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Home >> Kino: Filme > Letzte Runde 

Letzte Runde

Völker der Welt, schaut auf diese Besetzungsliste! Was da an Repräsentanten der englischen Filmgeschichte über die Leinwand schlurft, sollte jeden Cinejunkie schon mal per se das Knie beugen lassen: Michael Caine (der noch am häufigsten auf der Leinwand erscheint), Tom Courtenay (in den Sechzigern der Pascha unter den Langstreckenläufern), David Hemmings (den man bei "Gladiator" nur mit Hilfe des Abspanns erkennen konnte), Bob Hoskins (Independent-Antiheld der frühen achtziger Jahre), Helen Mirren (schwer gebeutelte und ungebrochene Frau inmitten einer dickköpfigen Männerschar,) und Ray Winstone (der jüngste, dessen Physis allein dennoch schon ihren Raum fordert). Uffz! Aber warum sollte man sich ausgerechnet einen Film mit lauter alten Säcken angucken...?

Vier langjährige Freunde treffen sich zu einer letzten gemeinsamen Runde in ihrer Stamm-Kneipe. Die Stimmung ist etwas gedämpft, denn der Vierte sitzt nur in Form einer Urne zwischen ihnen. Jack, der stets gutgelaunte Metzger, ist gestorben und laut seinem letzten Wunsch soll seine Asche am Meer verstreut werden. Also machen sich die verbliebenen Drei mit Jacks Sohn von London auf nach Margate. Die Reise führt sie an einigen Pubs und vielen Orten der Erinnerung vorbei – beides wird ausgiebig genutzt. Währenddessen besucht Jacks Ehefrau so wie jede Woche ihre behinderte Tochter, die seit fünfzig Jahren im Heim lebt und die nie von Jack akzeptiert wurde.

Das ist erstmal eigentlich schon alles. Aber was Schepisi aus diesem scheinbar einfachen Plot macht, ist nicht bloß eine Entdeckungsreise in die Vergangenheit der Protagonisten. Facettenreich werden ganz normale, bescheidene Leben geschildert, die so normal dann eben doch nicht waren. Beispielsweise wird um große Taten nicht viel Gewese gemacht: Dass Ray dem Freund einst das Leben rettete, kommt erst ganz allmählich raus. Ebenso schrittchenweise erschließen sich die Mühen, die es kostet, aus dem Schatten eines Übervaters herauszutreten, der für seine Kumpels immer auch der Über-Freund war; oder die Trauer der Mutter, die von ihrer Tochter kein einziges Mal erkannt wird und sie dennoch wieder und wieder besucht. Die Fülle an tragischen Geschichten könnte einen unglaublich sentimentalen Murks ergeben können, bei dem am Ende entweder mit lang aufgestauten Kränkungen abgerechnet wird oder die Erinnerung zu einem weinerlichen Schwelgen von der guten alten Zeit mutiert. Doch gejammert wird hier nicht. Stattdessen gibt Jacks Tod den Verbliebenen auch Anlass, unter veränderten Verhältnissen in die Zukunft zu blicken und einen Neuanfang zu wagen.

Letzte Runde

Dank der starken Darsteller reicht auch schon eine kleine Geste, ein Blick, ein kurzer Satz um einer Szene den gewissen Kniff zu verpassen. Da lohnt es sich, genauer hinzusehen und auf Details zu achten. Sechs selbstbewusste Egos frotzeln, kloppen und lieben sich. Doch sind das nicht die skurril-knuddeligen Alten aus der urigen Kaschemme von gegenüber, sondern durchaus zwiespältige, sturköpfige Egomanen. Man sieht den Darstellern an, dass sie sich um diese Rollen gerissen haben, so einnehmend bringen sie ihre Charaktere rüber. Da stehen sie dann am Pier, während ein wirklich ekelhaft nasser Regen sie durchweicht, verstreuen die Asche ihres Kumpels und denken ganz pragmatisch schon mal an das nächste Bier. Jetzt nur nicht sentimental werden.

Komplex wie die Charaktere ist auch die Dramaturgie. Verschachtelte Rückblenden erzählen die Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven. Teilweise unmittelbar auftretende Zeitsprünge durchbrechen das gemäßigte Tempo des Öfteren und nicht immer landet man danach gleich wieder in der Gegenwart. So werden Vorgänge, die man für beiläufig hielt, später erneut aufgegriffen, und mosaiksteinchenartig setzen sich die Leben der Sechs erst im Lauf der Reise zusammen.

Zu all dem passt selbst die schräg-melancholische Musik. Da keucht eine Klarinette fast so wie die alten Männer, wenn diese sich einen Hügel hochschrauben, und das Schlagzeug treibt bestimmend weiter: Diese Jungs geben noch lange nicht auf, ein Pint wird immer noch drin sein, vielleicht sogar eine Reise nach Australien mit der besten aller Frauen...

Mindestens wegen all dem sollte man sich also diesen Film mit lauter alten Säcken angucken. Somit ist heute Weltlobhudeltag und es hagelt uneingeschränkte Sympathie. Einfach groß.

5 Punkte - Kritik von Judith Göbel

Regie: Fred Schepisi
Besetzung: Michael Caine (Jack), Tom Courtenay (Vic), David Hemmings (Lenny), Bob Hoskins (Ray), Helen Mirren (Amy), Ray Winstone (Vince)
Länge: 114 min.
GB 2002 
Webseite: http://www.letzte-runde-der-film.de

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Donnerstag, 03. Juni 2004