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Götz Widmann (ex-Joint Venture), Marburg 16.05.03
Götz Widmann gab ein Konzert in der Marburger Mensa. Richtig gehört. Eine Nachricht von der Durchschlagskraft wie über das Auftauchen eines Furunkels am Hintern eines patagonischen Bauern. Fürs Weltgeschehen also ziemlich unerheblich
– könnte man meinen. Denn die Sache ist anders, nämlich so: Der Bauer hat Fans, bzw. das Furunkel, bzw. Götz Widmann. Und das kam folgendermaßen:
Vor ein paar Jahren brachte ein Besucher seltsame CDs in unsere WG, mit denen er uns während seines Aufenthaltes ausgiebig beschallte. Die Band hieß "Joint Venture" und wir wurden süchtig. Also ließ uns der Bekannte kurz darauf mehrere Devotionalien zukommen, mit denen zwar die Musikindustrie und leider auch die entsprechende Band aufs Übelste um ihren Gewinn betrogen, aber auch der Grundstein für eine langanhaltende und tiefe Verehrung gelegt wurde, von der wir vorher nicht im mindesten geahnt hatten, dass wir dazu fähig wären. Das Problem war nun aber, dass wir uns gerne weitere CDs gekauft hätten und uns nach Konzerten sehnten, aber es war nichts zu kriegen. Nur einmal fiel uns ein Exemplar des Albums "Extremliedermaching" in die Hände, was prompt weiterverschenkt wurde, damit sich das Böse weiter in der Welt verbreite.
Zur Musik soll den Unbedarften dieser Erde noch gesagt werden, dass es nur wenige Menschen auf diesem Planeten gibt, die sich wie Joint Venture auf folgende Themen verstehen: Drogen (allgemein), Sex (auch allgemein), Drogen (Hanf und Folgeprodukte), Sex (selbstgemachter), Drogen (Alkohol), Sex (fehlgeschlagener), Drogen (Missbrauch, Folgen, Konsequenzen), Gott und die Welt, fortgeschrittene Albernheit nebst konsequent durchgehaltenem Wahnsinn.
Dann kam uns eine Nachricht zu Ohren, die unsere Hoffnung ein für alle mal zu begraben schien: Einer der beiden Bandmitglieder war gestorben, tot, aus, vorbei, weggerafft vom Leben. Wat nu? Den Fanblock ebenfalls um 50% verkleinern? Das kam nicht in Frage, und so nudelten wir die Cassetten runter und stellten Kerzen ums Plakat "Ich brauch Personal". Dann geschah lange Zeit nichts.

Doch jetzt endlich schaute der letzte Überlebende Götz Widmann auf seiner "10 Jahre Joint Venture"-Jubiläums-Tour auch mal in Marburg vorbei. Warum es aber ausgerechnet die Mensa sein musste, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Manche Organisatoren zeichnen sich durch eine erschreckende Unkenntnis von geeigneten Auftrittsorten aus. Mit der Erklärung, dass ja hauptsächlich studentisches Publikum käme, kann man das nicht entschuldigen. Denn das rührte vor allem daher, dass die Werbung resp. Plakatdichte resp. Veranstaltungstipp-Verbreitung von geradezu exklusiver Reduziertheit war und über den olfaktorischen Einzugsbereich der Mensa nicht herausragte.
Mensa-Konzerte scheinen in grauer Vorzeit mal so etwas wie eine Tradition besessen zu haben, die man nun wieder versuchte aufleben zu lassen. Schließlich hatte hier einst sogar Miles Davis selig (ja, der!) gespielt, bevor er eine Woche später die Trompete für immer abgeben musste.
Der große Speisesaal der Mensa fasst unbestuhlt und unbetischt mindestens 2000 Leute. Weil aber niemand Tische rücken will, bleiben die jetzt einfach stehen und man setzt sich drumherum (diesmal ca. 150 Leute). Zum Glück muss man nichts essen. Viel drängender war die Frage: "Wird's Bier geben? Oder müssen wir uns vorher noch beim Wasserhäuschen mit Büchsbier eindecken?" Aber nein, bei der Mensa denkt man mit: Es gab Bier und Saft und Sekt und Wasser und Brezeln an einer improvisierten Theke, an der weißbehemdetes Personal stand. Erstes Huch. Zweites Huch: Einfach so zwei Bier ordern geht nicht. Erst am vorderen Ende der Theke für den gewünschten Wert Bons kaufen, dann die Bons in Getränke umtauschen. Ein Bon für 50 Cent macht bei zwei Bier zu je einsfuffzig, äh... ähh.... sieben Bons für drei Euro. Na, mir soll's recht sein. Die Weißhemden machten dann auch im Saal die Runden, um ihre Getränketabletts zu verteilen. Allerdings wie gesagt nur gegen Bons. Keine Sau denkt so weit, sich im Vorfeld mit einem Packen Bons einzudecken, weshalb dauernd jemand zur Theke huschte, Bons holte und damit dann sein Kellner-Bier ausgehändigt bekam. Dieses Serviceangebot war augenscheinlich auf dem Gehirnmist eines innovativen Marketingstrategen gewachsen, der beim Stichwort "Konzert" wohl eher an eine Abendkleidgesellschaft mit Kammermusik gedacht hatte. Oder er hatte an diese illustre Runde von Menschen gedacht, die sich an den beiden Tischen niederließ, wo Zettel mit der Aufschrift "Reserviert" drauflagen. So teilweise mit Schlips und Bluse ausgestattet war dieses Grüppchen wahrscheinlich eine Abordnung aus dem Seminar "Fremdheitserfahrung".
Ich hoffe, sie haben wenigstens was gelernt.

Dann kam Götz, d.h. vorher kam erstmal der local Liedermacher CARSCHti, aber das kann man überspringen. Götz kam also, sang und klampfte und erzählte vor allem viel: Das Werden und Wirken von Joint Venture, Drogenexzesse, Auftritte in Fußgängerzonen, Drogen, Auftritte bei Festivals, Drogen, Niedergänge, NORD, Kleinti Simons Abgang und natürlich Drogen
– und im Saal herrschte Rauchverbot. Wie gesagt, der Marketingstratege hatte da irgendetwas missverstanden, und die reservierte Tischgruppe machte auch nicht den Eindruck als hätte sie die entscheidende Entwicklung des Berufs "Liedermacher" mitbekommen, der eben nicht nur Leute wie Reinhard Mey und Katja Eppstein umfasst.
Das restliche Publikum bestand aus niedlichen kleinen Dummkiffern und treuen Altfans, Jungstudenten und irritierten Begleiterinnen, die trotzdem alle tausendmal besser ins Café Trauma gepasst hätten als hier fortwährend mit Verhaltensmaßregeln von der Art "Nicht rauchen, nicht essen, nicht Skateboard fahren" zurechtgewiesen zu werden. 's war der Stimmung nicht zuträglich, und dass sich Widmann davon nicht irritieren ließ, zeigt wahre Größe. Der Mann hat wahrlich schon mit anderen Dingen gekämpft, nämlich mit seinen eigenen Dämonen, die er unerschütterlich offen und erbarmungslos ehrlich zugibt und besingt. Da mag die Theke zur Halbzeitpause dichtmachen, als Strafe für solch abscheuliches Benehmen spielt er eben gnadenlos bis halb eins durch. Und wem vom vielen "Wichsen", "Hasch legalisieren" und "Frauen anmachen" die Ohren bluten, kann ja gehen. Das alles wäre aber einfach nur albern und anstrengend, wenn er zwischendurch nicht eben auch Lieder schreiben würde, die entweder von tiefer Weisheit umflort ("Das Leben sollte mit dem Tod beginnen") oder entzückend schön sind ("Die zwei Trauben"). Falls die kleinen Dummkiffer durch den Pausenfüller nicht komplett zugedröhnt sind, wissen sie das sogar zu schätzen und hören auf, dauernd "Politiker beim Ficken" zu brüllen, was zwar ebenfalls ein großartiges Lied ist, aber nicht zweimal am selben Abend.
Sollte er doch mal eine Amerika-Tournee machen, bitte ich um das Ergebnis der Konzertlänge, denn wenn die erst mal seine Texte verstehen, dauert's bestimmt nicht lange bis sie ihn rauswerfen: "Oh my God, he is singing about fucking and drugs and peeing on the floor!"
– und das Gepiepe will einfach kein Ende nehmen, wenn sie verzweifelt versuchen, all die bösen Wörter zu kaschieren...
In Götz we trust.

Mehr Infos: http://www.goetzwidmann.de
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