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Home >> Kino: Filme > The Hours

The Hours

Vielleicht sollte man vorsichtig sein mit Filmen, die schon im Vorfeld über die Maßen angepriesen werden. Bevor man noch selbst den Film gesehen hat und eines eigenen Wortes fähig wäre, sieht man sich einem Meinungsgewitter unanfechtbarer Lobhudel-Autoritäten ausgesetzt: Das Presseheft – ein erlesen Farbdruck von intensiver Melancholie; die Darstellerinnen – gekrönt bereits von Golden Globes and Golden Bears. Soll man da tatsächlich riskieren, des Landes verwiesen zu werden, nur weil man abweichender Meinung ist? Und dann schreit alle Welt auch noch "Frauenfilm! Frauenfilm!" Mit all diesen Vorbehalten bin ich dann dennoch sehr sehr tapfer in die Vorstellung gestapft:

The Hours Drei Frauen, zu verschiedenen Zeiten des 20. Jahrhunderts, erleben einen Tag, der bezeichnend ist für ihr Leben. Virginia Woolf (Nicole Kidman), Mitte der 20er Jahre, feilt an ihrem ersten Satz für ihren Roman "Mrs. Dalloway" und erstickt an der Kleinstadt, in die man sie verschickt hat, um weiteren Selbstmordversuchen vorzubeugen; in den Fünfzigern versucht die Hausfrau Laura Brown (Julianne Moore) in der Idylle ihres pastelligen Eigenheims zu funktionieren und trifft ihre erste eigene Entscheidung; im New York der Gegenwart kümmert sich die Lektorin Clarissa Vaughan (Meryl Streep) um ihren preisgekrönten, dahinsiechenden Ex und bereitet ihm seine letzte Party vor.

Bei diesem Inhalt erwartet natürlich niemand ein Actionfeuerwerk. Die Erschütterungen aber sind nicht weniger massiv. Nur kommen sie leiser daher, untergründig, schwelend. Keine Explosion klärt hier die Sache - hier implodieren die Welten. Und dass das so ist, gehört über alle Maßen gerühmt und gehuldigt.
Auch wenn in Farbe, Licht und Ausstattung geschwelgt wird und über allem das Damoklesschwert von Merchant/Ivory schwebt, stellt sich nicht der Eindruck gediegenen Kostümkinos ein. Dafür wird zu zäh mit den einzelnen (auf den ersten Blick doch so perfekten) Leben gerungen. Der Film braucht seine Zeit, um uns mit den Figuren vertraut zu machen, was sie treibt, was sie bremst, wo der Haken an der schönen Hülle ist. Er setzt damit sehr genau das Gefühlsleben seiner Protagonistinnen um. Das schlägt sich in einige Längen nieder, aber warum soll man es dem Publikum leichter machen als den handelnden Personen. Wenn man dann nervös mit den Füßen scharrt, kann man am ehesten nachvollziehen, wie sich die Frauen ausgebremst sehen. Denn das zeigt er sehr eindrücklich: Es bedarf nicht immer großer Katastrophen, um an dieser Welt zu verzweifeln. Der Film könnte also sowohl Anfang als auch Ende einer gepflegten Depression sein.

Darüber hinaus sind diese Frauen mit ihren sprechenden Gesichtern voller Falten und Verhärmungen einfach spannend anzuschauen. Dazu bedarf es nicht erst augenfälliger Maskenbildnerkünste, die dannThe Hours beispielsweise bei Ed Harris als porösem AIDS-Opfer oder später bei Julianne Moore geradezu aufdringlich wirken. Bis in die Nebenrollen sind die Figuren exquisit besetzt. Sollte also Elijah Wood mal seine Augen für einen Moment schließen, kann er problemlos von dem kleinen Knirps ersetzt werden. Weiterhin ist geboten, allen Leute an die Gurgel zu springen, denen zu diesem Film nur noch einfällt "Ach, der mit Nicole Kidmans falscher Nase."

Empfehlung: Erst mit Mama ins Kino gehen und ihr dann das One-Way-Ticket nach Sansibar (oder an einen anderen schönen Ort der Welt) zustecken.

4 Punkte - Kritik von Judith Göbel

Regie: Stephen Daldry
Besetzung: Meryl Streep, Julianne Moore, Nicole "The Nose" Kidman, Ed Harris, Toni Colette, Claire Danes, Jeff Daniels, Stephen Dillane, John C. Reilly
Länge: 124 min.
Offizielle Webseite: http://www.thehours.de

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Dienstag, 28. September 2004