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OPEN EYES 2001

Zum Filmfest 2001 ergab sich für mich die Möglichkeit, mal so zu tun als könnte ich das Schlimmste schon im Vorfeld verhindern. Ich nahm an der Auswahljury teil und vertrieb mir den Frühling mit nervenzehrenden Videosessions – 91 Filme lang. Leider wurde mein ehrbares Ansinnen auf halbem Wege abgebrochen: Mein reguläres Arbeitsleben ließ mir keine Zeit mehr fürs Aufstöhnen und Hochjubeln. Das hat mich so mitgenommen, dass zum einen die Jury im Jahr 2002 nun wieder alleine sehen musste wie sie zurande kommt, zum anderen habe ich über ein Jahr gebraucht, um meine Wertungen einigermaßen zu sortieren und der Halböffentlichkeit zugänglich zu machen.
Als Trost dafür gibt es jetzt Kurzkritiken zu einigen der Filme, die ich damals sichten musste, auch zu denen, die so erschreckend scheiße waren, dass das größere Publikum davon verschont blieb. Aber der Vollständigkeit halber und als Warnung, falls diese Beiträge doch noch mal woanders eingereicht werden sollten, kann ich nicht länger schweigen...
  
Das Fleißkärtchen geht deshalb an mich.
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(xxx = wurde im Programm gezeigt)

  

Favoriten

"Ahoj" heißt auf Tschechisch "Hallo"
Gerrit Schade, 5 min., xxx 
Der Grundkurs "Tschechisch für Anfänger" wird als Animation mit typographischen Elementen umgesetzt. Wie das bei Wörterbüchern so ist, sind die Sätze furchtbar blöd, aber in entsprechender Zusammensetzung ergeben sich überraschende Zusammenhänge. Eine gute und witzige Umsetzung mit einfachen Mitteln.

3 aus 35
Jeanette Mathieu, 8 min., xxx 
Drei Off-Sprecher geben ihre Beschreibungen derselben filmischen Abfolge von Parkbänken, Mülleimern und öffentlichen Plätzen ab. Der Erste versucht sich auf die Fakten ("Zweisitzer, Lochblech") zu beschränken, kommt aber allmählich bei zunehmender Geschwindigkeit durcheinander. Der Zweite nutzt das Gezeigte für recht witzige Schilderungen eigener Erlebnisse am Objekt ("Gefällt mir sehr gut", "Gibt Abdrücke im Hintern"). Beim Dritten wird's bedeutungsschwanger und assoziativ ("Weite, Sehnsucht").
Sollte zum Standardwerk über Wahrnehmung werden.

Enter – L.A. Level by Level
Veit Bastian, 50 min.
Leider war dieser Beitrag fünf Minuten zu lang, um in die Auswahl zu kommen. Das ist umso ärgerlicher als es sich hier wirklich um einen großartigen Film handelt.
Wer mal wieder wissen will, wie es um die amerikanische Befindlichkeit bestellt ist – diese Dokumentation gibt in mehreren "True Stories" Auskunft: Kakerlakenbekämpfung, Kinder-Castingagentur, Pornodarsteller-Agentur, esoterische Techno-Tänzer im Wald, ein sozialkritischer Skulpturen-Sammler, ein Hahnenkampf, das gefährlichste Krankenhaus jenseits von gut und böse, ein Sensationsreporter und dessen Aufnahmen von einem Selbstmörder und abschließend eine Pilgerschar irgendeiner Kirche, die versucht, per Fotografie und Video ein göttliches Licht einzufangen.
Zwischen den Beiträgen gibt es lange Fahrten an Werbetafeln, Bäumen und Häusern vorbei. Hier hätte der Regisseur denn auch gut die fünf Minuten rauskürzen können, die ihn vom Amöneburger Welterfolg trennten.

Grüßt unsere Berge
Sven Knauth / Stefan Schulz, 3 min., xxx 
Real-Animation. Ein Bergsteiger hangelt sich, eigentlich seitlich auf dem Boden liegend, an Gullis, Pflasterkanten und Straßenlinien entlang. Ein Kurzfilm wie er sein soll: Originelle Idee, macht Spaß und ist mit viel Liebe und viel Arbeit umgesetzt.

Perestroika (again and again and again)
Alexander Kiseliov, 13 min., xxx 
An einer riesigen Gleisanlage im russischen Winter entwickeln Eisenbahnwaggons ein gewisses Eigenleben: Sie trennen sich vom Zug, rollen wie von selbst über Schienen, fahren an Weichen und aneinander vorbei, mit flatternden Fahnen als wär die Revolution doch noch groß rausgekommen. Schließlich greift aber die Macht der Schaltzentrale ein und lenkt die meisten zurück aufs vorgeschriebene Gleis. Doch nach kurzer Zeit lösen sich die Wagen wieder voneinander... 
Bei der Vorführung war der Regisseur anwesend und fragte sich wohl, was er hier verloren hat, da ein konfuser Moderator ihm versicherte, dass er noch nie einen so schönen Film über's Ballett gesehen hätte. Alle anderen Peinlichkeiten scheiterten glücklicherweise rechtzeitig an nicht aufzulösenden Sprach-Problemen.

Peute 
Rabea Eipperle, 2'55'' min., xxx 
Das sind so Filme, die man macht, wenn man kein Geld, aber eine Idee hat. Eine kleine alberne Idee. Ganz einfach. Und keiner hat sie vorher gehabt. Also wird sie ohne zu zögern umgesetzt. 
Ein Parkplatz. Ein VW-Bus fährt vor. Eine Frau steigt aus und tanzt zu den Klängen von "She works hard for the money" einmal rund um ihr Auto, bzw. an und auf ihm entlang. Dann steigt sie wieder ein und fährt weg. Die Kamera ist ihr dabei schnittfrei gefolgt und bleibt am Parkplatz zurück. Das ist alles.
Gut so.

Rósza
Andreas Bohm, 12 min., xxx 
Der etwas andere Dokumentarfilm. Eine Mutter und ihr Kind auf einem Bauernhof irgendwo in Ungarn. Die hervorragende Kamera-Arbeit fordert mit ihrer Quadrierung genaues Hinsehen. Zusammen mit dem O-Ton ergibt sich ein seltsam surreales Werk.

Teletuppies 
Lohrmann, Fischer, 7 min.
Wenn auf einer Kassette mit diesem Titel die Altersfreigabe ab 18 angegeben ist, dann sollte man das ernst nehmen. Denn was man als erstes vermutet, das wird wahr und noch viel wahrer als einem lieb ist. Sehr konsequent bis jenseits der Schmerzgrenze umgesetzt und deshalb leider unzeigbar ("Die Kinder, denkt an die Kinder!").
Tipp: Erst das Essen aus der Hand legen.

Der Würger
Katharina Hein, Lucian Busse,1 min., xxx 
Ein Pisser im Schnee wird vom heranstürzenden Würger gewürgt.
Stummfilm mit Klaviermusik und dem einzigen Zwischentitel "Ha, Prinz Eduard von Frankfurt, hab ich Euch endlich!" Mehr braucht's doch gar nicht, um mich glücklich zu machen.
www.ufonics.de

 

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Freitag, 25. Juni 2004