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Home >> Kino: Filme > Paradise Now

Paradise Now

Said sitzt auf der Toilette eines Schawarma Händlers und trocknet sich den Bauch ab. Der Gürtel bringt ihn zum Schwitzen - zum einen, weil es heiß darunter ist, zum anderen, weil er Menschen mit in den Tod reißen soll, wenn er die Sprengsätze an seinem Gürtel zündet. Khaled und Said, langjährige Freunde, sind ausgewählt worden, Selbstmordattentäter in Tel Aviv zu werden. Ein Tag bleibt ihnen noch, den sie mit ihren Familien verbringen dürfen bevor sie durch den selbstgewählten Tod ein Zeichen setzen. Doch die Operation scheitert im ersten Anlauf und die Freunde beschreiten getrennte Wege der Angst, Erschütterung und schließlich auch der Selbstfindung.

Regisseur Hany Abu-Assad hat sich zum Ziel gesetzt, eine Lücke zu füllen, die er in unserer Informationsgesellschaft wahrnimmt. Er möchte auf den Standpunkt und die Hintergründe der Selbstmordattentäter aufmerksam machen. Um sich von den Nachrichtenbildern, an die unsere Augen gewöhnt sind, abzuheben, hat er sich für 35mm-Material entschieden.

In Nablus im Westjordanland sind militärische Straßensperrungen an der Tagesordnung. Wenn eine Bombe detoniert, ducken sich die Leute für ein paar Sekunden und setzten dann ihre alltäglichen Erledigungen fort. In einer Stadt unter Besatzung wie dieser schreit die Bevölkerung nach Widerstand. Ohne Kampf keine Freiheit ist eine Maxime, mit welcher der Kinozuschauer konfrontiert wird. Die Bevölkerung fühlt sich degradiert und hilflos - die Hölle auf Erden. Was liegt da näher, als sich einen Platz im Himmel zu verschaffen, als Held aus der Welt zu scheiden und zu wissen, dass für die Familie gesorgt wird?

"Paradise Now" beleuchtet einfühlsam die Denkweise der Selbstmordattentäter und setzt sich mit Themen wie gesellschaftlichem Druck, dem Wunsch nach Verbesserungen, Ehre und Zweifeln auseinander. Der Film schockiert den Zuschauer mit einfachsten Mitteln - Märtyrer bekommen beispielsweise Plakate und Videoaufnahmen ihrer Abschiedsreden. Letztere, wie auch Geständnisse von Kollaborateuren vor deren Erschießungen, können in Geschäften ausgeliehen werden. Man beginnt Schritt für Schritt zu verstehen, warum diese Menschen solch eine "Lösung" wählen, ohne sich als Zuschauer vom Film gezwungen zu fühlen, die gleiche Sichtweise einzunehmen. Auch gegenteilige Meinungen werden ins Spiel gebracht und verstärken unser Mitgefühl für die exzellent dargestellten Charaktere.

Wenn sich ein Spielfilm mit Selbstmordattentätern auseinander setzt, sind gewisse Erwartungen beim Kinopublikum vorprogrammiert. Sich von diesen zu lösen ist allerdings nicht sonderlich schwer, wenn man mit unerwarteten Wendungen, den verschiedensten Überzeugungen und einer Prise Galgenhumor konfrontiert wird. So kommt man kaum umhin, zu schmunzeln, wenn nach einer überzeugten Abschiedsrede für Mitstreiter und Familie inklusive Lobpreisungen Allahs der Kameramann trocken bemerkt, dass seine Kamera ausgeschaltet war.

"Paradise Now" wurde auf der Berlinale unter anderem mit dem Friedenspreis von Amnesty International gekürt. Es ist ein Versuch, Aufmerksamkeit für ein Thema zu schaffen, das in der westlichen Welt auf viel Hass und Unverständnis stößt. Genug Potenzial für den einen oder anderen Kulturschock ist definitiv vorhanden. Die erste Frage, die Said gestellt wird, nachdem er erfahren hat, dass er ein Märtyrer werden soll, ist "Freust du dich?".

Fazit: Moralisch und politisch, ohne dem Zuschauer eine Denkweise zu oktroyieren. Ein brillant konzipierter und bewegender Film, der nicht nur darstellerisch überzeugt, sondern auch zum Nachdenken bewegt.

5 Punkte - Kritik von Anja Habermehl

Regie: Hany Abu-Assad
Darsteller: Kais Nashef, Ali Suliman, Lubna Azabal
Länge: 90 min.
Kinostart: 22.09.2005

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Dienstag, 05. Juli 2005