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 Home >> Kunst: Selbstgeschriebenes > Am Meer

2002 fiel mir aus Versehen eine sogenannte Frauenzeitschrift in die Hände (man kann sich halt so schlecht wehren, wenn man auf'm Klo sitzt). Jedenfall wurde darin ein Schreibwettbewerb zu einem bestimmten Motto (Meer) ausgerufen und weil mir gerade so danach war, hab ich an einem Abend diesen Text geschrieben und eingesandt.
Nunja, was soll ich sagen: Sie haben ihre Chance verpasst als meine Entdecker in die Literaturannalen einzugehen. Dafür muss sich jetzt auch niemand das Sammelbändchen mit den Gewinner-Texten kaufen, denn meinen Beitrag gibt's nur HIER: 


Am Meer - Ein Schlussmonolog

...... Das darf doch wohl nicht wahr sein, ich glaub, es hackt! Ich robbe mich hier diesen Berg hoch, diesen ganzen dummen verfluchten Berg, diese alberne, hohe Düne, diese wirklich hohe Düne, und was hab ich davon? Jetzt steh ich auf einer Düne und drumherum sind noch mehr Dünen. Dünen, Dünen, Dünen. Auch bekannt als Sand, Sand, Sand. Ich kann grad wieder runterstolpern. Und wo soll ich jetzt hin? Eine Düne hoch und dann eine Düne wieder runter. So wie's ausschaut, geht das noch in alle Ewigkeit so weiter, na klasse. Heute haben wir also Sanddünen.....
......
Gestern waren's wenigstens Steine, eine tolle Landschaft, schön flach, vor allem flach, flach ist schön. Und es wuchs etwas, einen Busch hab ich gesehen. War zwar vertrocknet, aber immerhin. Beschwer ich mich? Ich beschwer mich nicht. Ich nicht. Ich liebe Steine und trockene Dornbüsche. Wer weiß, wer da alles dahintersteckt. Könnt ja mal 'n Ton sagen, so'n Dornbusch. Zu einem sprechen, sagen, wo's langgeht. Aber nix war, hat die Klappe gehalten. Ganz tolle Landschaft übrigens, gaaanz toll, eine supertolle Landschaft, um drüber weg zu fliegen. Diese Steine - entzückend, dieser Staub - wunderschön. Sprengen sollte man den Krempel. Haben sie wahrscheinlich schon gemacht. Ist bestimmt Atomwaffenversuchsgelände. Und wer muss ausgerechnet mittendrin abstürzen? Ich, ja ich, Felicia Schramm. Zusammen mit meinem geliebten Ex-Gatten-in-spe, diesem Hundesohn......
.............
Und jetzt darf ich den Weg nach Hause finden, ich allein.... ich allein habe die ehrenvolle Aufgabe, Düne um Düne hoch- und runterzustolpern, Düne hoch, miese Aussicht, Düne runter, Aussicht auch nicht besser. Wenn ich es schaffe, werden sie einen Film über mich drehen, sie werden sich um die Rechte schlagen, schlagen werden sie sich. Wegen mir. Junge Frau kämpft sich nach Flugzeugabsturz allein durch die Wüste. Durch die Wüste, jawohl, Dschungel, pah, den schafft jeder, aber durch die Wüste, meinedamenundherren, die Wüste habe ich, Felicia Schramm, geschafft. Hach ja, war doch anstrengend, aber ich habe überlebt, ich danke meinem Schöpfer, dass ich überlebt habe, aber die anderen ... bitte verzeihen Sie meinen Gefühlsausbruch, hoffentlich haben sie nicht zu sehr gelitten. Scheiße, jetzt hab ich auch noch Sand ins Auge gekriegt........
...........
"Ach, das Meer, Felicia, lass uns ans Meer fliegen."
Walter, wenn du mal einfach deine Klappe halten könntest.
"Zwei Wochen Strand, Felicia. Aufs Meer hinausblicken, die Brise spüren, die Gischt. Sonne. Strand..."
Konnte der Alte denn nicht einfach zu Hause auf der Veranda sitzen bleiben, und ich hätte ihm ein paar seiner alten Dias vorgeführt? Aber nein, er muss unbedingt ans Meer, höchstpersönlich. Da macht er doch auch nichts anderes. Hockt auf der Veranda, stundenlang, tagelang, wochenlang - und guckt aufs Meer. Warum denn nicht auf Dias? Auf Dias gucken ist ungefährlich.......
..........
Aua, was ist das denn, das ist doch... ein Skorpion? Tatsächlich, ein Skorpion! So sehen Skorpione aus? So siehst du nicht mehr lange aus. Nimm das und das und das! Wehe, du hast mich gebissen. Oder stechen die? Stechen Skorpione? Mich sticht du nicht mehr, Mistvieh! Ich nenne dich "Walter". Na, jetzt guckst du aber, jetzt bist du platt, was?! Ha, nimm das noch! In dieser ganzen öden Wüste muss ausgerechnet mir ein Skorpion ins Hosenbein rutschen? Hast du auf der Lauer gelegen, du Drecksvieh? All die Jahre? Bis ICH komme?! Danke, vielen Dank........
............
"Felicia, diese Sonnenuntergänge. Diese Sonnenuntergänge über dem Meer. Es ist so unglaublich schön. Du musst das unbedingt sehen."
Wenn's dir so gefallen hat, warum bist du dann ins Landesinnere gezogen? Warum dahin, wenn doch dieser Strand so toll war. Warum in die Großstadt, wenn doch dieses Meer dein ein und alles war?
"Felicia, morgens durch das Geräusch der Brandung geweckt zu werden, dieses sanfte Rauschen, dieses Auf und Ab. Dann ein kurzer Lauf am Wasser entlang. An den Stellen, wo das Meer zurückgegangen ist, ist der Boden fest, doch er federt, er trägt dich. Nirgendwo läuft es sich so gut wie am Meer."
Tja, schlecht, wenn man halt im Rollstuhl sitzt.
"Aber sehen, Felicia, sehen will ich es wieder. Und du kannst dort entlanglaufen. Deine Haut wird nach Salz schmecken. Der Geschmack allein wird mir alles wieder in Erinnerung rufen, alles. Mach es für mich."
Gut, ich werde den Strand rauf und runter laufen, mir ein bisschen Salzgeschmack auf die Haut tupfen und einzwei Muscheln für dich sammeln und "Juchheißa" rufen und aufgeregt von meiner entzückenden Begegnung mit dieser kleinen Strandkrabbe erzählen. Putzig, Walter, ganz putzig und sooo süß. Und dann wirst du strahlen und ich werde dir den Katheder wechseln und du wirst mir diesen unverschämt protzigen Ring an den noch freien Finger stecken, und wenn wir nach Hause zurückkommen, wird geheiratet, und ich werde allen erzählen, wie süß doch diese kleine Krabbe war und wie toll der Strand und das Meer und die Gischt und die Fischlein und nicht zu vergessen dieser Scheiß-Sonnenuntergang, und alle werden mich für ein bisschen beschränkt halten, aber wir wollen mal nichts gesagt haben, sie kümmert sich um den alten Herrn und er sieht auch schon wieder sehr viel besser aus, sehr viel besser, dochdoch. Und eines schönen Morgens wirst du tot sein, alter Herr, sanft entschlummert, und ich schiebe die CD, oh entschuldige, eine dieser CDs mit dem Meeresrauschen oder den Walgesängen in den Player und dann rufe ich mit tränenerstickter Stimme deinen Vermögensberater an, und ich werde mich nur sehr schwer trösten lassen. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch, das arme Kind, ich sage euch, sie hat ihn wirklich geliebt, wirklich. Das Geld? Nein, das Geld hat ihr nichts bedeutet. Was sollte ihr denn an drei Milliarden liegen? Wo sie ihn doch so geliebt hat...
......
Na klar, er musste einfach abbrechen. Ich stolpere hier durch's Geröll und schlage mir die Knie auf, und jetzt muss auch noch der Fingernagel... aua, weg damit..... Ach, brecht doch alle ab, sammelt sich eh nur Dreck drunter an. Die Maniküre hat ein Vermögen gekostet. Aber ich sage euch, sie ist ihren Preis wert, weiß Gott, die Frau versteht ihr Handwerk, die bekommt alles wieder hin. Ich weiß jetzt schon, was sie sagen wird, ich seh ihr Gesicht direkt vor mir. Ach du meine Güte, was haben Sie denn mit Ihren Händen gemacht? - Ach, nur ein kleiner Flugzeugabsturz, das ist doch gar nichts, Sie hätten mal die anderen sehen sollen......
.............
"Dieser Duft, Felicia, wenn du das Meer riechst, wenn dir die Meeresluft die Lungen füllt, das Meer ist in dir, du wirst eins mit dem Meer. Du musst es riechen, Felicia."
Walter, das Meer stinkt. Nach Hafen, nach Altöl, nach Verklappung und vor allem nach - Fisch. Ich hasse Fisch. Diese glitschigen, moddrigen, blubbernden Fische. Diese Fische mit Fischgeruch.
"Abends können wir Meeresfrüchte essen gehen, frische Muscheln, Felicia. Nicht vergleichbar mit dem Müll, den du hier beim Händler kriegst, sondern fangfrisch. Da kannst du das Meer richtig schmecken."
Walter, das Meer, erst soll ich's hören, dann fühlen und riechen und jetzt verlangst du noch von mir, dass ich es schmecken soll. Schmecken, Walter?! Glitschige, moddrige, fischige Krabbelviecher? SCHMECKEN? Drei Milliarden. Oh Walter, ich liebe Fisch, dieses zarte Fleisch, wenn es auf der Zunge zergeht und dem Gaumen schmeichelt, und dieses lustige Meeresgetier, achtarmig, zehnarmig, tausendarmig, ach guck doch mal, Walter, ist das nicht faszinierend, diese kleinen Ärmchen. Lass sie uns essen, lass sie uns braten, dünsten, kochen, verbrutzeln und verbrennen, die Haut soll sich schälen, das Fleisch soll von den Gräten fallen und der Rauch soll die Sonne verdunkeln, diese verdammte Sonne! Reicht es denn nicht... nein, es reicht natürlich nicht, neinnein, dass ich mir bei dem Absturz das halbe Bein abgesengt habe, muss mir jetzt auch noch diese Sonne den Rest geben? Schau dir an, Walter, was sie deinem armen Schatz angetan haben, meine schöne Haut. Dreißig Jahre hab ich sie gepflegt, hab sie eingecremt, ihr im Solarium den richtigen Teint verpasst, sie massieren und peelen und sich entspannen lassen, und jetzt wirft sie Blasen, oh Gott, es tut weh, Walter, es tut so weh....
........
Ans Meer, Walter, du wolltest ans Meer. Schau dir hier die Wellen an, Walter, eine Welle nach der anderen, wogend, unendlich, bis zum Horizont. Ich bin am Meer, Walter, ich bin im Meer, im Meer aus Sand. Die Wellen schlagen über mir zusammen, ich atme tief ein, meine Lungen füllen sich, ich schmecke das Meer. Mein Mund, meine Augen, meine Ohren, sie sind voller Meer, ich lasse mich treiben, Walter, ich werde eins mit dem Meer ......... und da drüben... ich sehe etwas... Walter ... einen................ Strand ?.... ........................ ....... ........................... ........................................... ........................ ............................................ ..................................................... .................................Walter?.............................................. .......................... ................................................. ................... .................................................. ......................... ......................... ....... .................................... ......................... ............................ .................................................. ........ ....................................... ............................. ............................... ................................. ................................... .................................................. ........  ..................... ........... ............................ ................................. .............................. ....................... .............. .................. .................. .................. ...................... .................. .................. ........... ......................... ............ .................. ...................... .....................................  ............................  ......................... .................. ........................................................... ....... ................ ......................... ........................ ...................... .............. ...................... ................................... ......................... ........ ...... ......................... .................. ...................... .................. .................. ........... ......................... .................. ...................... .................. .................. ........... ......................... .................. ...........................................
  

  
fmp '02

 

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Mittwoch, 31. März 2004