|
Bosnien-Tour 2001 (Teil 1)
Was hat man für Erwartungen, wenn man plant, mit einigen Bekannten und Freunden auf
Wandertour nach Bosnien zu gehen? In ein Land, über das man nur etwas durch diffuse Erinnerungen an Zeitungs- und Fernsehberichte weiß (was bekanntermaßen keine Brigitte Shopping-Tipps für Sarajevo waren). In ein Land, dessen bloße Erwähnung ("Wo machtn ihr Urlaub?" - "In Bosnien.") das Gesicht des Gegenübers einen Ausdruck von Panik und Mitleid annehmen lässt.
So eingestimmt holt man sich noch ein paar Informationen beim Auswärtigen Amt und beim ADAC und erfährt, dass man die Straßen nie verlassen und schon gar nicht Nachts unterwegs sein sollte, was man denn da unten überhaupt wolle (wenn man nicht gerade zur UN oder SFOR gehöre) und ob denn ein Urlaub - sagen wir mal in der Lüneburger Heide - nicht viel viel schöner wäre. Kurz gesagt:
Bosnien sei für touristische Aktivitäten derzeit nicht
geeignet. Auf der anderen Seite erfährt man aber von den bosnienerfahrenen Mitreisenden, dass sie schließlich bosnienerfahren wären und wir vor Ort schließlich auch noch von bosnienerfahrenen Bosniern begleitet würden. Die Tour ist von Profis ausgetüftelt, die Übernachtungsmöglichkeiten in Motels, Hütten und bei Freunden klargemacht, die Verpflegung gesichert, Rettungsmöglichkeiten vorhanden. Kein Grund zur Beunruhigung also. Na, dann los!
1. Tag (Hinfahrt)
Am Samstag, den 21.07. starteten wir mit zwei Autos von Frankfurt. Nachdem bereits am Vortag klar war, dass mehrere Leute wegen Krankheit ausfallen, waren wir an diesem Morgen immerhin noch zu sechst. Bodo und Heike fuhren in einem Wagen, Harry, Claudia, Kai und ich im zweiten. Da Harry und Bodo die einzigen waren, die die Strecke kannten, bekam jedes Auto ein Alphatierchen. Für weitere Routenabsprachen und Streckenstopps leisteten die mitgeführten Handys ganze Arbeit. An diesem Tag wollten wir bis Bihac kommen, dem ersten größeren Ort in Bosnien an der Grenze zu Kroatien. Dank Ferienbeginn und massiven Staus um München nahmen wir nicht die vorgesehene
Strecke über München, Salzburg und Bled, sondern über Passau, Graz und
Maribor. An der Grenze zwischen Österreich und Slowenien stellte Heike fest, dass sie daran gedacht hatte, ihren Reisepass zwar mitzunehmen, aber nicht daran, auch zu überprüfen, ob er noch gültig war. Wir hoffen mal, dass sie eine schöne Woche in Graz oder Wien verbracht hat.
Alle weiteren Grenzübertritte verliefen reibungslos. Deutschland - Österreich - Slowenien - Kroatien - Bosnien. Irgendwer muss sich an der Produktion von Grenzübergangs-Abfertigungsstationen eine goldene Nase verdienen.
Da ab Slowenien die "Autobahn" nur noch als Landstraße mit je einer Fahrspur für eine Richtung existierte, bestand der uns entgegenkommende Verkehr aus einer einzigen Autoschlange, die sich nicht enden wollend um die Hügel wickelte. Links und rechts gesäumt von zahllosen "Restorants" und Bars zockelten auch wir, trotz freier Bahn, mit Höchstgeschwindigkeit "50" durch die Lande.
Zeit genug, sich die Folgen des ehemaligen Frontverlaufs an dieser Strecke zu Gemüte zu führen. Was für den unbedarften Blick und in der Dunkelheit des Abends erst einmal ausschaut wie eine Mischung aus
realsozialistischer Bauweise und mediterraner Bauruine (Einheitsbeton und nackte Wände ohne Verputz), entpuppte sich im weiteren Verlauf der Strecke als Überreste zerschossener Häuser. Wo vor kurzem noch alles, was nicht schnell genug davonkam, zersiebt wurde, wälzten sich nun zähe Automassen vorbei. Der Name eines der Lokale lautete übrigens "Frankfurt". Wenn sich da mal keine Heimatgefühle einstellen ...
Problemlos kamen wir bis
Bihac durch und checkten im Motel Lipovaca ein (ich denke mal, dass das sein Name war, zumindest steht er auf der Rechnung; aber vielleicht heißen auch alle Hotels hier so). Da die Mägen durchhingen, die Hotelverpflegung aber schon dicht hatte, machten wir noch einen kurzen Spaziergang in die Altstadt, um am Ufer des Hausflusses noch in einem Restaurant üppig verpflegt zu werden. Cordon Bleu kann man übrigens hervorragend mit Rinderschinken füllen, nicht nur wenn man sich auf bosnisch-moslemischem Gebiet befindet. Das dürfte Vegetariern egal sein, macht Bosnien aber zum Schweine-Paradies. Satt zum Hotel gekullert und eingepennt.
Übernachtungspreise passen sich hier der Nationalität der Reisenden an. Ausländer zahlen 100 DM fürs Doppelzimmer, Einheimische weniger (warum auch immer sie hier übernachten sollten...).
Einhundert Deutschmark sind übrigens wirklich einhundert Mark, das heißt, man kann überall mit deutschen Scheinen zahlen und als Wechselgeld bosnische "Konvertible Mark" (KM) zurückbekommen; der Wechselkurs ist der Einfachheit halber 1:1. Die Konvertible Mark ist die offizielle Währung und ihre Abkürzung lädt zu billigen Scherzen geradezu ein ("Wieviel Kilometer kostet das?"). In Kroatien hingegen heißt die neue Währung "Kuna" (Abkürzung KN, also "Knoten". Auch nicht schlecht).
2. Tag (Ankunft)
Nach kurzem Frühstück und einem erneuten Abstecher in die
Altstadt und über den Markt ging die Fahrt weiter. Mittlerweile hatten die Hügel schon einiges an Höhe zugelegt, die Wälder wurden dichter und mittendrin tauchte dann schon mal eine Rauch und Abgase produzierende Fabrik aus der Frühgeschichte der Industrialisierung auf, bei der man mitten in die brennenden Öfen schauen konnte.
Gegen Mittag machten wir Halt in
Travnik, um unsere Verabredung Azem und mehrere Portionen großartiges Cevapcici zu treffen. Das Resto lag an einem Bachlauf, der bei Bedarf mehrere große Lamm-Grille mit Wasserantrieb in Bewegung gesetzt hätte. Leider hatte es kurz zuvor geschüttet wie aus Eimern und Zeit fürs große Essen war auch noch nicht. Die Cevapcici-Portionen hätten allerdings ebenfalls ausgehungerte Zehnkämpfer ernähren können.
Nach dem Essen stand wieder ein kurzer Spaziergang an. Waren die ersten Eindrücke bei unserer Einfahrt in die Stadt noch die Einschlaglöcher in zwei Hochhäuser gewesen, so kamen wir nun an friedlicheren Stätten vorbei; an einer zwar abgeschabten, aber dennoch einst recht bunten
Moschee, einem
Holz-Minarett einer anderen Moschee und einem
Bogomilen-Grab. Das Holz-Minarett war schon eine Ausnahmeerscheinung, auch wenn es im ersten Moment recht unspektakulär erschien. Immerhin war es einerseits nicht zerstört worden, andererseits gehörte es auch nicht zum saudischen Aufforstungsprogramm, das vorsieht, über allen bosnisch-moslemischen Städten und Dörfern betongraue Fließband-Minarette abzuwerfen.
Travnik ist die Partnerstadt von Leipzig, und wir fragten uns schon, wer hier wen beim Wiederaufbau unterstützen kann. Beide Orte pflegen eigentümliche Sprachgewohnheiten: Leipzig sowieso, und in Travnik fiel uns ein Laden mit der Bezeichnung "Dragstor" auf. Die Angewohnheit, englische und deutsche Begriffe zu übernehmen und der eigenen Schreibweise anzupassen, soll aber in Bosnien gang und gäbe sein.
Wir setzten unsere Fahrt fort und kamen am frühen Abend in
Sarajevo an. Der erste Anblick war trotz der vorhergehenden fast beiläufigen, aber ja dennoch nachhaltigen Eindrücke der sichtbaren Kriegsfolgen ein mächtiger Schock: Das riesige, zusammengestürzte Gebäude der
"Oslobodanje" (Sarajewoer Tageszeitung). Daneben zerschossene, entleerte Hochhäuser in denen abgerissene Gestalten anscheinend dauerhaft provisorische Unterkunft gefunden haben, und weiter entlose Reihen olympischen Bauwahns aus den 80er Jahren, die aber - leider, muss man wohl sagen - jeglicher Sprengung standhielten. Bevor das Hirn Ruhe geben konnte, ging es auch schon von der schnurgeraden Hauptstraße ab und an einem der Hügel hinauf. Hier waren die kleineren Häuser in der Überzahl, inklusive Gärten und wieder der ein oder anderen zerschossenen Fassade. Hier wohnen Una und Darko, unser erster Sammeltreffpunkt und für einige auch die heutige Übernachtungsmöglichkeit. Bei ihnen trafen wir auf unseren nächsten Mitwanderer Michael. Nach kurzer Pause und Sachen ausräumen ging es wieder runter in die Altstadt bis wir uns dann alle zum gemeinsamen Abendessen wiedertreffen wollten.
In der Kürze der Zeit bestand die
Sarajevoer Altstadt für uns grob aus der Fußgängerzone und dem alten Händlerviertel. Das Händlerviertel besteht aus einem Areal gepflasterter Wege, die mittlerweile durch tausende Fußgängersohlen blankpoliert sind und an denen Reihen kleiner Läden vorbeiziehen. Mittendrin tauchte dann die Moschee und an anderer Stelle die Kathedrale auf. Hier wechselten sich volle Cafés und Bars und rot bemalte Einschlaglöcher im Boden ab.
Ab und an tauchte ein irritierendes Schild auf mit zwei Füßen in einem roten Kreis, dessen Funktion uns aber niemand erklären konnte (wie sich später herausstellte war es kein Schild, das "Betreten verboten" bedeutete, sondern eine Art Wegweiser zu verschiedenen Kunstinstallationen oder Ausstellungen. So ganz genau haben wir es noch nicht herausgefunden, aber wer will, kann den Zeichen wohl gefahrlos folgen). Unser Weg führte uns auch an der ausgebrannten Nationalbibliothek vorbei. Ein wunderschönes Gebäude, das mal mit wunderschönem Inhalt gefüllt war.
Am vereinbarten Restaurant war dann das erste gemeinsame Treffen für alle Beteiligten. Das Resto war ein relativ kleiner zweistöckiger Turm, dessen Tische sich nah an der Wand auf einer Balustrade entlangdrückten, so dass man in der Mitte des Raumes wieder nach unten gucken konnte. Im zweiten Stock war's dafür so heiß, dass ich erst mal zum Waschbecken flüchtete, um einem drohenden Hitzeschock entgegenzuwirken und mir einige Liter Wasser einzuverleiben. Wir waren während unserer Fahrt zwar quasi dauernd mit Essen und wolkenverhangenem Himmel versorgt worden, nur machte sich jetzt ein akuter Mangel an Trinkwasserzufuhr bemerkbar. Eine guter Hinweis zur Vorsorge für unsere Wanderung.
Das Essen war recht billig, aber dafür auch nicht wirklich gut. Serviert wurde es in leicht angebeulten Blechnäpfen, weitgehend aus Fleischbröckchen und irgendetwas gemüsig Undefinierbarem zusammengekocht. Da sich der Ober zuerst auch durch eine hartnäckige Ignoranz uns gegenüber auszeichnete, war ich froh, das gröbste Defizit mit meiner Waschbecken-Inbesitznahme gestillt zu haben.
Das Essen war eigentlich auch eher zweitrangig. Jetzt hieß es erst einmal, einander kennenzulernen und zu gucken, wer alles zum Sympathisanten- bzw. Mitläufer-Kreis gehören würde. Außer der nun (fast) vollständigen Wandergruppe waren noch einige Leute der Heinrich-Böll-Stiftung dabei, Una und Darko sowieso, und natürlich
Mohammed Gavic, Leiter des Bosnischen Wandervereins und unser erster Führer - der Louis Trenker von Bosnien!
Dies war unsere Gruppe: Andrew aus Chicago, Michael aus Berlin, Harry, Claudia und Kai aus Frankfurt, Bodo aus Stuttgart, Azra aus Sarajevo und ich aus Marburg. Gavic ließ nach unseren Wanderfähigkeiten fragen und machte sich wohl doch die ein oder andere Sorge. Die Tour sollte ja auch für ungeübte Wanderer zu bewältigen sein, und "ungeübt" - ja, das waren wir. Aber nur drei Tage Wandern, pah, das war so gut wie nichts. Drei Tage Wandern, ein Tag Ausruhen am See, ein Tag Rafting, das hörte sich nach nicht allzu viel Anstrengung an. Und so waren wir auch zu allem entschlossen, so dass uns die mehrmalige Ankündigung, der dritte Tag würde wirklich hart werden, im Grunde nicht schreckte. Schaute man auf der Karte nach, sah das eh alles sehr nah beieinander aus. Wer achtet schon auf Höhenmeter? Und wo ist auch schon eingezeichnet, wie ein Wanderweg auszusehen hat?
Zum Übernachten verteilten wir uns schließlich wieder. Kai und ich konnten bei einem weiteren Bekannten nächtigen: Marko, von uns "Bruder Tuck" getauft, tapferer Franziskaner-Mönch und laut einigen eindrücklichen Berichten auch dem Weltlichen nicht abgeneigt, stellte uns seine Dienst-/Gastwohnung oberhalb seines Büros zur Verfügung. Inmitten von Büchern, Büchern und nochmals Büchern hing u.a. ein Bild, wo ihm der Papst die Hand schüttelt. Da es nur ein Bett gab, meinte er, falls Kai und ich nicht miteinander liiert sein sollten, könnten wir ja sicherheitshalber Kopf an Fuß schlafen. Dann wurden wir vom Muezzin in den Schlaf gesungen.
weiter zu Teil
2 (Wanderung zur Hütte Stanari, Lukomir)
weiter zu
Teil 3
(Rakitnica-Tal, Boracko Jezero, Rafting)
|