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Home >> Kunst: Selbstgeschriebenes > Das Interview

Ein Interview mit Ben Albiòn

Ben Albiòn stand nicht im Mittelpunkt der Berlinale. Er stellte auch keinen neuen Film vor. Er saß nur weitgehend unerkannt im Publikum. In den tiefen Sesseln des "Delphi" war er vor allem beim Nachtprogramm anzutreffen, wo er sich über die wirklich schrägen Filme des Panoramas amüsierte. Er verschreckte beim filmnachträglichen Frage-und-Antwort-Spiel einen jungen Regisseur mit der Bemerkung, der solle doch bei seinem nächsten Film bessere Drogen nehmen. Während der Vorstellung hatte Albiòn gerade an den tragischen Stellen sehr laut gelacht. Woher der süße Duft im Saal kam, konnte nicht genau ermittelt werden. Unter diesen Bedingungen ergab sich im überfüllten Foyer folgendes Gespräch zwischen uns (Gedächtnisprotokoll).

  

JG: Könnten Sie Ihren Fuß da runter nehmen?

BA: Das ist nicht meiner. Meiner ist das hier.

Besucher neben mir: Au!

BA: Wie soll man denn da zum Bierstand hinkommen?

JG: Ich dachte, Akkreditierte hätten es da leichter.

BA: Das bezieht sich leider nicht auf den Bierstand. Außerdem bin ich nicht akkreditiert.

JG: Ja, stellen Sie denn keinen neuen Film vor?

BA: Ist nicht fertig geworden. Das ganze Material liegt noch im Schneideraum. (Er schaut sehnsüchtig hinter einer attraktiven Frau mit einem attraktiven Bierglas in der Hand hinterher) Ich glaube, sie hätten ihn eh nicht angenommen. Haben sie ja bisher auch nicht gemacht (murmelt irgendetwas Unverständliches in seinen Bart).

JG: Um was geht' s denn diesmal? Um einen Künstler...?

BA: ... der in einer Krise steckt? Nein, ich wollte nicht schon wieder einen autobiographischen Film drehen.

JG: War "Raphaels Zone" denn autobiographisch?

BA: Ich war selber etwas überrascht. Aber ja, er war es. Nachdem ich mein Tagebuch aus dem Jahr 1966 wiedergefunden hatte, war mir das klar. Es war wie ein Dejavu-Erlebnis. Ich hatte das Gefühl, alles schon einmal erlebt zu haben, aber das war ja der Film gewesen. Nun las ich im Tagebuch das, was ich im Film inszeniert hatte. Klassisches Dejavu, nur umgekehrt. Meine Italienfahrt hatte ich vollkommen verdrängt. Selbst während des Drehs in der Toskana hatte ich nie die geringste Ahnung, dass ich da schon mal vor zwanzig Jahren war.

JG: Dreißig.

Dann öffnete der Einlass und wir wurden getrennt. Ich weiß, Interviews sehen anders aus, aber macht das mal der Realität klar. "Realität ist relativ" (Alfred Einstein).

  

Berlin; 15.02.98

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Mittwoch, 31. März 2004