|
L.A. Crash
Autos, Menschenmassen, Lärm, Armut – ca. 50% der Weltbevölkerung leben mittlerweile in
Städten. Und wer sich in einer Großstadt bewegt, ist daran gewöhnt, auf der Straße
berührt zu werden. "In LA no one touches you!" - Um überhaupt etwas zu fühlen, braucht
man einen Crash.
Regisseur Paul Haggis (Emmy-Preisträger und Produzent von "Million Dollar Baby") erzählt
von Verbrechern und Helden, berechtigten und unberechtigten Vorurteilen, von
Erniedrigung und Würde. In kurzen Episoden eröffnet er uns den Alltag der
unterschiedlichsten Personen – vom persischen Ladenbesitzer über die lateinamerikanische
Haushälterin bis hin zum weißen Cop. Nur wenige Augenblicke verweilen wir, bis wieder
die Perspektive gewechselt wird und man langsam erahnen kann, dass die Wege dieser Leute
sich auf unterschiedlichste Weise kreuzen oder gar kollidieren werden.
Trotz – oder möglicherweise gerade wegen – der Starbesetzung gibt es keine
Hauptdarsteller, nur kleine und größere Rollen. Abgesehen davon, dass Namen wie Sandra
Bullock gute Zugpferde für die Vermarktung eines Films abgeben, lebt "Crash" nicht von
seiner Besetzung. Es ist vielmehr die narrative Konstruktion und die Montage, die ihn zu
etwas Besonderem machen.
Der Film selbst erinnert an das Leben in der Großstadt – er ist rasant, wechselhaft,
überraschend und manchmal schockierend. Er spricht über große Themen wie Rassismus und
Vereinsamung, lässt aber auch die kleinen Aspekte des menschlichen Lebens nicht
unerwähnt. Das Menschenbild, welches sich vor den Augen des Kinobesuchers entfaltet, ist
weder eindimensional, noch stereotypisiert. In jedem von uns steckt sowohl ein Held als
auch ein Verbrecher.
Auf Grund der Thematik neigt man leicht dazu, Filme dieser Art mit einem Label wie
"moralisch" oder gar "Rassismuskritik" abstempeln zu wollen. Dadurch wären allerdings
weder die Vielschichtigkeit noch die unparteiische Darstellungsweise adäquat zu fassen.
Generell gestaltet es sich als schwierig, eine Bezeichnung oder gar ein Genre finden zu
wollen, das passend erscheint. "It is a film that escapes genre categorization because
it escapes tonal categorization. This is a film about real life," erklärt Produzentin
Cathy Schulman. Haggis selbst bezeichnet sein Werk als graue Komödie.
Eine humorvolle Sichtweise auf den Film ist auch anzuraten, da übermäßige
Ernsthaftigkeit in der Betrachtung dazu führt, dass man überspitzte Metaphern nicht als
solche erkennt und sich vom Film belehrt und bedrängt fühlt. Letzteres ist diversen
englischsprachigen Filmkritikern widerfahren und wird sicherlich auch im Publikum zu
einer Meinungsspaltung in zwei feindliche Lager führen.
Fazit: Geprägt von einer rasanten Erzählweise, die gleichermaßen hart und ehrlich ist,
birgt "Crash" eine Unzahl sozialkritischer Aspekte und funktioniert trotzdem als
einnehmender Unterhaltungsfilm ohne zum trockenen Moralstück zu werden. Ungeachtet der schweren Thematik bleibt das Kinoerlebnis leicht zu verdauen. Der Film
erzählt vom persönlichen Umgang mit der Angst und regt zum Nachdenken an, ohne auf der
Seele zu lasten.
Kritik von Anja Habermehl
Regie: Paul Haggis
Besetzung: Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon, Jennifer Esposito, William
Fichtner, Brendan Fraser
Länge: 113 min.
USA 2005
Kinostart: 04.08.2005
|