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Home >> Kultur: Konzerte > Howe Gelb

Howe Gelb am 31.01.02 im KOZ

Der Konzertbeginn ist laut Plakat für 20 Uhr angesetzt, beginnt also pünktlich um halb zehn. Eigentlich weiß man das bei Herrn Gelb. Was man nicht weiß, ist die erwartete Publikumsdichte, deshalb geht man rechtzeitig hin, bekommt problemlos eine Karte und hält sich dann anderthalb Stunden am Begrüßungsbier fest. Als das Publikum dann doch langsam unruhig wird und die Randy Newman-CD zum dritten Mal durchläuft, kommt auch ganz entspannt der Meister von draußen rein, tätschelt kurz das elektronische Piano und begrüßt die anwesenden ca. 140 Gäste.
  
Das ist doch schon mal ein gutes Zeichen, er erkennt die Außenwelt und versucht in Kontakt mit ihr zu treten. Von daher könnte es also direkt klappen, dass es diesmal nicht komplett autistisch wird, wo einem Angst und bange werden kann, ob er überhaupt noch lebt oder nur das Rückenmark an der Gitarre arbeitet. Das heißt aber noch lange nicht, dass im Gegenzug ihn alle verstehen werden, aber dazu gleich mehr. Immerhin darf auch er sich etwas wundern – über den Veranstaltungsraum, der durch seine Bemalung ja durchaus auch die lokale Kindertagesstätte sein könnte (nun gut, da gibt es wahrscheinlich keine Biertheke).
  
Entgegen der Ankündigung, dass er alleine auftritt, tritt er tatsächlich alleine auf. Nur er, sein Piano, seine Gitarre und ein Aufnahme-/Abspielgerät. Als Einstimmung gibt's deshalb erstmal ein wenig Johnny Cash auf die Ohren: "Wo ist zuhause, Mama?" Wieso, will er schon wieder weg?
  
Da Zappas Gene irgendwann mal nach Tucson ausgewandert sind, reinkarnieren sie jetzt in Form von unerwarteten Samples bestehend aus live aufgenommenen und per auf Knopfdruck abgespielten Klavierstücken, die ihn zur Gitarre begleiten, und Entdeckungen auf dem Gebiet der Rückkopplung. Der Raum hat eine krude Akustik, was aber ja der Sache (Tonexperimente) keinen Abbruch tut. Mal austesten, fiepst so schön, muss auch nicht immer perfekt ausgesteuert sein. Ich vermisse mehr Bratzgitarre, da dürfte er ruhig häufiger hinlangen. Er droht an – "just in case" – ein paar Takte Kylie Minogue aufzulegen. Die Angst ist wirklich nicht unberechtigt, dass er das tatsächlich wahr machen würde. Allerdings hält ihn nichts davon ab, anderes Zeug abzuspielen, was er mal irgendwo gefunden hat.
  
Gelb ist heute mal ausgesprochen mitteilsam. Seine Kommentare haben einen Anflug (eigentlich sogar sehr viel Anflug) von leichtem Irrsinn und ergänzen sich damit hervorragend mit der Musik: 45 ist er also. "With fourtyfive things get really weird (das glauben wir ihm aufs Wort)... wollt ihr noch über irgendwas reden....habt ihr Vorschläge.... oh, ich hab vergessen "record" zu drücken... was für ein Lied ist das eigentlich... das ist das erste Mal in Deutschland, dass die Sonne scheint (wir haben Januar, es sind 20 Grad)... bei "Elektronische gegen normale Pianos" steht es 4:3 ...da kann man tolle Sachen mit machen...  Zeit für Johnny Cash... was für ein Tag ist heute ...schon Wochenende ... ah ja, eine Uni, da fängt das Wochenende schon am Donnerstag an... normalerweise gibt es einen Boss und viele Arbeiter, heute gibt es einen Arbeiter und der Rest sind Bosse... also, was machen wir denn jetzt... jetzt gibt es altes Zeug von 1978... wer war 1978 schon am Leben?" ...usw. usw.
  
So richtig Stimmung will im Publikum nicht aufkommen. Es scheint größtenteils irritiert zu sein: Meint der das jetzt ernst oder was? Manche Gestalten standen als personifizierte Trantüte so steif und fehlplatziert rum, das man sich schon fragen konnte, ob sie sich tatsächlich nicht mehr über Kylie Minogue gefreut hätten. Ich hingegen war diejenige, die mit einem debilen Grinsen an der Bühne hing, weil der Mann immer noch Töne produziert, die mich einfach glücklich machen.
  
Überhaupt sollten seine Konzerte in nicht allzu großen Räumen stattfinden. So dreißig eingefleischte Fans auf Tuchfühlung kämen bestimmt besser rüber. Gelb gibt schließlich eher eine Privatvorstellung denn ein Konzert. Es ist, als würde man bei ihm im Wohnzimmer sein, das Töchterchen sitzt mit ihm zusammen vorm Klavier und er nimmt fasziniert auf, was das Balg wieder für klasse Töne mit dem Ellbogen erzeugen kann.
  
Zwischendurch gab's "Sage Advice" in der Solo-Version, den Rest habe ich nicht erkannt. Nach anderthalb Stunden war Schluss. "Thanks for having me." Kein Problem. Wenn der Rest schon keine Zugabe haben will, kaufen wir ihm halt seine CDs ab.
  
Wo war der Wackel-Dackel?
  

   
  

Mehr Infos: http://www.giantsand.com

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Donnerstag, 03. Juni 2004