|
Gegen die Wand
Da fährt einer sein Auto gegen die Wand, vielleicht um sein Leben, das ihn
ankotzt, zu beenden. Doch erst der Arzt muss ihm sagen, dass man sein Leben auch beenden kann, indem man es einfach ändert. Von dieser
Veränderung berichtet Fatih Akin in seinem neuen Film, der bei der diesjährigen Berlinale überraschend den Goldenen Bären einheimste.
Vielleicht hätte er ohne den Bären nicht diese Aufmerksamkeit bekommen,
aber damit wäre im Kino mal wieder ein bemerkenswerter Beitrag untergegangen.
Denn die Geschichte einer amour fou hört sich als bloße Inhaltsangabe
erstmal nicht sonderlich neu an. Doch toben sich hier Kräfte in Inszenierung und Darstellung aus, die einen trotz gelegentlicher
Durchhänger aufhorchen lassen sollten. Dieses Milieu der Deutsch-Türken
kann keiner so schildern wie Akin, mit seinen sich immer wieder bestätigenden Klischees und dann doch auftretenden Brüchen, mit seinen
Ritualen und Regeln, die einem allmählichen Wandel unterworfen und doch immer noch zu gelten scheinen. Dies ist aber nur einer der Hintergründe
für die Geschichte von Sibel und Cahit, von der Tussi und dem Alkoholiker,
die voller Aggression und Selbstzerstörungswut, verzweifeltem Aufbegehren und überraschender Zartheit steckt.
Die Protagonisten haben die Kontrolle über ihr eigenes Leben verloren, können sich noch nicht mal mehr töten (lassen) und sind einem unpathetischen Schicksal unterworfen, von dem sie durch die Gegend geschubst werden. Noch glauben sie, dass sie ihr eigenes Leben leben, gegen die Traditionen oder den Trott der Hamburger Loser-Szene, gegen
Normalität und Langeweile, und sie setzen exzessives Ausagieren dagegen,
unverbindlichen Sex und die Gleichgültigkeit der vermeintlichen Unabhängigkeit. Wer rechnet denn damit, dass sich da tatsächlich eine
richtige Liebe entwickeln könnte. Als beide merken, was sie füreinander
empfinden, ist es auch schon fast zu spät. Sekunden könnten über das weitere Leben entscheiden, Sekunden, in denen man hofft, es würde einen
Neuanfang geben... und dann spielt wieder die Istanbuler Kapelle, die schon vorher die Geschichte in Akte unterteilte und einen formalen Rahmen
erzeugte für zwei Leben, die sich doch nirgendwo einzwängen lassen wollten.
Der Verleih hat übrigens den Starttermin aufgrund des Berlinale-Erfolgs nach vorne gezogen, weil auch
die Erinnerung an Berlinale-Preise nicht gegen hollywoodsche
Werbekampagnen anstinken kann.
4 Punkte - Kritik von Judith Göbel
Regie: Fatih Akin
Besetung: Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck, Güven Kirac
BRD 2003
Länge: 121 min.
|