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Bosnien-Tour 2001 (Teil 2)
3.Tag (Wanderung, Hütte Stanari)
Nach kurzem Frühstück machten Kai und ich uns zum vereinbarten
Treffpunkt am Holiday Inn auf. Über die berüchtigte Sniper Alley war
dies eine erste kleine, halbstündige Wanderung, noch mit Gepäck. Im
Schatten des zerstörten
Parlamentsgebäudes, der Universität und des
mittlerweile renovierten Holiday Inns warteten unsere zwei Jeeps, die uns
zum Berg Igman fahren sollten.
Das
Holiday Inn war während des Krieges gewissermaßen das Pressezentrum,
in dem die ausländischen Journalisten saßen. Waren damals die etwas
abseits gelegenen Zimmer gefragt, so sollen heute gerade die Räume mit
der wunderschönen Aussicht auf die umliegenden Berge wieder sehr beliebt
sein. Was sich natürlich auch im Preis niederschlägt, aber für den
kleinen Kick im Kopf zahlt man doch gerne mehr und mit etwas Glück
entdeckt man bestimmt noch die ein oder andere Einschussdelle in der
Blümchentapete.
Als auch alle anderen Wanderer und unser zweiter Führer Nusret
eingetroffen waren, ging es ab auf den
Berg. Die ca. einstündige Fahrt
führte über immer enger und hubbeliger werdende Straßen und Wege hinauf
bis es nicht mehr weiterging bzw. "weiterfuhr", denn ab hier war
Gehen angesagt. Inmitten üppigen Grüns, tropfend vom Nebel, von wilden
Heidel- und Erdbeeren umgeben, bekamen wir für alle Fälle eine Karte in die Hand gedrückt, schulterten leichtes Marschgepäck und stapften nach kurzer Anleitung von Nusret über richtiges Wandern los ("Listen, guys! Don't step on the roots." Sind halt rutschig).
Die ganze Tour über würde ein Wagen mit unserem (Haupt-)Gepäck immer in Funkreichweite sein, an neuralgischen Punkten warten und bei Bedarf auch schlappmachende Leute aufnehmen, in Notfällen und überhaupt. Zusätzlich wurde uns zur Beruhigung gesagt, dass es hier noch
Bären und Wölfe gäbe, Bären aber eigentlich kein Interesse an näherem Menschenkontakt hätten (Nusret: "Listen, guys! You can't see him, but he can see you.") und Wölfe im allgemeinen feige wären. Solange sie allein seien. Im Rudel wären sie etwas vorlaut. Bei Gefahr flüchtet man sich halt in ein Minenfeld. Da werden die aber Augen machen!
Da durch den vorherigen Regen die ursprünglich für diesen Tag geplante Route zu nass war, nahmen wir eine andere, kürzere Strecke. Die führte leider nicht durch den als Urwald bezeichneten Teil, sondern über schmale Trampelpfade durch lichten Mischwald. Wir erreichten deshalb schon recht früh unser Tagesziel: Die
Hütte Stanari, kurz oberhalb der Baumgrenze, umgeben von einigen anderen Hüttchen und unzähligen Schafherden. Diese Ansammlung war aber kein Dorf, sondern so eine Art Wochenendhäuschen-Siedlung, wie man uns sagte. Die Hütte bestand aus einem großen Gastraum und unüberschaubar vielen
Mehrbettzimmern, doch gab es nur eine einzige Waschstelle mit fließend Wasser aus dem Kanister und zwei Stehtoiletten, bei denen man das Wasser nach vollendeter Tatsache aus einem Eimer mit einer Schöpfkelle nachgießen musste. Die Hütte Stanari war in früheren Zeiten (bzw. soll es wohl auch wieder werden) ein beliebtes Ausflugsziel von heimischen Schulklassen. Die Fotos an der Wand ließen einen das jedenfalls annehmen. Auch im Winter waren hier die Massen unterwegs gewesen. Wie sie das gemacht haben, weiß ich nicht.
Kaum waren wir angekommen, verstärkte sich auch schon der Regen und dichter Nebel zog auf. Die Aussicht wurde immer eingeschränkter,
kein Panorama-Blick mehr, irgendwann verschwanden selbst die Schafherden und schließlich sogar die Bank vor der Hütte. Alles dicht.
Die Hütte wurde von einem älteren Pärchen bewirtschaftet; die Frau brach sofort in großes Kochen aus, da wir ja eine Mahlzeit zu früh gekommen waren. Uns zu Füßen legte sich Gandhi, der Hüttenhund. Da wir die einzigen Gäste waren, konnten wir uns aus den Mehrbettzimmern jeweils ein genehmes aussuchen. Am späten Nachmittag wagten wir uns noch einmal für einen kurzen Spaziergang nach draußen, doch auch hier trieb uns der Regen schnell wieder zurück ins Trockene. Das machte mir noch einmal klar, dass ich außer einer Gratis-Umhangfolie für Open Air-Konzerte keinerlei regenfeste Kleidung mithatte - und dieser Lappen würde nicht einen Kilometer halten. Mit
Dauerregen hatte ich nicht wirklich gerechnet, und wenn das Wetter die ganze Zeit so weiterginge.... Angeblich hatte ja die Woche zuvor wunderschönes, warmes Sommerwetter geherrscht, und man versuchte uns einzureden, dass wir doch froh sein sollten, nicht in der brütenden Hitze Berge erklimmen zu müssen.
Durch den Regen wurde auch die eigentlich für einige Unermüdliche angedachte Wanderung auf eine nahegelegene Bergspitze abgesagt. Die Aussicht wäre eh nicht sehr ergiebig gewesen: "Links sehen Sie Nebel und wenn Sie sich jetzt nach rechts wenden - ist es nicht fantastisch diese
undurchdringliche Wolkenbank, unvergleichlich dieser Dunst..." Kein schöner Anfang also. Leicht gefrustet hockten wir weiter in der Hütte und versuchten vergeblich, blaue Fetzen im Himmel zu erspähen. Nusret war noch etwas weiter spazieren gegangen. Nach seiner Wiederankunft berichtete er von mehreren toten Schafen auf der Strecke, die von Wölfen gerissen worden waren.
Dann gab es
Abendbrot, Kartenspielen und Gespräche. Da es immer finsterer wurde und nur eine tapfere Camping-Gasfunzel vorhanden war, machten wir uns irgendwann ab in die Betten und hofften, dass der nächste Tag dann endlich zu den versprochenen härteren gehören würde, ausgenommen das Wetter natürlich. In den Betten dick eingemummelt brachte ein Blick nach draußen keinerlei Klarheit. Stockdunkel waren noch nicht einmal Sterne sichtbar und ich hatte mir doch vom Bergstandplatz mindestens hundert Sternschnuppen versprochen. Wahrscheinlich wurden wir gerade von einem Rudel Wölfe eingekreist. Gandhi, hilf!
4. Tag (Wanderung, Lukomir)
Nach Minimalwäsche und einem sehr verschlafenen Blick nach draußen, der vernebelt war nicht nur vom immer noch vorhandenen Dunst, sondern wohl auch durch das ein oder andere Bierchen, Weinchen, Sliwowitzchen vom Vorabend, gab es ein seltsames Frühstück zur Auswahl: Eier oder
Maispamps mit Käse. Weil man Eier ja quasi immer und überall und auch zu Hause kriegen kann, entschied ich mich für die einheimische Maispamps-Variation. Trotz Bodos Warnung, das Zeug würde wie Stein im Magen liegen, orderte ich eine Portion. Dazu folgendes: Die ersten fünfsechs Esslöffel lang ist das Zeug recht lecker und man ist satt. Da wir aber entweder so aussahen als wären wir kurz vorm Verhungern oder die Bosnier es generell sehr gut mit einem meinen, besteht eine Portion aus ungelogen der zehnfachen Menge. Selbst wenn man also aus Höflichkeit noch mal eine Sättigungsportion in sich nachschiebt, bleibt immer noch eine enorme Masse übrig, die man gerne schwesterlich mit den übrigen Reisenden teilen würde. Doch die hocken entweder glücklich vor ihren Eiern oder kämpfen mit ihrem eigenen Maisberg. Der Tag würde also wie versprochen hart werden.
Harry hatte in der Nacht eine
Begegnung der dritten Art mit wilden Tieren gehabt und sah entsprechend verwüstet aus. Er hatte als einziger ein verwanztes Bett erwischt und die Wanzen hatten sich auf ihn gestürzt wie eine ausgehungerte Meute auf Maispamps. Eigentlich wollten wir ihn zum Sterben in die Berge schicken, bekamen dann aber doch Mitleid und ließen ihn mit uns laufen. Außerdem klarte es gerade ein wenig auf als wir loszogen und da wollten wir mal nicht so sein.
Der Weg führte jetzt über einen baumlosen Hügel nach dem anderen. Im Winter sollen hier regelmäßig einige Hirten umkommen, weil sie in Nebel und Schnee den Weg nicht mehr finden. Ich würde ihn auch so nicht finden, obwohl die Strecke in unregelmäßigen Abständen mit roten Kringeln markiert ist. Doch wohin führen die? Über Wiesen und Senken und Kräuter und Felsen und Felsen und ausgetrocknete Bachläufe und
Felsen und Kräuter und Felsen und Wiesen und noch ein Hügel und Steigungen und Senken und Hirtengräber und Felsen... und plötzlich standen wir an der "Windtür": Ein schmaler Grat, wo es wie Hechtsuppe zog und den wir gerade langsam, aber stetig auf einer Seite heraufgekraxelt waren und der nun auf der anderen Seite im steilen Winkel abfiel. Und auf dieser Seite mussten wir nun wieder runter. Von hier oben hatte man eine wunderbare Aussicht auf ein breites Tal durch das sich eine einzelne Straße in Serpentinen zu einer zerfallenden Skistation hinaufwandt. Mitten unten im Tal sahen wir schon unseren Jeep und ein Bauernhaus stehen. In ungefähr einer Stunde würden wir da sein.
Gafic konnte uns hier ein weiteres Mal zeigen, wozu diese Wanderstöcke gut waren, die er mitgenommen hatte. Während ich um meine Knöchel bangte, preschte er schon mal vor. Auch daran mag sich wohl der feine Unterschied zwischen Mount Everest-Besteigern und Spontan-Langstrecken-Spaziergängerinnen zeigen. Nusret leistete an der hinterherhumpelnden Basis Zuspruch. Unten angekommen ließen wir uns einfach auf die Wiese fallen. Glücklicherweise kam auch gleich der heimische Bauer und versorgte uns als erstes mit Schaf-Fellen zum Drauflagern, dann mit
Brot, Sliwowitz und Käse - alles selbstgemacht (obwohl Harry anmerkte, dass für einen selbstgemachten Sliwowitz hier oben irgendwie die Pflaumenbäume fehlen würden). Als Gegengeschenk sammelten wir für die Bauern-Kinder unsere mitgeführten Süßigkeiten ein.
Die Sprachkundigen unterhielten sich mit dem Bauern, für die anderen gab es hin und wieder eine Übersetzung: "Tja, da war wohl mal dieser Krieg, und irgendwann hätten sie auch bei ihm vor der Tür gestanden... aber er hätte gesagt, dass ihn das nichts anginge und sie ihn in Ruhe lassen sollten, er würde sie ja auch in Ruhe lassen... da wären sie dann weitergezogen." Wenn's doch nur immer so einfach wäre.
Nach dieser Pause ging es jetzt auf einer Straße weiter, wobei "Straße" hier ein sehr weit gefasster Begriff ist. Immerhin war es nicht mehr der
Karnickelpfad über die Berge, sondern tatsächlich etwas, was sich deutlich von den umgebenden Wiesen absetzte und das von einem Jeep befahren werden konnte. Und am Anfang war es, soweit ich mich erinnere, wirklich ein einigermaßen ebener Weg, aber je näher wir unserem nächsten Ziel, dem Dorf Lukomir, kamen, umso schlechter wurde er. Denn was bezeichnend für diese Gegend ist, sind einfach diese Unmengen von Geröll, überall bröckelt es. Drumherum waren die Wiesen teilweise "entgeröllt" worden; aus den zusammengeklaubten Brocken waren kleine Steinmauern oder Haufen mitten auf der Wiese aufgeschichtet worden, um freie Fläche für ein wenig Heuwirtschaft zu erhalten, so dass man nicht dauernd mit der Sense gegen einen Stein hacken würde. Das heißt also, wir näherten uns wieder der Zivilisation. Zumindest glaubten wir das. Denn dann kam Lukomir.
Lukomir - dieser Name wird bei uns wohl noch auf Jahre hinaus reflexartige Reaktionen auslösen, einmalige Erinnerungen und eine Fülle von Eindrücken sensorischer, visueller und psychischer Art. Eigentlich wollten wir uns T-Shirts anfertigen lassen mit der Aufschrift "I survived Lukomir". Wo immer in der Welt zwei Menschen mit diesem T-Shirt aufeinanderträfen, würden sie sich in tiefer Verbundenheit in die Arme fallen: The Lukomir Experience.
Eigentlich waren wir der festen Auffassung gewesen, uns im dritten Jahrtausend unserer Zeitrechnung zu befinden. Zwar noch ziemlich am Anfang davon, aber immerhin: 2001. Und wir waren in Europa. Auf der Erde. Wir hatten nur eine Wanderung gemacht, zu Fuß, anderthalb Tage lang, vorher ein wenig Autofahrt. Wir waren vielleicht gerade mal 50 km Luftlinie von einer ca. 600 000 EinwohnerInnen zählenden Stadt entfernt, wir waren in keinem unerforschten Gebiet unterwegs, es gab eine Straße und es würde sogar Strom geben und doch stolperten wir mitten in die Kulissen von "Braveheart".
Wir kamen in einen ca. 50 Hütten und einen Friedhof umfassenden Ort. Der eben noch holprige Weg füllte sich mit einem Gemisch aus
Schlamm und Schafscheiße, was einen nun knöcheltief einsacken ließ. Den ganzen Tag über hatte es nicht geregnet, doch hier flutete der überlaufende Dorfbrunnen die gesamte Ansiedlung. Der Dorfbrunnen war ein langgestreckter Holzzuber in der Art einer Viehtränke und wurde von der darüberliegenden Wiese (inkl. Kuh) mit Wasser gespeist, das dann weiter ins Dorf abfloss. Er diente gleichermaßen als einzig erkennbare Wasserschöpf- und Waschstelle. Die Häuser waren aus Natursteinen gestapelte Bauten mit hohen und größtenteils aus Metall gefertigten Dächern. Dadurch, dass es die Jahrhunderte zwar nicht gerade unbeschadet, aber doch irgendwie überstanden hatte, ist Lukomir kurioserweise so etwas wie das Vorzeigebauernkaff in Bosnien. Mit 1700 Metern zumindest das höchstgelegene.
Es liegt an einer eintausend Meter tiefen und unten sehr engen Schlucht, durch die das
Flüsschen Rakitnica fließt. Irgendwer erzählte, das Dorf hätte mal näher am Rand der Schlucht gelegen, und aufgrund ungünstiger geologischer Verschiebungen dann auch mal in der Schlucht und wäre schließlich mit etwas mehr Sicherheitsabstand wiedererrichtet worden. Ich weiß natürlich nicht, ob das stimmt, aber ich vermute, das Dorf ist damals freiwillig gesprungen.
Die älteren Bewohnerinnen trugen
Tracht, d.h. weiße, bunt bestickte Blusen und schwarze, derbe Sackhosen, bunte Wollsocken und eine Art Gummischlappen darüber gegen den Schlamm (sehr vernünftig). Auch die Kopftücher waren meist bunt bestickt, eine alte Frau trug darunter ein Stirnband aus Goldmünzen. Die Männer hingegen hatten zwar auch die bunten Socken und die Gummistulpen an, aber auch mindestens ein Teil Armeeklamotten. Zumindest war das robuste Kleidung.
Über die Tracht gab es noch eine gewisse Auseinandersetzung, da die Frau auf die Frage, was sie denn da trüge, antwortete, sie trüge Bauerntracht, aber Gafic darauf bestand, das hieße jetzt gefälligst bosnische Tracht. Den Schlammschlappen wird's egal gewesen sein.
Bodo, Azra und Gafic waren vom letzten Bauern aus schon mit dem Jeep vorausgefahren, um bei den Essensvorbereitungen zu helfen. Es gab Lamm, das einer der Dorfbewohner für uns gebraten hatte, und Melone. Wir wurden etwas abseits vom Dorf auf einem direkt am Rand der Schlucht gelegenen
Felsplateau platziert. Von hier aus hatten wir eine grandiose Aussicht über die Schlucht. Unten wurde sie so eng, dass der Grund nicht mehr zu sehen war. Zwischen den Felsen lagen außer unseren Melonenschalen vor allem Autowracks und Schafüberreste. In der Mitte des Dorfes ließ sich dafür eine Satellitenschüssel ausmachen.
Nach dem Essen war allgemeines Relaxen angesagt. So genau wussten wir nicht, was wir machen sollten und verstreuten uns in verschiedene Richtungen. Im Dorf konnten zumindest wir Nicht-Sprachbegabte ja schlecht bummeln gehen, also krabbelten wir etwas über die Felsen, blickten hierhin und dorthin, legten uns zum Lesen oder zum Nickerchen hin, die Bergführer bauten ihre Zelte auf, andere gingen spazieren oder beobachteten die örtliche Schafherde. Es gab
dramatische Szenen am Schluchtenrand, weil wohl ein Schaf seinen Nachwuchs vermisste und von ganz weit unten herzzerreißendes Lamm-Gemähe heraufscholl. Das heiterte die zunehmend depressiver werdende Stimmung des Dorfes nicht sonderlich auf. Ausgelassenheit ist was anderes. Möglicherweise hatte ich nur falsche Erwartungen, was unsere Ankunft in diesem Ort anbelangte, ich hatte etwas mehr - nunja - Interesse erwartet, ein wenig Neugier auf uns. Gleichzeitig konnte ich selbst mich ja auch nicht verständigen, mal überall anklopfen und freudestrahlend Einlass begehren. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass absolute Stille herrschte, mal abgesehen von dem Geblöke abstürzender Schafe.
Irgendwann war es mal Zeit, sich auf das stille Örtchen zu verziehen. Die Aussicht auf ein Stehplumpsklo im Ort faszinierte mich nicht allzu sehr und so gab ich der freien Natur den Vorzug (wie Recht ich damit hatte, sollte mir kurze Zeit später klar werden). Ich verkrümelte mich zu einer Stelle zwischen Abgrund und Felsen, wo ich glaubte, ungestört zu sein. Da hockt man dann, den freien Hintern über heimische Kräuter gestreckt, zwei Meter vor einem geht's wie gesagt tausend Meter runter, die Aussicht ist fantastisch, das schönste Klo südwestlich von Sarajevo ... und dann machte es wuggwuggwugg und ein
SFOR-Hubschrauber flapperte quasi aus dem Nichts aus dem Tal hoch und wunderte sich, das mal außer Schafen noch was im Felsen hing. Das sind so Begegnungen....
Langsam begann die Sonne zu sinken und es wurde merklich kühler. Von irgendwoher kam denn auch das Zeichen, wohin es jetzt zum
Übernachten gehen sollte. Der Vater des Mannes, der uns das Lamm gebraten hatte, stellte eine Hütte zur Verfügung. Im Vorraum wurden Schuhe und Gummistulpen ausgezogen, so blieb der Großteil an Schafsexkrementen draußen, wurde aber durch hartnäckigen Altöl-Geruch ersetzt. Dann konnte man das mit Teppichen ausgelegte Hauptzimmer betreten. Es war ein kleines, niedriges Zimmer mit zwei Betten und in der Ecke einer Waschstelle, die aus einem Loch im Fußboden bestand, an dem zwei etwas algenbehaftete Wasserflaschen standen. Auf einem Deckenbalken lag ein Buch und an der Wand hing ein großes, ziemlich abgegriffenes Familienfoto. Es zeigte die Eltern mit Sohn oder so und war ungefähr 500 Jahre alt. Erstaunlicherweise gab es eine funktionierende elektrische Glühbirne als Lichtspender.
Wir verteilten uns so gut es ging im Raum, dann kamen zwei
Dorfbewohnerinnen herein, eine alte und eine junge, die uns ein paar selbstgemachte Handarbeitssachen zeigen wollten. Dieses Treffen war schon vorher abgemacht gewesen und wir zeigten ermunterndes Kaufinteresse. Es gab die bekannten buntgemusterten Socken und andere Trachtenstücke. Leider hatten die Socken die Konsistenz von Stahlwolle, was nur mal wieder deutlich machte, dass diese westeuropäischen Großstädter halt einfach keine echte Schafwolle mehr gewöhnt sind. So feilschten wir mit dem Ömmchen um Socken und um ihre Rente (in Form einer Strickjacke).
Nach der Verkaufsshow war wieder Zeit für einen kleinen Imbiss; ein Tisch auf Knöchelhöhe wurde im Raum aufgebaut, wieder gab es Kaffee, Brot und Käse. Kaum dass der Tisch stand, packte Michael einer gängigen Stanari-Sitte gemäß die Spielkarten aus, wurde dafür aber von den Einheimischen mit bösen Blicken bedacht und steckte sie enttäuscht wieder weg.
Wir rollten schließlich in diesem nicht sehr großen Raum unsere Schlafsäcke aus und hofften inständig, dass sich mögliche Wanzen im Zimmer nicht von Harrys Zustand ermutigt fühlen und des nachts auf Sause gehen würden. Wir vermissten doch ein wenig den Gute-Nacht-Sliwowitz und so machte wenigstens Michaels Flachmann noch eine tröstende Runde. Dies war halt eine etwas konservativere Gegend als am Tag zuvor -
keine Karten, kein Alkohol. Immerhin konnten Männer und Frauen gemeinsam in einem Raum nächtigen. Vielleicht wollte uns deshalb der nicht wirklich sympathische Hausherr gar nicht mehr verlassen und blieb interessehalber sitzen, während wir Betten bauten und Zähne putzten, bis er auf mehrmaliges Drängen dann doch endlich ging. Das war nicht ganz die Art von Interesse, die ich mir erhofft hatte.
In dieser Nacht appellierte ich an höhere Mächte, wenigstens von irgendwelchen Magen-Darm-Geschichten verschont zu bleiben. Denn das Klo war drei Häuser weiter beim Schafstall um die Ecke, dazu musste man erstmal durch das bekannte Schlammgemisch stapfen, was sich nicht nur olfaktorisch ziemlich festsetzte. Außerdem war das Klohäuschen ein windschiefer
Bretterverschlag mit einem kleinen dreieckigen Loch in der Mitte des Bodens. Schloss man die Tür, sah man nichts mehr, ließ man die Tür offen, konnte man sich auch gleich ins Freie stellen. Kein Vergleich zu meinem Felsen, der leider zu weit weg lag. Eine seltsame Kaputtheit machte sich in mir breit, die mich aber nicht zur Ruhe kommen ließ, an schnelles Einschlafen war einfach nicht zu denken: Ein Dreieck, warum denn ausgerechnet ein Dreieck?!
So als Tipp für die Zukunft (sollte sich das Hotelleriewesen in Lukomir wider Erwarten doch nicht durchsetzen): Baut einen Campingplatz! Auf dem schmucken Felsplateau ist jeder seines Zeltes Schmied, morgens tritt man ausgeruht an die Klippenkante, bestaunt die grandiose Aussicht, senkt zufrieden seine Wurst in den Abgrund und muss sich noch nicht einmal vor Wanzen fürchten - allenfalls vor Hubschraubern.
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3 (Rakitnica-Tal, Boracko Jezero,
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