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Home >> Kino: Filme > Frida

Frida

Biographien und Biopics erfreuen sich einer seltsamen Beliebtheit. Anhand der Leben mehr oder weniger berühmter Leute lassen sich Aufstieg und Fall, Hybris, Hochmut und Elend, Erfolg und Glanz und Gloria, im Zweifel sogar Sozial-, Landes- und Sittengeschichte so richtig exemplarisch darstellen. "Ja, berühmt mögen sie zwar sein", denkt sich da der Zuschauer, lehnt sich zurück und puhlt sich zwischen den Zehen, "aber Probleme haben sie doch - und das nicht zu knapp". Gerade weil man auch weiß, dass alles wahr ist, erdet das so schön.

Jetzt hat es also Frida Kahlo erwischt. Bei ihr Frida handelt es sich nicht um eine verkannte Künstlerin, der mit diesem Film ihre verspätete Rehabilitation oder gar die Erstentdeckung widerfährt, auch wenn Kahlos Bilder noch nicht ganz die Kunstdruckdichte eines Röhrenden Hirsches erreicht haben. Der Film zeigt aber nicht nur das Leben einer großartigen Künstlerin, sondern ruft eben eine Ikone zurück ins Bewusstsein, eine Frau, die gerade für Mexiko einen enormen Stellenwert besaß und besitzt (und für die Frauenbewegung sowieso).

Warum das so lange gedauert hat, darüber darf man sich schon wundern. Denn Kahlos Leben besitzt eine ausgesprochen filmreife Dramatik. Dennoch haben sich Hayek und die Regisseurin Julie Taymor jahrelang erfolglos um die Realisierung dieses Projektes bemüht. Vielleicht hätten sie sich doch mehr jenen Männern widmen sollen, die als Wahnsinns-Mathematiker oder Musiker-Genies durch die Lande delirieren. Aber jetzt hat sich Salma Hayek endlich ihren Traum erfüllt und es entstand ein wunderschöner Farbschinken.

Ganz konventionell ist erstmal das Abklappern wichtiger Lebens-Episoden: Fridas Unfall, der ihr ein Leben lang Schmerzen bereitete, ihre nicht immer glückliche Liebe zum Maler Diego Rivera, ihre sexuellen Beziehungen zu anderen Frauen und Männern (inklusive Trotzki), die Reise in die Vereinigten Staaten und Diegos gigantisches Wandbild für die Rockefellers, und endlich Fridas eigener Erfolg. Das Gute an so filmischen Biographien ist ja, dass man sich den Luxus leisten kann, mit Wendungen und Überraschungen aufzuwarten (Trotzki?!), die so manchen Chefdramaturgen die Bissfestigkeit seiner Tischplatte austesten ließe. Aber da natürlich alles wahr, echt und wirklich so gewesen ist, muss er Fünfe grade sein lassen. Experten werden natürlich genauer wissen, was wie wo ausgelassen oder gar verfälscht wurde, aber ehrlich gesagt ist mir das im Laufe des Films ziemlich egal geworden.

Denn mit einer feinen Idee wird aus dem Film mehr als ein bloßes Abfilmen von Gemälden oder eine Aneinanderreihung von Begebenheiten: Taymor lässt filmische Erzählung und Kahlos Bilder miteinander verschmelzen, das Leben geht in Malerei über, Bilder werden zum Leben erweckt, ein surreales Patchwork entsteht, das eindrucksvoll zeigt, wie Kahlos Leben ihre Malerei beeinflusste bzw. die Malerei ihr Leben. Mehr und mehr nimmt die Regisseurin dazu Kahlos Farbpalette auf. So wird beispielsweise bei einer kurz angerissenen Reise in die USA schon auf der bildsprachlichen Ebene deutlich, wie sehr dieses Land Kahlos eigenem Lebensstil entgegenstand. Als kleine Perle wandert auch die Musik durch den Film: Caetano Veloso, der uns letztens in "Hable Con Ella" beglückte, oder die Sängerin Chavela Vargas, die bereits in ihren Jugendjahren für Frida sang, geben die passende Menge Bittersüße ab.

Ganz im Dienst der Sache steht die Besetzung, angefangen bei Salma Hayek, die sich endlich als Reinkarnation von Frida Kahlo zu erkennen gibt, und Alfred Molina als Diego Rivera. Selbst der Gastauftritt von Antonio Banderas stört kein bisschen. Geradezu konsequent trotzig setzen die Macherinnen des Films auf den mexikanischen Akzent in der Sprache, wurde das doch immer als Argument herangezogen für die Absagen, die Hayek bei ihren Rollenwünsche bekam. Irritierend wirkt das allerdings dennoch. 

Ziemlich gelitten habe ich leider bei der Gewichtung, die die Filmemacherinnen auf die Beziehung zwischen Frida und Diego legen, was stracks zu einem schnarchbackigen "Unmögliche Liebe"-Liebesfilm geführt hätte, wären da nicht die ganzen anderen oben erwähnten Dinge.

Und nu? Nachdem im vorigen Jahr bei der Oscar-Verleihung versucht wurde, die schwarze Bevölkerung mundtot zu machen, indem man eine ganze Riege afro-amerikanischer Filmstars mit Trophäen zuschüttete, könnte es durchaus sein, dass in diesem Jahr Salma Hayek als Vertreterin der hispano-stämmigen Gemeinschaft dran glauben muss - auf dass sich fürderhin niemand mehr beschwere, aus ethnischen Gründen übergangen worden zu sein. Danach werden die Entscheidungsträger wieder die übliche Rollenbesetzung verfügen. Als Trost mag man sich dann den Soundtrack einpfeifen, auf Fridas Farb-Flashs warten und von Hayeks bezauberndem Damenbart träumen.

4 Punkte - Kritik von Judith Göbel

Regie: Julie Taymor
Besetzung: Salma Hayek, Alfred Molina, Ashley Judd, Geoffrey Rush, Antonio Banderas, Edward Norton

USA 2003
Länge: 118 min.

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Sonntag, 06. Juni 2004