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Die Reise des jungen Che -
The Motorcycle Diaries
Es tut so gut, mal wieder einen einfach guten Film zu sehen. Ein Film, der sowohl von seinem Inhalt als auch den Schauspielern, der Regie, der Kamera, den Dialogen, ja selbst der Musik so einnehmend gelungen ist, dass man darüber glatt die Revolution verpassen könnte.
Da verzeih ich ihm auch, dass ich seit
Tagen an dieser Kritik schreibe und befürchte, irgendwelche doch zu bekrittelnden Momente übersehen zu haben. Außerdem führte der Film dazu, dass mir auf Nachfrage der Marburger Meute, wie denn der Film so gewesen wäre, als erstes rausrutschte: "Gael Garcia Bernal ist SO süß!" Das - und das möchte ich mit allerheftigstem Nachdruck betonen - ist so gar nicht meine Art (abgesehen davon natürlich, dass es für den Film komplett unpassend wirkte), weshalb es auch mit einem überraschten "Huch!" gekontert wurde. Schließlich hatten wir mal einen Videoabend geplant, der nur mit Filmen von anschmachtbaren Film-Schnittchen (männl.) bestritten werden sollte. Bei der Diskussion war ich vor allem durch Schweigen aufgefallen: Meine favorisierten Schauspieler sind definitiv nicht der Schnittchen-Abteilung zugehörig. Ehe ich hier aber noch länger abschweife, kommt jetzt erstmal die Filmkritik - alles weitere beantworte ich auf Nachfrage.
Bevor Ernesto Guevara der Welt als T-Shirt-Aufdruck und Demo-Plakat bekannt wurde und auch noch lange bevor er zu "Che" dem Revolutionsführer wurde, war er ein junger Mann aus gutsituiertem Hause, der Medizin studierte und Asthma hatte. Zusammen mit seinem Freund Alberto unternahm er 1952 eine mehrmonatige Reise durch Lateinamerika. Erst auf einem klapprigen Motorrad, dann, als dieses seinen ohnehin schwachen Geist aufgibt, zu Fuß und per Anhalter. Startete die Reise als unbeschwerter Trip zweier übermütiger Abenteurer, so verschaffen ihnen die Begegnungen mit den Menschen einen nachhaltigen Eindruck von den gesellschaftlichen Zuständen eines Kontinents, den sie vorher so nicht kannten.
Natürlich ist Noch-nicht-Che ein durch und durch guter Mensch. Denn während sich sein Kumpel Alberto mit allen Frauen einlässt und das Leben recht locker sieht, fühlt sich Ernesto bspw. sogar noch an das Versprechen an seine zukünftige Ex gebunden, ihr einen Badeanzug zu kaufen, wofür sie ihm einen Batzen Geld mitgegeben hat, den Alberto pragmatischer lieber in Essen bzw. in eine Prostituierte investieren würde. Trotzdem ist Ernesto kein strahlender, überirdischer Held (dazu liegt er auch viel zu oft lungenpfeifend am Boden, woraus sich selbst dann keine jesusmäßige Märtyreraura gewinnen lässt), er ist keiner, der energische Reden schwingt oder die Umgebung mit soziologischen Theorieexzessen nervt. Er ist vor allem ein junger Mann, der mit Flunkereien, Witz und Charme überzeugt, und dessen bisherige Sicht auf die Welt durch diese Reise erschüttert wird. Dazu bedarf es keiner großen Ereignisse, kein einzelnes Geschehen gibt den Anstoß zur Berufswahl "Revolutionär". Aber die Erkenntnis festigt sich, dass etwas nicht stimmt, dass etwas falsch läuft, dass "diese Ungerechtigkeit" herrscht - so einfach ist das.
An Originalschauplätzen inklusive der einheimischen Bevölkerung gedreht, entsteht ein beeindruckendes Dokument, das leider in der synchronisierten Fassung etwas von seinem authentischen Charakter verliert, was sich aber diesmal nicht vermeiden lässt. Der Schmerz einer untergegangenen Kultur wird dennoch spürbar. Die Nachfahren dieser Hochkultur werden von ihrem Land vertrieben, die Arbeiter in ungesunden Minen ausgebeutet, manche sind Flüchtlinge im eigenen Land. Das ist umso erschütternder, weil sich für diese Menschen bis in die Gegenwart hinein noch immer nichts geändert hat. So ist dadurch eben kein nostalgischer Film entstanden, der in einer fern vergangenen Zeit spielt und sich wohlig in Folklore wälzt, vielmehr ist seine Thematik noch immer aktuell.
Zwischen diesen Szenen der Verwahrlosung überrascht der Film mit überschwänglicher Lebensfreude und Situationskomik und vor allem mit einer Naturkulisse, die kein großes Orchester mehr benötigt um zu beeindrucken. Das Pathos bleibt durchweg aus. Der Film kann sich diese Undramatik auch deshalb leisten, weil das Entscheidende erst nach dem Zeitraum, den der Film beschreibt, geschehen wird. Im Wissen darum braucht es keine angestrengt gepuschten Höhepunkte, nur eine langsam, aber eindringlich wachsende Erkenntnis über den Zustand der Gesellschaft. Welche Schlüsse der junge Ernesto daraus gezogen hat, nehmen ihm mindestens die Exilkubaner heute noch übel.
5 Punkte - Kritik von Judith Göbel
Regie: Walter Salles
Besetzung: Gael García Bernal, Rodrigo de la Serna, Mía Maestro
Drehbuch: José Rivera
Basierend auf den Büchern "The Motorcycle Diaries" (bzw. irgendwas adäquates Spanisches) von Ernesto Che Guevara und "With Che through Latin America" von Alberto Granado
Kinostart: 28.10.2004
Vom selben Regisseur: Central
Station
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