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Human Nature – Die Krone der Schöpfung
Das erste Mal war dieser Film für
Anfang Dezember 2002 ausgeschrieben. Dann wurde er mit einem anderen Titel
versehen und kam trotzdem nicht in die Kinos. Im März 2003 schließlich
lief "Adaption", bei dem Charlie Kaufman ebenfalls das Drehbuch
schrieb und Spike Jonze den Produzenten spielte. Danach zog bei "Human
Nature" selbst die erdachte Werbemasche, dass man quasi ein Nachfolger
von "Being John
Malkovich" sein wollte, nicht mehr. Darauf wurde es noch stiller. Der
Film läuft nun (Juni 2004) tatsächlich verschämt im Kino - und keinen
kümmert's. Im Folgenden die Kritik von November 2002 (vielleicht haben sie
den Film komplett umgeschnitten und er sieht mittlerweile ganz anders aus,
aber das ist mir jetzt auch egal):
Da macht man einmal einen prima Film und schon erwartet die halbe Welt, dass der nächste auch ein Brüller wird. Und wehe, wenn nicht, dann wird wieder gemäkelt und gegreint und völlig unqualifiziert dauernd auf den Vorgänger hingewiesen, wie originell der war, wie überraschend und hast-du-nicht-gesehen. Das ist einfach so ungerecht.
Dabei kann der Regisseur gar nichts dafür. Den kennt höchstens eine handvoll Eingeweihter als Videoclip-Macher, was schon mal für die Street Credibility nicht schlecht ist. Doch das Augenmerk richtet sich vor allem auf den Drehbuchautor und auf noch einen von der in voller Länge aufgezählten Produzentenschar, d.h. auf Charlie Kaufman und Spike Jonze. Die beiden waren vor drei Jahren für "Being John Malkovich" verantwortlich
– den Film mit dem halben Stockwerk. Also sitzt man jetzt wieder im Kino und wartet auf die restliche Hälfte:
Lila ist mit einer Hormonstörung geschlagen, die überall auf ihrem Körper dichtes Haar wachsen lässt. Erst verdingt sie sich noch als Jahrmarktsattraktion, schließlich hält sie es nicht mehr aus und zieht sich in die Wildnis zurück. Als sich andere Hormone in ihr zu regen beginnen und sie allmählich etwas rollig wird, entschließt sie sich zur Rückkehr in die Zivilisation und zum Epiliermarathon. Ihre haarezupfende Freundin hält denn auch schon einen potentiellen Partner für sie bereit: Den Wissenschaftler Nathan, der per Elektroschocks versucht, Mäusen Tischmanieren beizubringen. Warum auch immer, jedenfalls finden sich die beiden sympathisch und bleiben zusammen. Auf einer gemeinsamen Wanderung entdecken sie einen verwilderten Mann,
"Puff" genannt. Nathan beschließt aus ihm einen zivilisierten Menschen zu machen und steckt ihn in seinem Labor zur steten Beobachtung in einen Glaskasten.
Doch so wie sich Puff aus Berechnung allmählich der gehobenen Gesellschaft anpasst, desto mehr verwandelt sich Lila. Denn nachdem Nathan sie bei der Ganzkörperrasur erwischt hat, weil die Haarzupfbehandlung noch nicht abgeschlossen ist, mutiert sie, nur um Nathan zu halten, in ein pinkes Mittelklasseweibchen. Nathan aber interessiert sich derweil mehr für seine becircende Assistentin, was auch Puff nicht verborgen bleibt und von diesem neugierig verfolgt wird.
Irgendwann endet alles in Mord und Todschuss. Dieses Ende des Films ist bereits am Anfang klar, da die Ereignisse nur in Rückblenden erzählt werden. Aber natürlich wartet der Film noch mit einer Pointe auf - vielleicht auch zweien.
Schon ein Bruchteil der im Film verwendeten Ideen könnte so manchen Film bereichern. Um die eigene Originalität zu toppen, muss jetzt aber alles in diesen einzelnen Film rein. Bis zur letzten Sekunde soll auf diese Weise noch ein Grinsen herausgekitzelt werden. Dennoch will sich so rechte Freude nicht einstellen: Das Schockpotential nackter, beharrter Frauen mag in Gesellschaften, in denen schon der Anblick einer beharrten Achselhöhle Panik auslöst, tatsächlich funktionieren; nur das gleich mit einem erschütternden Tabubruch gleichzusetzen wie die Macher dieses Films es verstanden haben wollen, ist dann doch übertrieben. Auf dieser Art von Gag beruht jedoch ein Großteil des Films. Das Sammelsurium an fluffigen Ideen hebt sich entgegen aller mathematischer Berechnung auf statt sich stimmig zu summieren.
Die Fragen, was einen Menschen ausmacht, was ihn vom Wilden unterscheidet oder für was Zivilisation eigentlich da sein soll, diese Fragen wollen die Macher erklärtermaßen gar nicht stellen und schon gar nicht beantworten, lieber liefern sie ein lustiges Filmchen ab. Dessen Ironie arbeitet aber mit der Vorschlaghammermethode, so dass man die Falschheit der Reden
– einerseits über die Vorzüge der freien Natur und Natürlichkeit, andererseits über die Errungenschaften der modernen Zivilisation und der steten Kontrolle eigener Bedürfnisse
– schneller satt hat als sie im Film breitgewalzt werden.
Nur Lila bleibt ihren hehren Idealen treu, obwohl sie zeitweilig ihr wahres Wesen verleugnet und ihre Seele verkauft (selbst das bekommen wir noch mal explizit gesagt, damit es auch jeder versteht). Letztendlich aber opfert sie sich in ihrem Vertrauen an das Gute und wird von allen verraten. Zumindest diese gemeine Konsequenz halten die Macher durch, damit auch ja niemand auf die Idee kommt, sie hätten sich irgendwelchen Moralismen unterworfen.
Generell zu rühmen ist das kitschig-künstliche Setting, bspw. wenn Lila im Wald mit den Vögel singt und ihr haariger Körper durch eine Bambilandschaft schwebt. Als kurzer Video-Clip entwickelt diese Sequenz mehr Charme und Witz als der aufgebauschte Rest drumherum.
Das Erstaunlichste in Zusammenhang mit diesem Film trug sich übrigens außerhalb der Leinwand zu: In einem hinterhessischen Käsblatt darf regelmäßig ein Tanzlehrer zum Thema der Art "Umgangsformen in der Moderne" seine hundert Zeilen Zivilisationsrettung absondern. Und da stand dieser Tage doch tatsächlich, wie wertvoll es sei, seinem Kinde rechtzeitig beizubringen, auf welcher Seite des Tellers es Messer, Gabel, Löffel abzulegen hätte. Für zünftigen Irrsinn
– es sei mal wieder der Welt geklagt – braucht's eben einfach keine Fiktion.
3 Punkte
- Kritik von Judith Göbel

Regie: Michel Gondry
Drehbuch: Charlie Kaufman
Besetzung: Patricia Arquette (Lila Jute), Tim Robbins (Nathan Bronfman), Rhys Ifans (Puff), Miranda Otto (Gabrielle), Rosie Perez (Louise)
USA, Frankreich 2002
Länge: 96 min.
Vom selben Regisseur: Vergiss
mein nicht!
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