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Home >> Kino: Filme > Schläfer

Schläfer

"Weißt du, was das Schlimmste im Leben ist? Dass man Jeden verstehen kann."

Islamischer Terrorismus ist wohl eines der Themen, die uns noch einige Jahre durch die Medien begleiten werden. Der junge deutsche Regisseur Benjamin Heisenberg greift die Thematik für seinen ersten großen Spielfilm auf und versucht, dem Publikum den "gesellschaftlichen Zustand der Verunsicherung" begreiflich zu machen. Um den Zuschauer noch ein wenig zu emotionalisieren, gibt er eine Prise Liebe und Eifersucht hinzu und ködert uns mit dem Eindruck der Authentizität der Charaktere. Die klassische Dreiecksbeziehung zählt zwar nicht mehr zum Bereich der Innovativität, funktioniert aber für die Personenkonstellation von "Schläfer" einwandfrei.

Beim Frisbeespiel folgen wir den rasanten Schwenks der Kamera zwischen dem Protagonisten, der Frau seines Begehrens und seinem Freund, der bisweilen auch antagonistische Funktionen einnimmt. Protagonist Johannes Merveldt wechselt von Berlin an den Lehrstuhl für Virologie der Technischen Universität München. Sein neuer Kollege, der Algerier Farid Madani widmet sich dem gleichen Forschungsvorhaben mit einer anderen wissenschaftlichen Herangehensweise. Aber ein normales Arbeitsverhältnis lässt sich nur schwer entwickeln, wenn noch vor Arbeitsbeginn der Verfassungsschutz freundlich anfragt, ob man nicht den zukünftigen Kollegen ein wenig genauer in Augenschein nehmen könne. Johannes' hohe Moralvorstellungen lassen ihn allerdings ablehnen und der widrigen Umstände zum Trotz entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den Beiden. Aber die Zweifel an Farids Integrität blitzen immer wieder auf, beispielsweise wenn Farid während einer Unterhaltung die Sprache wechselt, als Johannes hinzu kommt, oder durch die Wahl seiner Bücher: „The purpose of all communication is influence“ – Manipulation der Mitmenschen scheint ein Thema zu sein, welches Farid auffallend interessiert.

Während einer LAN-Party, bei der "Vietcong", ein Strategie-Egoshooter gespielt wird, zieht Farid Vergleiche zwischen dem Spiel und dem Häuserkampf. Die Summe dieser möglichen Indizien gepaart mit der Eifersucht, dass Farid Beate in seinen Bann ziehen konnte, in welche sich Johannes verliebt hat, lassen ihn seine Haltung dem Verfassungsschutz gegenüber überdenken.

Heisenbergs Figuren erzeugen bei uns das Gefühl, "echt" zu sein. Ihre Sprache ist dem Alltag entnommen und der sparsame Einsatz von Licht lässt sie natürlich wirken. Die Einblendungen von Computerspielen lockern die lineare Struktur des Films auf und schaffen zusätzlich eine Atmosphäre der Normalität. Cafés, Discos, LAN-Partys, das Fitnessstudio – all diese Schauplätze spiegeln die Freizeitgestaltung ganz normaler Menschen wider und bieten Identifikationspotenzial. Ein wenig konstruiert wirkt hingegen die Beziehung des Protagonisten zu seiner pflegebedürftigen Oma, mit der er regelmäßig betet. Es scheint ein wenig, als wolle man die Religion stärker thematisieren um ein Gegengewicht zum gläubigen Farid zu bieten. Nicht ganz so realitätsgetreu scheint auch die Darstellung der behördlichen Vorgehensweisen in "Schläfer". Wenn man sich jedoch vom internen Realismus des Films gefangen nehmen lässt, verliert dies an Bedeutung und das Drama entfaltet sich in seiner schlichten, unaufdringlichen Art.

Fazit: "Schläfer" ist ein junger deutscher Film, dessen Charaktere authentisch und sympathisch wirken. Er bietet Reflexionspotenzial über menschliches Handeln in einer verunsicherten Gesellschaft, hinterlässt allerdings keine Bilder in unseren Köpfen, die unser Denken nachhaltig dominieren.

3 Punkte - Kritik von Anja Habermehl

Filmstart: 11.Mai 2006
Länge: 100 min.
Österreich / Deutschland 2005
Regie: Benjamin Heisenberg
Darsteller: Bastian Trost, Mehdi Nebbou, Loretta Pflaum, Gundi Ellert, Wolfgang Pregler

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Sonntag, 30. April 2006