Kino

Filme
  
Festivals
  
Aktion Sorgenkino
  
Coen-Brüder-Huldigung

  

Kunst

Selbstgeschriebenes
  
Selbstgezeichnetes

  

Kultur

Konzerte
  
Seinfeld

  

Kleinkram

Über mich / Impressum
  
frust-maus-chronicles
  
Links

  

Home >> Kino: Filme > Sommersturm

Sommersturm

Zum Sturm wird ein Wind erst, wenn er Stärke 9 erreicht hat. Wenn der Schaden, den er anrichtet, nicht zu übersehen, die Natur nachhaltig von ihm gezeichnet ist. Wenn Bäume ausgerissen werden, umfallen und tiefe Schneisen graben in ihre Umgebung. Wenn danach vieles anders ist davor. Als im Film "Sommersturm" während eines heftigen Unwetters eine Tanne entwurzelt wird und sich zwischen den 18-jährigen Tobi (Robert Stadlober) und seine Freunde wirft, ist längst schon alles anders und die entstandene Kluft nicht nur eine räumliche - für Tobi ist eine Ahnung zur Gewissheit geworden, die sein Leben und das Verhältnis zu seiner Umwelt für immer ändern wird: Er ist schwul - und nicht mehr gewillt, das vor sich und den anderen Jugendlichen, mit denen er in einem Zeltlager für einen Ruderwettbewerb trainiert, abzustreiten.

"Sommersturm" ist der zweite Kinofilm des erst 27-jährigen Regisseurs Marco Kreuzpaintner, und wie in seinem durchwegs gelobten Kino-Debüt "Ganz und gar" (2003) erzählt er auch in seinem neuen Werk von jungen Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, von dem Punkt, an dem Träume zerschellen können, aber sich auch die Chance bietet, inneres Gleichgewicht zu erreichen. Doch in einem unterscheidet sich "Sommersturm" ganz deutlich vom Erstling: Es ist Kreuzpaintners eigene Geschichte, die erzählt wird, und wenn die Realität sich auch nicht ganz so wie im Film zugetragen haben mag, spürt man doch in vielen Szenen eine Authentizität, die regelrecht unter die Haut geht - sogar den schmerzenden Sonnenbrand, den sich Tobi in einer Szene zuzieht, meint man irgendwie zu spüren.

Der Film beginnt wie viele Teenagerfilme: Zwei halbwüchsige Jungs, Tobi und Achim (Kostja Ullmann), freuen sich auf das Sommerzeltlager mit ihren Kollegen vom Ruderclub RSC, dem ein Wettkampf mit anderen Mannschaften folgen soll. Sie trainieren zusammen, masturbieren nebeneinander in der Umkleide, planen eine ausgiebige Interrail-Tour nach der Schule und sprechen - klar, über Mädchen. Achim freut sich, dass er während des Zeltlagers endlich ungestört mit seiner Flamme Sandra (Miriam Morgenstern), die in der Mädchenmannschaft rudert, Zeit verbringen kann, und Tobi sind die Avancen, die ihm die bildhübsche Anke (Alicja Bachleda-Curus) macht scheinbar auch nicht unangenehm. Scheinbar. Dass er viel mehr für seinen besten Freund Achim empfindet ist da schon spürbar - für Tobi selbst und den Zuschauer -, aber wahrhaben wollen es zunächst nur Letztere. 

Marco Kreuzpaintner wollte keinen Randgruppenfilm drehen, einen über einen schwulen Stricher oder einen Familienvater, der sein Coming-Out erlebt. "Es sollte ein ehrlicher Film werden", sagt er. "Ein Film über die Zeit der Jugend, der Unentschlossenheit. Keine Hau-Drauf-Komödie, keine platte, sexuelle Farce, sondern ein Film, der Jugendliche, ihre Gefühlswelt und ihre Melancholie ernst nimmt." 

Gelungen ist das mit "Sommersturm" auf jeden Fall. Behutsam und jenseits aller Klischees führt er seinen Protagonisten durch die Irrungen und Wirrungen eines Teenagers, der merkt, dass bei ihm etwas anders ist. Der sich im Gegensatz zu seinen Freunden nicht aufregt, als statt der erhofften Mädchenmannschaft aus Berlin die "Queerschläger" - sprichwörtlich - am anderen Ufer des Sees ihre Zelte aufschlagen, eine Rudermannschaft aus ausschließlich Schwulen. Der hin- und hergerissen ist zwischen dem Versuch, "normal" zu sein, und dem Wunsch, so zu sein, wie er gerne möchte.
An dem Tag, als das heiße Wetter umschlägt, sich allmählich drohende Wolken bilden und der Wind immer stärker und unerbittlicher wird, hat Tobi eine entscheidende Erfahrung hinter sich und längst eine Entscheidung getroffen. Und als er nach dem Zeltlager vor seinem Elternhaus steht und die nächste große Herausforderung vor sich hat, da lächelt er - den Sturm seines Lebens hat er bereits hinter sich.

Ein feiner, guter Film. Gerade in Zeiten der Bully-Tunten-Mania.

4 Punkte - Kritik von Heidi Keller

Regie: Marco Kreuzpaintner
Buch: Thomas Bahmann, Marco Kreuzpaintner
Darsteller: Robert Stadlober, Kostja Ullmann, Alicja Bachleda-Curus, Tristano Casanova, Miriam Morgenstern, Marlon Kittel, Hanno Koffler, Jürgen Tonkel, Alexa Maria Surholt, Jeff Fischer, Joseph M'Barek
Deutschland 2004
Kinostart: 2. September 2004

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Montag, 09. August 2004