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Home >> Kunst: Selbstgeschriebenes > Reisebericht Norwegen 2003

Reisebericht Norwegen 2003

Montag, 11.08. 
Frankfurter Flughafen, 10 Uhr morgens, schon 23 Grad, Jahrtausendsommer – alles schwitzt. Juhuu, wir fliegen nach Norwegen, dem Land der kalten Fjorde, kühlen Winde und frischen Elche. Wir sind zu viert: Birgit, Hertha, Monika und ich. Wir fliegen mit SAS, der bekannten Fluglinie ohne Fernseher, aber schließlich wollen wir ja auch was von der Landschaft sehen. Wir versuchen, alle unter uns auftauchenden Landstriche zu benennen: Ist das wirklich Fehmarn? Was, schon Schweden? Oder doch....? Dann sind wir auch schon da, zumindest in Stockholm, wo wir umsteigen werden in den Flieger nach Kiruna. 
Stockholm ist fürchterlich stolz auf seinen neuen Terminal. Die Frankfurter Lufthansa weiß von ihm noch nichts, weshalb sie uns versichert haben, dass wir unser Gepäck erst in Kiruna wieder in Empfang nehmen müssen. Stimmt leider nicht, aber immerhin kriegen wir ansehnliche Hilfe beim langen Marsch von einem Terminal zum anderen. Die 1054,83 Kilometer schaffen wir locker in einer Stunde, einmal innerhalb des Gebäudes entlang und einmal außen. Unser Baggage Retreaval System Manager versucht souverän, die zwei übervoll beladenen Gepäckwagen durch die leeren, aus Sicherheitsgründen gesperrten Areale zu lenken. Wir freuen uns jetzt schon auf ein Wiedersehen mit ihm, wenn wir auf der Rückreise einen dritten Gepäckwagen mit unseren Reisesouvenirs (Elchkopf, Walflosse, Blockhaus, etc.) dabeihaben. 
Wir landen im Nichts. Das Nichts heißt "Kiruna", liegt in Nordschweden und besteht aus einem einzelnen Rollfeld. Ein Stück entfernt gibt es auch noch eine passende Stadt dazu, die vor allem durch Bergbau und Skilanglauf geprägt ist. Nachdem sich die anderen Fluggäste alle Gepäckwagen geschnappt haben und abgefahren sind, ist der Flughafen unser. Nur ein ausgestopfter Bär passt auf das Gepäckband auf. Birgit organisiert derweil das Leihauto. Wir warten. Der Bär wartet. Das Gepäckband hat auch aufgehört zu laufen. Ein Volvo V 70 bekommt die Aufgabe seines Lebens, uns vier durch Schweden und Norwegen zu fahren. Vorher muss er allerdings seinen Einstellungstest bestehen: Zwei Koffer, zwei Rucksäcke, eine große Reisetasche, fünf Handgepäckstücke und drei Rollis müssen in ihn reinpassen. Ach ja, und natürlich vier Mitreisende. Fangen wir also wieder von vorne an. 
Unsere Übernachtungsmöglichkeit ist einfach, eine Mischung aus Hotel und Jugendherberge, aber glücklicherweise mit einem angeschlossenen China-Restaurant, in das wir hungrig einfallen. Der Genuss der landestypischen Küche muss halt noch ein wenig warten. Draußen gewinnt ein etwas feucht-graues Wetter die Überhand und wir kuscheln uns in unsere sehr weichen Betten.

Dienstag, 12.08. 
Nach der Übernachtung geht es nach einigen Packvariationen weiter Richtung Norwegen. Nieselregen umgibt uns. Doch nach einigen Kilometern ist bereits Sonne in Sicht und es klart zunehmend auf. Auf den entfernt liegenden Bergen sehen wir etliche Schneeflecken, die von vielen Seen wiedergespiegelt werden. An einem See müssen wir wegen großartiger Fotomotive anhalten. Umringt von lila Blüten steigen wir aus. Da hören wir ein leises Wispern: "Gleich sind sie draußen! Auf drei: Eins - Zwei - Drei!!!" Noch bevor wir uns darüber im Klaren sind, was das zu bedeuten hat, sind wir auch schon von wilden Ureinwohnern umzingelt: MÜCKEN !!! Flucht. 
Die Landschaft wird bizarrer. Große Felsen bestimmen das Bild - das muss Norwegen sein. Statt Mücken erwarten wir jetzt dreiste Trolle. Die Straße schlängelt sich durch verkrüppelte Birkenwälder, viel niedriges Kraut, zackige Felsen oder geschwungene Hügel, unwahrscheinlich grüne Wiesen und unzählige Fjorde. Wir machen einen Essensstopp in einer kleinen Stadt, wo wir eine norwegische Schnellimbiss-Variante kennen und schätzen lernen - "Det Lille Kjokken - Mat for Folk i Farten": Blaue Wände, güldene Kronleuchter, Pommes & Burger, Kaffee inklusive und interessante Soßen.
Nach weiteren unzählbaren Windungen vorbei an Fjorden und über Brücken hier und Hügel dort sind wir endlich da. Im "Friluftssenter Andoya" empfangen uns Ingvild und Nigel. Hier werden wir die nächsten zwei Wochen verbringen. Endlich können wir unser Gepäck großzügig verteilen. Von unseren zwei Hütten bietet sich nicht nur eine wunderbare Aussicht, wir sitzen sozusagen in einer. Das alles lässt sich sogar rund um die Uhr bewundern, da die Sonne zwar angeblich für vier Stunden untergeht, es aber einfach nicht richtig dunkel wird. Die Dämmerung dauert länger als wir wach bleiben können und es ist irritierend früh wieder hell.

Mittwoch, 13.08. 
Der nächste Tag beginnt mit einem üppigen Frühstück mit selbstgebackenem Brot, Wurst und Käse, Lachs, Kaviarcreme, Eiern, Multebeerenmarmelade und vielen anderen leckeren Dingen, die Nigel in dem kleinen Café, das mit zum Center gehört, für uns zubereitet. So gestärkt machen wir einen Ausflug nach Sortland, der nächstgelegenen, etwas größeren Stadt, die mit ihren ca. 5000 Einwohnern quasi schon eine Metropole der Gegend darstellt.Sortland Faszinierend finden wir die leuchtende, oft blaue Farbe der Häuser, die selbst schnöde Lagerhallen in wahre Lichtblicke verwandelt. Dazu brennt die Sonne und lässt alles noch ein wenig strahlender erscheinen. Nach einem Bummel durch die Stadt setzen wir uns am Hafen auf eine (selbstverständlich blaue) Bank, knabbern an unseren mitgebrachten Broten, genießen den (selbstverständlich blauen) Himmel und blicken über das sanft plätschernde Wasser hinüber zu den Bergen mit ihren steilen Klüften und scharfen Graten. "Sonnenbrand in Norwegen" - ob uns das jemand abkaufen wird? Wir schauen uns noch ein wenig die Stadt an und machen uns dann wieder auf den Heimweg. Denn trotz der Nähe von Sortland zu unserem Buksnesfjord sind wir eine Weile unterwegs. In Norwegen herrscht eine strikte Geschwindigkeitsbegrenzung von 90 km/h, leider herrscht keine Begrenzung an Kurven und Kuppen, weshalb sich das mit der Geschwindigkeitsbegrenzungs-Vorschrift eigentlich von selbst erledigt.

Donnerstag, 14.08. 
Heute wollen wir nach einem üppigen Frühstück die Westküste von Andoya und die nördlichste Stadt Andenes erkunden. An der Küste soll es mit die ältesten Gesteinsbrocken Europas geben. Dazu gibt es noch die berühmte Vogelinsel Bleik, die aussieht wie eine kleine Ausgabe des Zuckerhuts von Rio. Während der Fahrt tun sich zahlreiche Gelegenheiten auf, den Fotoapparat zu zücken und Landschaften und Farben aufzunehmen. Die Strecke ist wie immer kurvenreich und verläuft zwischen dem Meer und den teils steil aufsteigenden Felswänden mit ihren gezackten Graten. Dünen und kleine Badebuchten mit weißem Sandstrand säumen die Ufer. Bei der schmalen Straße zweifelt man bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug, ob man diesmal wirklich noch aneinander vorbei passen wird. Zur Not müsste man in die farbenprächtige Landschaft ausweichen, um anderen Touristen wieder ein außergewöhnliches Motiv zu bieten. Uns passiert glücklicherweise nichts und wir kommen heil im Hafen von Andenes an. Wieder sind wir erfreut über die strahlenden Farben der Häuser, diesmal vor allem Rot. 

Das Roteste von allem ist der kleine Leuchtturm, den wir für ein kleines Picknick mit tollem Rundumblick nutzen. Dazu muss man noch nicht einmal auf ihn raufsteigen, es reicht, sich bis zu seinem Fuß über einen Trampelpfad vorzuarbeiten. Aber für eine Aussicht und ein Picknick in der strahlenden Sonne tun wir fast alles. 
Mehrere Zentren mit den Themenschwerpunkten "Polar", "Wale" und "Touristen" locken uns mit Informationen, wobei wir unser Glück zuerst in Toiletten und Kaffeenachschub finden. Zumal es sich beim Walzentrum wieder gut auf der Terrasse in der Sonne sitzen lässt. Daneben ruht ein Walkopfskelett und eine Großfamilie Möwen macht dazu seltsame Geräusche, die an das Gequäke kleiner Kinder erinnern. Wir decken uns noch beim rollstuhlzugänglichen Supermarkt und einer Bank mit dem Nötigsten ein, dann machen wir uns über die selbe Strecke zurück auf den Heimweg. Durch die geänderten Lichtverhältnisse tun sich erneut faszinierende Motive auf. Außerdem begegnen wir einer über die Straße verstreuten Herde der Spezies "Kurzbeinige Woll-Elche", in Deutschland auch unter dem Namen "Schafe" bekannt. Der Himmel ist klar und der Untergang der Sonne dauert die halbe Nacht. Die andere Hälfte der Nacht geht sie wieder auf. Warum sollen wir eigentlich ins Bett gehen, wenn es noch so hell ist? Wegen der Walsafari! 

Freitag, 15.08. 
Heute werden wir nämlich Wale jagen. Zwar nicht mit der Harpune, aber mit unserem bevorzugten Fanggerät, dem Fotoapparat. Dazu benötigen wir zuerst einmal ein üppiges Frühstück und dann machen wir uns erneut auf den Weg Richtung Andenes, diesmal die Ostküste entlang. An dieser Seite soll es auch eine Fundstelle für Fossilien geben, was sich Hertha, mittlerweile unsere Fachfrau für älteres Gestein, nicht entgehen lassen will. Allerdings suchen wir den Ort vergeblich und so werden die Fossilien noch eine Weile Ruhe vor Herthas Sammelleidenschaft haben. 


Im Walzentrum angekommen machen wir zuerst eine Führung mit, bei der wir ein komplettes Original-Pottwalskelett sehen und mit anderen wertvollen Informationen über das Leben der Wale versorgt werden. Dann geht es mit ca. 40 anderen Passagieren zum Schiff. Wir können mit den Rollis bequem über den Steg fahren, kriegen die besten Plätze zugewiesen und werden mit zusätzlichen Wolldecken eingemummelt. Da wollen wir uns mal nicht wehren. 
Ca. eine Stunde fahren wir raus auf's Meer, bis an die Stelle, wo die Kontinentalplatte abbricht und sich die nötige Tiefe für die Wale des Polarmeeres auftut. Die See ist grau wie der Himmel und schaukelt uns ein wenig durch. Das Frühstück in uns fühlt sich trotzdem noch wohl. Und dann sehen wir schon den ersten "Blas", die Fontäne eines Pottwals! Bevor das Schiff herankommen kann, taucht der Wal ab. Pech gehabt. Aber die nächste Fontäne ist schon in Sicht. Diesmal haben wir mehr Glück. Der Wal dümpelt eine Weile neben uns her. Wir kommen bis auf ca. zwanzig Meter heran. Unter den anfeuernden Rufen der Touristen hebt sich die Schwanzflosse und ab geht's für den Wal in die Tiefe. Vierzig Fotoapparate klicken hektisch. Wir werden noch eine ganze Menge Wale sehen. Mindestens fünf Mal wird sich beeindruckend eine Flosse heben. Immer sind es Pottwale, für Orcas ist es leider noch zu früh im Jahr. Aber wir sind zufrieden: Noch in Sichtweite der Küste solche Tiere zu sehen! Fotos geben so etwas nur unzureichend wieder. Nach vier Stunden auf hoher See machen wir uns, wohlig durchströmt von der gereichten Gemüsesuppe, wieder auf die Rückfahrt. Am Hafen hat uns der Tidenhub anderthalb Meter abgesenkt. Doch starke Männer dürfen an Rollis nicht scheitern und so heben sie unter dem Applaus der Menge Hertha und Monika über die Reling. 

Samstag, 16.08. 
Heute tun wir nichts. Soweit unser Plan. Die Sonne scheint. Das üppige Frühstück ist heute ein Englisches, mit Spiegeleiern, Bacon, gebratenen Tomaten und Baked Beans. Dabei setzen wir unsere gestrige Diskussion fort, mit was für kulinarischen Köstlichkeiten wir uns am Abend zur Feier des Tages von Nigel und Ingvild verwöhnen lassen wollen - wir entscheiden uns für Elch in Blätterteig und Lachs mit Creme Fraiche. Hertha rafft sich zum Postkartenschreiben auf und der Rest bearbeitet die Walbilder von gestern. Das nimmt uns so mit, dass wir erst mal eine Pause machen müssen. Nach dem Mittagsschläfchen ist eine Stärkung fällig und wir fallen bei Ingvild zum Waffelessen ein. Natürlich mit Römme (einer Art Creme Fraiche) und köstlichen Moltebeeren. 
Andoya Friluftsenter Damit das Abendessen überhaupt eine Chance hat, in unsere Mägen zu passen, testen wir den Pfad zu einem höhergelegenen kleinen See auf seine Rollitauglichkeit, inkl. einer Pflanzenexkursion in die Wildnis. Wir nähern uns dem Ziel auf dem Schotter-Sandweg durch eine märchenhafte Moorlandschaft mit Steinen, Heidekraut, Farnen, Flechten, Heidelbeeren, eindrucksvollen roten Beeren und Pilzen. Die Heidelbeeren lassen wir uns schmecken. Da war wohl noch Platz im Magen. Der See liegt idyllisch am Fuße steil aufragender Berge. Auf einem Holzsteg ziehen wir am See entlang und bewundern die Grüntöne der Pflanzen und die Spiegelbilder großer weißer Steine im Wasser. Stille umgibt uns. Wir warten auf den Elch. Den gibt es aber erst zum Abendessen. Und was für eines! Nigel und Ingvild tischen für ungefähr zehn Personen auf. Wir geben uns redlich Mühe, all die guten Sachen zu verspeisen, doch man lässt uns keine Chance. Dabei ist der Elch im Blätterteig mit Brokkoli, Möhren und Königinnen-Kartoffeln und auch der selbstgefangene Wildlachs im Cremebad mit Frühlingszwiebeln sooo lecker. Wir sind kurz vorm Platzen und schleppen uns den Heimweg hoch. 

Sonntag,17.08. 
Beim üppigen Frühstück sind wir heute nicht allein. Gäste aus der Schweiz, die in der Hytte zwischen den unsrigen wohnen, erzählen von ihren Erlebnissen mit Fähre und Auto. 
Nach dem Rührei geht es mit dem Wagen nach Nyksund. Die Straße führt erst wieder an Sortland vorbei, dann auf die Halbinsel Hinnoya. Einige Kurven, Berge und Moore später hört die geteerte Straße auf und wir hoppeln über einen festgefahren Schotterweg die letzten Kilometer nach Nyksund, dem Dorf am Ende der Straße, am Ende der Insel, am Ende von allem. Rechts türmen sich die Felsen auf, links liegt das Meer mit Ausblick auf weitere Inselchen und beeindruckende Wolkenformationen. 
Nyksund ist ein ehemals verlassenes Fischerdorf, das nun auch schon seit längerer Zeit von Idealisten wieder aufgerüscht wird. Die Farben leuchten vor allem in grün und gelb, aber so manches Fischerhaus auf Stelzen wird beim nächsten Windhauch mit einem letzten Seufzer auf der morschen Planke in sich zusammensacken. Kaum angekommen sind wir schon in ein Gespräch verwickelt mit einer Gruppe deutscher Segler. Wir werden uns heute noch öfter über den Weg laufen. Der Ort vermittelt den Eindruck einer etwas größeren WG, alles sehr familiär. Nyksund
Wir finden einen ungewöhnlichen Souvenirladen: Der Garten ist ausgelegt mit den unterschiedlichsten Walknochen, die zum Verkauf angeboten werden. Wir haben die Qual der Wal-Wahl. Der Eigner ist Niederländer und erzählt uns von seinen Sammelausflügen zu gestrandeten Walen. Hertha ersteht einen kleinen Pottwalzahn, wir anderen bekommen einen kleinen Walrückenwirbel geschenkt. Für 300 Kronen hätten wir auch ein großes Stück Walwirbel erstehen können, doch die vermutete Unmöglichkeit, dieses Ding in unseren Rucksack zu stopfen und unbeschadet durch den Zoll bzw. durch die Gepäckabfertigungen zu kriegen, hält uns leider davon ab. 
Dann ist es Zeit für einen Imbiss. Über die Holzplanken kommen wir gut voran, obwohl bei einigen Exemplaren Vorsicht wegen etwas größerer Spalten geboten ist. Mittlerweile gibt es mehrere Cafés, in denen man es sich gemütlich machen kann. Wir fragen uns, was man hier so im Winter macht oder wenn eines Tages das Dorf endlich fertig restauriert worden ist. Werden genügend Touristen kommen? Oder zu viele? Wir holpern den Weg wieder zurück, mit einigen knapp bemessenen Gegenverkehr-Begegnungen. 

Montag, 18.08. 
Hertha nimmt sich heute eine Auszeit und ruht sich in der Hütte aus. Wir packen ihr etwas von dem üppigen Frühstück ein und teilen die Gruppe auf. Ich schreibe weiter am Reisebericht und mache einen Spaziergang oberhalb des Friluftssenters. Birgit und Monika fahren nach Stokmarknes ins Hurtigroutenmuseum. Da wir morgen mit der berühmten Linie fahren wollen, informieren sie sich schon mal über Geschichte und Geschichten. Abends gönnen wir uns im Café einen Rotwein. Eine seltene Angelegenheit, da Alkohol in Norwegen stark reglementiert und unwahrscheinlich teuer ist. Aber nach so einem aufreibenden Tag muss das mal sein. 

Dienstag, 19.08. 
Das üppige Frühstück nehmen wir heute eine Stunde früher als üblich zu uns. Mit dem Auto geht's nach Risoyham und von da aus auf's Hurtigroutenschiff bis Svolvaer auf den Lovoten. Hurtigrouten Unser Auto stellen wir nach Anweisung im Schiff ab und gehen dann mit Hilfe diverser Fahrstühle auf Erkundungstour. Mehr als sieben Stunden werden wir unterwegs sein. Sollten wir übernachten wollen, wäre auch das kein Problem, gibt es doch genügend rolligerechte Zimmer. Nur der Souvenirladen ist etwas eng geraten. Wir sind von Wellen, Bergen, Fjorden und Kreuzfahrttouristen umzingelt. Eine sehr gemütliche Fahrt, in der sich nichts Aufregenderes ereignet, als dass wir einige Versuche brauchen, die Tür der Toilette zuzubekommen. Schließlich fahren wir noch in den Trollfjord ein. Ein kleiner, enger, von 1000 Meter hohen Felswänden gesäumter Sackgassen-Fjord. Türkises Wasser umplätschert uns. Massive Felsen. Und Hertha kann keinen einzigen mitnehmen. 
In Svolvaer angekommen steht unser Auto schon abfahrbereit am Ausgang. Jetzt steht uns nur noch die längere Autorückfahrt bevor. Ein kurzes Stück müssen wir mit einer Fähre zurücklegen. Die Hauptstraße ist eben noch nicht komplett durch Brücken befahrbar. Unterwegs begegnet uns eine Herde der Sorte "Stoppelhaarige Krummbein-Elche", in Deutschland unter dem Namen "Ziegen" bekannt. Während unserer Abwesenheit hat Nigel ein Zementschnäppchen gemacht und die Auffahrten zu unseren Hütten erneuert. Mit Schwung geht's ab ins Bett. Draußen dämmert es.

Mittwoch, 20.08. 
Das üppige Frühstück nehmen wir heute eine Stunde später als üblich zu uns. Wir sitzen auf der Terrasse, lesen, vertreiben Zeit und Mücken. Ausruhen. Gegen Nachmittag unternehmen Birgit, Monika und ich einen Ausflug zu einem nahe gelegenen kleinen Strand. Fein und weiß, mit vertrockneten Algen und Muscheln übersäht liegt er da. Ein bisschen Geschiebe braucht es, dann steht auch Monika samt Rolli am Wasser, nach einiger Zeit stehen sie sogar fast im Wasser. War wohl Ebbe vorher. Für Hertha sammeln wir Muscheln mit Seepocken und ausgetrocknete Seeigel. Das Wasser ist angenehm kühl und flach bis zu einer Barriere aus Algen, durch die wir nicht hindurchwaten wollen (s. Seeigel). Birgit geht einmal kurz in die Knie, damit sie überall protzen kann, im Fjord gebadet zu haben. Abends kochen wir uns wieder etwas und blicken hinaus auf den Sonnenuntergang, der solange dauert bis wir aufgeben. 

Donnerstag, 21.08. 
Der ruhige Tag gestern hat uns so ausgehungert, dass wir uns auf Nigels üppiges Frühstück stürzen und uns auf den Weg nach Nygvag machen. Nygvag wurde im Reiseführer als sehenswertes Fischerdörfchen angekündigt, ist aber mittlerweile komplett ausgestorben, d.h. es gibt kein Café. Wir fahren noch einen Ort weiter, der aber auch nicht vor Leben tobt. Immerhin steht hier ein großes Windrad mit Aussichts-Esstisch, wo wir es uns einigermaßen gemütlich machen und die Stullen auspacken. Auf den umliegenden Felsen finden sich von Vögeln zurückgelassene Fischknochen, die zwar nicht die Größe unser Schweinswalwirbelknochen aus Nyksund haben, aber immerhin. Vielleicht lässt sich das als Währung einsetzen, wenn der Euro mal nicht mehr so mitspielt. Das Thermometer zeigt übrigens erholsame 22 Grad an und die Aussicht ist wie immer phantastisch. 
Am Abend machen wir noch einen kurzen Spaziergang zur nahen Bucht und schauen den Lachsen beim Springen zu. Durch eine Brücke abgetrennt vom übrigen Fjord tummeln sich hier Seesterne, große Wasserschnecken, Krebse und Dutzende von kleinen und großen Fischen bzw. Lachsen. Immer wenn ein Lachs hochspringt, gibt es ein großes Ah und Oh wie beim Sternschnuppengucken. Das Boot mit den vier Hobbyfischern auf der anderen Seite der Brücke (da wo keine Lachse springen) wirkt entmutigt. Dann haben uns die Mücken wieder geortet und wir machen uns auf den Heimweg. Lachse, wir sehen euch wieder! 

Freitag, 22.08. 
Frühstückszeit! Es gibt Lachs. Wie immer. Wie üppig. Mjam mjam. Aber heute müssen wir noch einmal nach größerem Meeresgetier Ausschau halten. Hertha will ein zweites Mal zum Whale Watching nach Andenes und ich muss mit. Birgit und Monika unternehmen an Land einen Ausflug und testen die Reparier-Fertigkeiten örtlicher Fahrradhändler in Bezug auf Rollireifen. 
Das Wetter ist heute (von Land aus betrachtet) großartig. Nicht so grau und diesig wie beim letzten Mal, sondern sonnig mit wenigen Wolken. Kurz gesagt: Es gibt Wellengang. Viel Wellengang. Natürlich ist es ehrenrührig, die Hilfe der an Bord befindlichen Mannschaft anzunehmen, die vorschlägt, Herthas Rollstuhl an der Reling festzubinden. Durch eine traditionelle Klemmtechnik, die seit Jahrtausenden an die erstgeborene Tochter weitergegeben wird, gelingt es, alle drei Gegenstände (Hertha, Rollstuhl, mich) einigermaßen auf Deck zu halten. Nur wie, verdammt noch mal, soll ich auch noch einen Fotoapparat und eine Tasse Kaffee festhalten?! Und was will dieser blöde Wal da neben uns?! Zum Glück erwischen wir heute nur zwei Exemplare. Den zweiten können wir richtig lang beobachten. Andoya - Whalewatching Es soll sich hier um den ältesten Wal der Gegend handeln. "Moby Dick" nennen sie ihn ehrfürchtig. Sechzig Jahre soll er schon auf dem Buckel haben. Er kommt so nah, dass wir ihn fast berühren können. Nein, Hertha, mitnehmen können wir ihn nicht. 
Nach der Tour habe ich das Gefühl, dass der Wal über mich gerollt ist. Auch wenn nie Gefahr bestand, dass wir wirklich über Bord gehen: Hilfe niemals ablehnen! Ist entspannender. Bin müde. Muss ins Bett. 
Andererseits haben wir uns heute eine Packung Scampis geholt, die unbedingt verzehrt werden muss. Da raff ich mich doch gerne noch mal auf und wer weiß, wann's wieder was Leckeres gibt... 

Samstag, 23.08. 
Nigels üppiges Frühstück sorgt dafür, dass wir gestärkt unser Gepäck in die Koffer stopfen können. Da es nie richtig geregnet hat, sind einige Klamotten ungenutzt geblieben, was wir nicht groß bedauern. Die Souvenirsammlungen werden noch erweitert durch einen letzten Ausflug nach Sortland. Hier ist heute quasi die Hölle los. So viele Leute haben wir in den vergangenen zehn Tagen insgesamt nicht gesehen. Dann ist es auch schon wieder Zeit, zum abschließenden Waffelessen zurückzukehren und bei Nigel und Ingvild die letzten Bestellungen an Mitbringseln von Multebeeren, Lachs und Kaviarcreme aufzugeben, sollte sich doch noch ein leeres Fleckchen im Koffer auftun. 
Noch einmal genießen wir den Ausblick auf die hinter den Wolken untergehende Sonne. Leider ist es heute sehr bewölkt und damit fast sogar dunkel. Wir holen uns erneut eine Flasche Wein und erfahren, dass gerade der Bottich angeheizt wird. Der Bottich ist so was wie das norwegische Teehaus. Ein hölzerner Badezuber mit 3000 Liter Wasser Fassungsvermögen, das auf angenehme 37 Grad hochgeheizt wird. An der Innenseite ist rundum eine Sitzbank angebracht, die für ungefähr 10 Personen Platz bietet. Dabei kann man hervorragend über den Fjord gucken (denn der Bottich steht selbstverständlich im Freien) und mit den anderen Badegästen klönen. Gegen elf Uhr abends hocken Birgit und ich mit Ingvild und zwei anderen Frauen im warmen Wasser, Hertha ist schon zu Bett und Monika macht kompromittierende Fotos von uns. Nigel werkelt singend in der Küche und wir finden, dass das ein durchaus angemessener, krönender Abschluss unserer Tour ist. Plötzlich ist es halb zwei, es ist finster und unsere Finger sind runzlig. 

Sonntag, 24.08. 
Nach einem letzten üppigen Frühstück heißt es leider Abschied nehmen vom Friluftssenter, von Ingvild und Nigel, von Norwegen und von unserem Fjord. Schad. Es geht mit dem Auto zurück nach Kiruna. Prompt wird das Wetter schlechter. Schweden gefällt uns wettermäßig gar nicht. Am Grenzort kann Birgit noch die Steuer von ihrem Original Norwegerpulli zurückbekommen, dann sind wir wieder umzingelt von Felsen und grauen Wolken. Was die vielen Hotelbauten hier zu suchen haben, wird uns erst klar, als wir erfahren, dass es sich hier um einen sehr sehr sehr berühmten Wintersportort handelt (Namen hab ich vergessen). 
In Kiruna fahren wir, schlau wie wir sind, erst zum Flughafen und stellen schon mal einiges an Gepäck unter, damit wir morgen nicht wieder stundenlang damit beschäftigt sind, die Rollstühle ins Auto zu falten. Nach dem Einchecken im Hotel unternehmen wir noch einen kurzen Spaziergang zu der unheimlich berühmten Kirche des Ortes.Kiruna Ein recht exzentrischer pyramidenförmiger Bau belegt mit roten Dachziegeln und goldenen Figuren. Auch der nebenstehende Glockenturm, eine Mischung aus Windmühle und Pagode, sieht sehr seltsam aus. Irgendeinen Architekturpreis haben sie dafür gekriegt, aber wer kommt schon hierher, um das zu beurteilen? Kiruna ist langweilig wie immer, wenn wir hier sind, außerdem nieselregnet es. Wir gehen zum Chinesen, um etwas zu essen, und lassen uns von traurigen Geschichten aus der Welt der Einwanderer beschallen: Der Schwede als solcher geht nicht oft essen, schon gar nicht so etwas komisches wie Chinesisch. Ein 20 000-Seelen-Nest und alle hocken lieber zu Hause. Pizzerien gibt es sechzehn. Demnächst wird der Ladenbesitzer das Restaurant schließen und zurück nach China gehen. Wir geben unsere letzten Kronen und dann auf. 

Montag, 25.08. 
Nach einem übersichtlichen Frühstück machen wir uns ab zum Flughafen, checken unser Gepäck ein und ein letztes Mal die Souvenirs und schon sitzen wir im Flieger nach Stockholm bzw. kurze Zeit später in dem nach Frankfurt: 
Schluss mit Sonnenuntergängen, die bis nachts um Zwei dauern, Lachs gibt's nur noch von Aldi und keine Herzattacken mehr beim Bezahlen von Rechnungen - schnüff. 
Wir sind wieder zuhause. 

Vesteralisches Wanderlied / Friluftssenter Nationalhymne
(musikalische Begleitung durch sanftes Geklapper ausgebleichter Walknochen. Kann auf unendlichen Wanderungen unendliche Male wiederholt und nach Bedarf erweitert werden)
  

Multebeeren, Multebeeren und nur Licht
Mücken, ach so viele Mücken

Multebeeren, Multebeeren und kein Elch 
Moore, ach so viele Moore

Multebeeren, Multebeeren und nix los 
Fjorde, ach so viele Fjorde

Multebeeren, Multebeeren und ein See 
Frühstücke, ach so viele Frühstücke

Multebeeren, Multebeeren und Frischluft 
Wasserwellen, ach so viele Wasserwellen

Multebeeren, Multebeeren und ein Adler 
Lachse, ach so viele Lachse

Multebeeren, Multebeeren und ein Pilz 
Weidenröschen, ach so viele Weidenröschen

Multebeeren, Multebeeren und kaum Alk 
Wale, ach so viele Wale

Multebeeren, Multebeeren und viel Moos 
Berge, ach so viele Berge

Multebeeren, Multebeeren und alles voller Multebeeren 
Multebeeren, ach so viele Multebeeren...

Mehr Infos:


  

Reisebüro Weitsprung
http://www.weitsprung-reisen.de
Außer dem normalen Reisebüro-Service bietet "Weitsprung" begleitete Gruppenreisen für Behinderte und Senioren an: Nach Kreta, Rhodos, Vietnam, Südafrika, Schweden, Edinburgh, New York, die Route 66 und und und....

Andoy Freiluftcenter
http://www.andoy-friluftssenter.no
Campingplatz für Caravans und mietbare Hütten mit sehr hohem Standard. Wunderschön auf den Vesteralen gelegen. Ausgangspunkt für Wanderungen – und üppige Frühstücke.

 

 

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Sonntag, 06. Juni 2004