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Die Grauzone
Der Mensch ist es gewohnt, schwarz von weiß und gut von böse zu unterscheiden, aber in seltenen Fällen ist das nicht möglich. Die Grenze verschwimmt und plötzlich landet man in einer Grauzone. In die schlimmste von allen schickt uns Tim Blake Nelson: Mitten in die Gaskammern und Verbrennungsanlagen vom Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.
Basierend auf der Erinnerungsschrift des rumänischen Pathologen Miklos Nyiszli "Ich war Arzt in Auschwitz" und fünf Häftlingstagebüchern wird vor allem auf das Leben des Sonderkommandos eingegangen. Das Kommando der lebenden Toten. Diese Gruppe von Juden wurde gezwungen, die neuen Häftlinge auf unvorstellbare Weise in den Tod zu schicken. Erst nach ein paar Monaten wurden sie selbst erlöst - und hingerichtet.
So schonungslos diese Taten sind, so werden sie auch erzählt. Nelson stellt wie bei einem Dokumentarfilm die Fakten in den Vorder- und lässt Emotionen im Hintergrund. Er zeigt keine Tränen, es gibt keine Helden, ein Happy-End kann es nicht geben. Selbst die Frage, ob das Sonderkommando Täter oder Opfer ist, lässt er unbeantwortet. Einerseits bekommt man das beängstigende Gefühl, dass die Sonderkommandos, die die neuen Häftlinge in die Duschen führen, danach ihre toten Körper nach Goldzähnen durchsuchen und die Leichen schlussendlich in die Öfen schieben, jegliche Vorstellung von Moral verloren haben. Andererseits jedoch, als ein junges Mädchen die Gaskammer überlebt und das zwölfte Sonderkommando alles versucht, um sie am Leben zu erhalten, wird einem bewusst, dass sie keine Wahl haben, es ist der Preis ihres Lebens. Es braucht seine Zeit, bis der Zuschauer kapiert und akzeptiert, dass dieser Film ihm Einblicke und Sichtweisen gewährt, die er vorher noch nie auf diese Weise präsentiert bekommen hat. Er wird Teil einer Welt, die die Frage aufwirft, was würden wir alles tun um zu überleben. Das zwölfte Sonderkommando beantwortete diese Frage mit "alles". Es organisierte 1944 den einzigen bewaffneten Häftlingsaufstand in Auschwitz, bei dem das Ziel nicht die Flucht, sondern der Tod war.
Diese Aussichtslosigkeit des Daseins wird auch angedeutet, indem die Geschichte nie das Konzentrations- bzw. das Munitionslager, in dem die weiblichen Insassen arbeiten, verlässt. Die einzigen Blicke aus Fenstern zeigen Stacheldrahtzäune und qualmende Schornsteine. Trotz allem kommt überraschenderweise keine Niedergeschlagenheit auf, nur Nachdenklichkeit. So einen Effekt kann man nur als "Kunst" bezeichnen. "Künstlich" dagegen wirkt die Sprache der Charaktere. Egal, ob es sich um ungarische, tschechische oder polnische Juden handelt, sie alle verstehen sich untereinander ohne Probleme und deuten auch nicht nur annähernd verschiedene Dialekte an. Einzig und allein Harvey Keitel als deutscher Oberscharführer Muhsfeldt erhält einen Akzent, was zwar wahrheitsgetreuer erscheint, aber auch der Auslöser für das Vermissen anderer Akzente ist. Sprachlich auch etwas ungeschickt sind manche Dialoge, die zu abgehackt und aufgesetzt wirken. Zum Glück aber sagen die Bilder mehr über die dunkle Geschichte aus, als dass es irgendeine Sprache jemals beschreiben könnte.
4 Punkte - Kritik von Marlene Frischmann
Regie: Tim Blake Nelson
Besetzung: Harvey Keitel, David Arquette, David Chandler, Steve Buscemi, Mira Sorvino
USA 2002
Länge: 104 Minute
Kinostart: 27.01.2005
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