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OPEN EYES 2002

OK, OK, ich geb's zu: Ich war dieses Jahr feige. Aber nachdem ich das letzte Jahr vom Regen fast weggespült worden bin, lockte mich allein die Vorstellung, dass es regnen könnte, nicht auf die Amöneburg. Den teilnehmenden Berichten zufolge soll es aber gar nicht so nass gewesen sein.

Insgesamt wurden 260 Beiträge eingereicht, was mal wieder einen neuen Rekord aufstellte, und insgesamt waren die Hochschulfilme in der Überzahl, was heißt, dass die Mehrheit sich auf den Sprung übern Großen Teich vorbereitet und deshalb vor allem perfekte Mainstream-Kost ablieferte. Das Urteil lautete daher "Überwiegend nett" bzw. "Weitgehend harmlos" (das trifft ja bekanntlich auch auf die Erde zu, also bitte keine Beschwerden).
Ich habe mich dann zumindest zum "Best Of"-Programm am darauffolgenden Mittwoch ins Café Trauma geschleppt. Da kam dann die Rache für meine Weicheierei: Wenn den Filmemachern angeblich die Ideen ausgehen – dem Kinosaal geht wesentlich schneller die Luft aus. Wenn's wenigstens draußen geregnet hätte...
  

  

Ausflug

Sigrid Lemm, Deutschland 2001, 3 min.
Wenn Jung-Regisseurinnen zuviel Gewaltvideos sehen, ist selbst die Knetgummi-Animation nicht mehr vor Blut und Eingeweiden sicher. Leider wird die Pointe auf Dickdarmlänge ausgewalzt.

  

Der Storch

Klaus Morschheuser,  7:40 Min., 35mm, Animationsfilm
Wird demnächst als allgemeiner Lieblingsfilm in Dauerrotation bei allen Abspielstätten laufen, die sich der Ignorierung von Kurzfilmen verweigern. Allerliebst.

  

Good Job

Kevin Herbst, USA 2001, 7 min.
Kapitalismus-Kritik aus den USA darf nie hoch genug geschätzt werden. Auch wenn die Überraschung ausbleibt, sind wir am Ende doch fast ebenso gestresst durch die Tonspur wie der Sachbearbeiter durch seine Arbeit.

La Mer

Thomas Raschke, Jürgen Arne Klein, Deutschland 2000, 12 min.
Ein Mittagessen-Tintenfisch wird in einem Restaurant wieder zusammennäht und zurück zum Meer gebracht. Mit Beharrlichkeit und Ausdauer gefilmt geht einem das geradezu Meditative aber nach fünf Minuten auf den Senkel. Das ist wie beim Lied "La Mer": Es ist ja wunderschön, aber – stöhn – muss es denn wirklich jedes Mal laufen, wenn französisches Lebensgefühl über den Strand schwappen soll? Da bleibt einem doch das Baguette quer im Hals stecken...

  

Le silence est en marche

Pierre-Yves Cruaud, Frankreich 2001, 3'30'' min.
Weil Experimentalfilme wohl dieses Jahr zu kurz kamen, hat die Jury diesen Beitrag noch ins Best of geschickt, der solange spannend ist solange man noch am Rätseln ist, um was es sich bei der brummenden Tonspur handelt. Als dann die ersten Fußgänger entziffert sind, könnte der Beitrag auch schon aufhören, also nach einer Minute.

  

Mehmet

Philipp Fleischmann, Deutschland 2001, 11'12'' min
Boxer-Hund eigentlich türkischer Abstammung findet als "Siegfried" bei Dumpfbackenbande Aufnahme. Der obligatorische Pflichtanteil zum Thema "Rechtsradikale". Von der Idee her schon mal nicht verkehrt, war er akustisch nicht immer zu verstehen. Damit ging leider auch das Pointen-Timing flöten.

Rainer T. Eul

Claudia Indenhock, Deutschland 2001, 10 min.
Eine Dokumentation über einen fiktiven Maler, der Tankerunglücke dazu nutzt, seine Leinwände mit dem zäh an die Küste schwappenden Material zu bedecken. Verliert leider seine realistische Komik durch zu dickes Auftragen – nicht der Ölschicht, sondern inszenatorisch. Beim Director's Cut die Essig-und-Öl-Beweihräucherung weglassen, dann könnte Greenpeace mehr Mitglieder gewinnen als die Umwelt verkraften kann. 

  

Schneckentraum

Ivan Saint-Pardo, Deutschland 2001, 15 min.
In derselben Reihe erschienen: "Schnittchenphantasie", "Trulla-Utopie", "Quarktaschen-Illusion". Erst ein Schmachtfetzen wartet der Streifen mit gemeiner Pointe auf, dass einem die Darstellerin wirklich leid tun kann. Schön in Schwarz-Weiß gefilmt und mit überzeugenden Mitspielern.

  

Spring

Oliver Held, Deutschland 2001, 7 min.
Teilweise in Computeranimation übergehender Film, der voller Überraschungen steckt. Könnte eine Abwandlung der Uhr-Episode bei "Pulp Fiction" sein. Tragisch, unerbittlich und saukomisch.

Tauro

Matthias Daenschel, Deutschland 2002, 3'30'' min.
Schön gemachte Animation der Beziehung von Mensch und Stier längs durch die Kunstgeschichte und wieder zurück.

  

Wie ich Höhlenmaler wurde

Jan Peters, Deutschland 2001, 20 min.
Sollte dieser Typ einen in der Realität mit derselben Textmenge zuschütten, mit der er diesen Film bestreitet, ist Vorsicht geboten: Der Mann ist manisch bei der Sache. Er hat einen Blick für krude Details, wobei er eine Menge davon vor allem in seinem eigenen Hirn entdeckt und er dabei versucht, uns folgen zu lassen. Schnitt-Fleißkärtchen.
Tipp fürs nächste Mal: Weniger reinpacken, aber auf keinen Fall aufhören.

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Montag, 09. August 2004