ist kein Feature eines Echtzeit-Strategie- Kriegsspiels, diesmal nicht, falsche Abteilung. Diesmal isses echt. Ein echter Versuch einer Dokumentationsbiographie über einen echten alten Falken, Robert McNamara, US-Verteidigungsminister 1961-1968.

Dieser Film möchte erklären, was wir (was wohl heißen soll: US-Amerikaner) aus den Kriegsereignissen des vergangenen Jahrhunderts, aus Brand- und Atombombeneinsatz gegen Japan, aus Kubakrise und dem Vietmankrieg lernen können. Ja, selbst die menschliche Psyche soll erläutert werden, denn, hey, unsre DNA ist seit 50.000 Jahren unverändert! Da kommt ein im Deutschen mystisch anmutender Titel wie "Fog of War" gerade recht.

Um`s gleich vorneweg zu sagen: Wer sich wirklich für die Psychologie des Krieges aus Tätersicht interessiert, ist mit Coppolas "Apocalypse Now Redux" besser bedient. Denn dort kann man in der alptraumhaften Atmosphäre den Wahnsinn spüren, the horror, die grauenhafte Sinnlosigkeit des (Vietnam-)Krieges. "The Fog of War" hingegen möchte uns mit Backstage-Wissen versorgen und labelt etwas als Wahrheit, das doch nicht mehr ist als das feingewogene 20-Stunden-Interview eines zuvorderst um seinen persönlichen Stolz bemühten alten Mannes.

Morris setzt der Selbstdarstellung McNamaras außer schwanzwedelnder Ehrfurcht leider nichts entgegen, seine schuljungenartig eingeschubsten Artikulierungshilfen unterstreichen vielmehr das Ungleichgewicht zwischen dem Regisseur und seinem Star. Kritische Fragen? Ebensogut hätte Alfred Biolek einen Dr. Helmut Kohl zur Parteienfinanzierung interviewen können.

The Fog of WarVielleicht war es diese Atmosphäre der Unangreifbarkeit, die McNamara offenherzig nachdenken ließ, die Brandbombenteppiche auf aus Holz erbaute Städte wie Tokio (100000 Tote) und die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki wären ja vielleicht doch Kriegsverbrechen, obwohl man den Krieg gewonnen habe: Schließlich wären es welche gewesen, wenn man verloren hätte. Für amerikanische Verhältnisse mag eine solche Folgerung aus dem Munde eines ehemaligen Verteidigungsministers und damaligen Oberstleutnants der US-Luftwaffe eine oscarverdächtige Sensation sein, das alte Europa hingegen kratzt sich hinterm Ohr und wartet darauf, dass es interessant wird.

Aber es kommt nicht mehr viel. Die Fragen, die diese sogenannte Dokumentation vor ihrer Klassifizierung als Imagefilm hätten bewahren können, werden nicht beantwortet: So die Frage nach der persönlichen  Vorwerfbarkeit. Die Frage nach der Schuld. Hier schweigt McNamara. Wie unser alter Exkanzler, verantwortlich nur einer höheren Macht.

Bei der Verleihung der "Presidential Medal of Freedom" durch Präsident Johnson in Februar 1968 versagte dem schließlich scheidenden Verteidigungsminister McNamara vor laufender Kamera die Stimme, und auch in Morris` Film hat er bei diesem Thema Tränen in den Augen. Dies ist der einzige Moment im Film, wo das Wesen einer der einflußreichsten und meist gehassten Politiker des vergangenen Jahrhunderts durch sein Selbstportrait hindurch lesbar wird.

Aufgebaut ist der Film um elf aus dem Interview gefilterte, in diesem Zusammenhang banale Weisheiten, die als "Thesen" McNamaras durch den Film führen. (z.B. "Sag niemals nie" oder "Du kannst die menschliche Natur nicht verändern"). Allenfalls die freigegebenen Tonbandmitschnitte aus dem Oval-Office mit Kennedy und Johnson sind interessant, nicht nur, weil man bei diesen Sequenzen gleichzeitig drei verschiedensprachige Untertitel lesen kann, sondern weil sie einen (sehr sehr kurzen) authentischen Einblick in die damals dort herrschende Stimmung geben.

Die dramatische Musik von Phillip Glass belullt gnädig, so dass man sich über unmotivierte Bildcollagen und den Schnitt (gefühlte Frequenz ein Schnitt pro McNamara-Satz) nicht weiter wundert.

Fazit: Ein geschichtlich wichtiger Mann allein, ob Weltenverderber oder nicht, macht noch keinen guten, noch nicht einmal einen interessanten Film. Für Geschichtslehrer, für deren Klassen aufgrund der Altersbeschränkungen "Apocalypse Now Redux" (FSK 16) nicht in Frage kommt, sowie für Leute, die Psychogramme sammeln, uneingeschränkt empfehlenswert. "Wir waren so nah dran, die ganze Welt zu vernichten", sagt McNamara halb kokett und presst Daumen und Zeigefinger beinahe zusammen: "Ist das nicht verrückt?"

1 Punkt - Kritik von Frank Bohn 

Regie: Errol Morris
mit Robert S. McNamara
Kamera: Peter Donahue, Robert Chappell
Musik: Phillip Glass
USA 2003
Länge: 106 min.

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Montag, 27. September 2004