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Raphaels Zone
Endlich wieder ein Film von Ben Albiòn. Endlich außerhalb des Kommunalen Kinos. Aber natürlich wieder nur mit einer Woche Laufzeit, um 23 Uhr, im kleinsten Saal-Surrogat. Wer Filme derart versteckt, darf sich nicht wundern, wenn niemand reingeht. Hallo Verleih, hörst du mich!?
Dabei gab es dieses Mal wenigstens Werbung für Albiòns neuesten Streich. Einen Trailer kann man die paar Einschubdias zwar nicht nennen (jede Frittenbude macht bessere Reklame), aber wahrscheinlich sahen mehr Leute die Ankündigung als den Film selbst. Dabei hätte Albiòn wahrhaft mehr Aufmerksamkeit verdient. Schon sein Erstling "Jenseits der Bahnlinie" (1985) zeigte dies und schon dieser Erstling wurde ignoriert. Es erbarmten sich ein paar studentische Abspielstätten, selbst eine
Videokassette (spanische Raubkopie) hab ich mal gesehen, aber dann war wieder Ruhe.
In schöner Unregelmäßigkeit erblicken seine Filme das Licht der "Öffentlichkeit", heben das Hirn aus den Angeln, um dann flugs zu verschwinden und so zu tun als wäre nichts gewesen. Wie macht er das nur?
Auch in "Raphaels Zone" geht es mal wieder (nach "Etcetera", 1987, und "Blumbach", ebenfalls 1987) um einen Künstler in der Krise. Klassischerweise reist er erstmal nach Italien, besucht Galerien, sucht Inspiration, trifft auf verschiedene Gestalten, versackt letztendlich. Nunja, man kennt das. Denkste! Nicht so bei Albiòn. Gerade wenn man denkt, jetzt mache er uns den Autorenfilmer deutscher Betroffenheit, wirft er einen Trip ein
– und dann geht's los: Von der deutschen Großstadt aus betrachtet winkt glücksverheißend das ferne Italien
– wenigstens regnet es da unten nicht dauernd. Aber die Toskana-Fraktion ist auch hier hasengleich schon da, und unser Künstler, der sich eigentlich nur verlaufen hat,
muss sich bei der Begegnung mit seinen Landsleuten ersteinmal übergeben. Wer kennt das nicht? Aber bitte beachten: Nie sah man eine anmutigere Kotz-Szene. Während die Sonne jenes berühmte, goldgelbe Licht auf die Zypressen wirft und die Grillen gar nicht mehr wissen, was sie noch alles zirpen sollen, reihert der Feingeist in die heimischen Kräuter. Da verstehen die Toskanitischen Touristen aber keinen Spaß, da schmeckt der Weißwein nicht mehr. Also Flucht, egal wohin.
Und genau dieses "Wohin?" macht dem Helden ab sofort einige Sorgen, denn er kann noch nicht einmal die Frage nach dem "Wo?" beantworten. Ist das noch Italien? Und warum sehen einige Menschen so aus als wären sie gerade der zweidimensionalen Abteilung der Uffizien entstiegen? Nur, was sucht dann Van Gogh hier? Stimmt seine Behauptung, er hätte eigentlich drei Ohren gehabt, so
dass er einfach eines abschneiden musste? Schritt für Schritt verliert der Künstler seinen Realitätssinn, oder verliert die Realität ihn?
Manchmal scheint es sich nur um einen Traum gehandelt zu haben, die Wirklichkeit ist wieder Wirklichkeit. Der Künstler spaziert frohgelaunt über den Marktplatz, vorbei an Ständen mit leuchtendem Obst, mit knackigem Gemüse, mit abgehackten Händen, mit edlen Stoffen... war was? Endlich steht unser Held in der Galerie, unendliche Gänge, unendliche Bilder, Motive, Farben, Tupfer, Pigmente ... Sich in ein Bild zu "versenken" bekommt hier endlich eine greifbare Bedeutung. Alice hatte schließlich auch ihren Spiegel. Mehr sag ich nicht.
Wenn man schließlich nach diesem 84-minütigen Delirium aus dem Kino schwankt, erscheint das Leben draußen total verrückt
– um den winzigen Hauch eines Millimeters. Da geht man am besten nochmal ins
Kino.
4 Punkte - Kritik von Judith Göbel

Regie, Buch: Ben Albión
Kamera: Karl Chivas
Musik: Fish Slappers
Besetzung: Hugo M. Hawkes, Peter Molkinnen, Verna Voghoeven, Robin
Schwartzkopf
Länge: 84 min.
BRD 1996
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