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Home >> Kino: Filme > Roter Drache

Roter Drache

Wer kommt eigentlich auf den Trichter, dass ein Remake eines Prequels basierend auf einer überarbeiteten Buchvorlage eine irgendwie dufte Idee wäre? Hat da tatsächlich jemand das Gefühl, dass irgendetwas fehlt in seiner Filmbiographie, diese vage Unzufriedenheit, dieses Nagen an der Unvollkommenheit, und sitzt dann da und denkt sich: "Was wäre, wenn ich einfach ein Remake eines Prequels basierend auf einer überarbeiteten Buchvorlage drehen würde"? Und dann gibt er der lechzenden Masse, was der lechzenden Masse ist?
Denn natürlich lautet die Antwort, dass es nicht nur EINE Person gibt, die so denkt, sondern gleich mehrere. Was soll man da machen? Wahrscheinlich dem Herdentrieb folgen und willenlos ins Kino tapsen. Und da treffen wir ihn dann wieder. IHN – Hannibal Lecter. Beziehungsweise Anthony Hopkins. Beziehungsweise Hannibal Lecter als Anthony Hopkins. Oder auch egal:

Endlich hat Will Graham ihn gefasst – den distinguiert-bösen Hannibal, den Kannibalen mit Stil. Danach herrscht erst einmal einige Zeit Ruhe, Graham zieht sich zurück, widmet sich Frau und Kind, lässt seine Einstichstelle zuwachsen und hofft auf ein friedlicheres Leben. Doch draußen laufen weiterhin Irre herum, und einer davon hat gerade zwei Familien massakriert. Die Polizei ist rat- und hilflos und reaktiviert deshalb Graham, Graham wiederum reaktiviert – nicht gerade erfreut – seinen Beinahe-Schlächter Hannibal. Der spielt sein bewährtes Soll-ich-dir-was-geben-musst-du-mir-auch-was-geben-Spiel. Derweil bibbern die Ermittler dem nächsten Vollmond entgegen, weil da der Familienmeuchler sehr wahrscheinlich wieder zuschlagen wird.
Wieder sollen wir vom Bösen fasziniert werden, wieder einer Metamorphose einer armen Seele beiwohnen und wieder darf Herr Lecter dazu kryptische Bemerkungen machen. Die helfen der Polizei nicht wirklich weiter, aber für ein bisschen Psychologisierung nehmen wir gerne etwas Geschwätz in Kauf, diabolisches Lächeln und Mad Scientist-Blick inklusive. Angst sollen wir nämlich kriegen. Angst vor dem, was in manchen Hirnen so vor sich geht, und das anscheinend in nicht zu wenigen...

Das alles spielt in der Zeit bevor die Lämmer das Maul hielten und lief Anfang der Achtziger unter dem Titel "Manhunter" schon mal im Kino. Jetzt gibt's davon die Neufassung. Warum nur? Was bringt ein Remake? Stars, bessere Ausstattung, warmes Essen für die Praktikanten? Auch das, aber vor allem Anthony Hopkins. Der hat seine Lieblingsrolle mittlerweile fast so verinnerlicht wie Bela Lugosi seinen Dracula; wahrscheinlich wird er sich dereinst auch im Kostüm (also mit Beiß-Maske und Fußfessel) beerdigen lassen. Hier hält er seine Lecter-Manierismen angenehm zurück, was vielleicht auch an der computergesteuerten Postproduktion liegt, die ihn schlauerweise ein paar Jährchen verjüngt hat.

Da dieses Remake jetzt hauptsächlich wegen Hopkins gedreht wurde, befinden sich die Filmemacher in dem Zwiespalt, dass sie Lecter mehr Präsenz verschaffen müssen, obwohl er doch eigentlich nicht die Hauptperson ist. Von daher ist auch die ganze Diskussion über Brian Cox' damalige Darstellung Lecters überflüssig. Die Figur war zum damaligen Zeitpunkt viel zu nebensächlich, als dass sie einer intensiveren Darstellung bedurft hätte. Der Trick war vielmehr, dass Graham selbst genug Lecter in sich trug, ihm gleicher war und somit manisch genug, sich in den neuen Killer einzufühlen. Eben dadurch kam er dem Familienmörder Dolarhyde auf die Schliche und nicht durch Lecters Orakelsprüche. Nun gerät die Figur des Polizisten zusehends in den Hintergrund, seine Zerrissenheit wird nicht mehr spürbar. Er war die erste Hauptfigur, Dolarhyde die zweite. Hannibal hingegen war nur der Ursumpf, mehr brauchte man damals nicht zu wissen.

Man müsste sich in diesen Zustand des Nichtwissens zurückversetzen, um sich von dem Film noch überraschen lassen zu können, um von Hannibal und seinen Spielchen erschreckt und fasziniert zu sein. Aber wie soll das bei einem Klassiker (und das ist "Schweigen der Lämmer" ja) gehen? Wie das Vorwissen ausblenden, wo doch Szenen und Blicke bekannt und schon ins kollektive Gedächtnis gewuchert sind? Denn gleichzeitig spielen die Macher mit diesem Vorwissen, allein wenn am Ende des Films der Besuch einer jungen FBI-Frau (eben Clarice Starling) angekündigt wird. Jetzt ahnt man endlich, warum der Anstaltsdirektor allmählich kirre wird: Da geben sich die FBI-Hansels die Klinke in die Hand, servieren Hannibal eine Haftvergünstigung nach der nächsten, während er selbst die Arschkarte in die Hand gedrückt bekommt. Das deprimiert. Graham darf am Schluss wenigstens für alle Zeiten aufs Meer segeln und dem Vergessen anheim fallen – in den folgenden Filmen wird niemand mehr nach ihm fragen. Aber als Anstaltsdirektor kriegt man sogar aus dem Publikum nur ein irgendwie schadenfrohes Giggeln zu hören, weil jedem, wirklich JEDEM einfällt, dass Hannibal mit ihm noch eine Verabredung zum Essen haben wird (kicher).

Zwei eindrückliche Szenen hat der Film. Eine am Anfang in der Konfrontation zwischen Graham und Hannibal, an der ein Messer und eine Bauchdecke beteiligt sind, und eine am Ende in der Konfrontation zwischen Graham und Dolarhyde, bei der sich Grahams Sohn sein Kindheitstrauma holt. Da geht es um zwei Sorten von Verletzungen, physisch und psychisch, die sich wirklich eingraben. Der Rest dazwischen ist allzu bekanntes Füllmaterial. Kann es da helfen, dass der Film wenigstens nicht so albern ist wie Ridley Scotts "Hannibal"?

Etwas helfen kann auch die Besetzung: Edward Norton als Will Graham taumelt bewährt am Rande des Nervenzusammenbruchs. Viel tun muss er dafür nicht – diesen fertigen Blick, diese Augenringe kriegt er nur noch mittels Amputation weg. Recht überraschend ist Ralph Fiennes als Dolarhyde. Erst dachte ich an eine eklatante Fehlbesetzung, aber das Kerlchen ist entsprechend seiner Rolle auch mal wieder ganz ordentlich mutiert. Da kann einem eigentlich die Verwandlung von Fiennes mehr Angst machen als die seines fiktiven Charakters.

Ein Ende ist übrigens noch immer nicht abzusehen. Gerüchten zufolge soll Sir Anthony jetzt ein eigenes Fortsetzungsdrehbuch verfasst haben... na, dann prost.

3 Punkte - Kritik von Judith Göbel

siehe dazu auch Filmkritik "Hannibal"

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Sonntag, 26. September 2004