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 Home >> Kunst: Selbstgeschriebenes > Die letzten Schlösser

Die letzten Schlösser

Nein, hier geht es nicht um Märchenschlösser, nicht um Rapunzel, die mal wieder aus irgendeinem Turm ihre Haarpracht herunterwirft, auf dass ein tapferer Ritter daherkommt und nicht aus Panik so schnell wie möglich das Weite sucht, was ja eigentlich normal wäre, sondern tatsächlich diesen Haarhaufen ergreift und (das muss man sich mal vorstellen) daran hochklettert. Ja, kann der Bub denn nicht den normalen Eingang nehmen?
Dann stellt er oben fest, dass das spannendste an der Braut ihr Haarschopf ist, ansonsten herrscht bei ihr Ruhe im Oberstübchen. Da stehen sie also im Turmzimmer, können sich kaum sehen, weil das ganze Zimmer vollgehaart ist, und er muss ihr jetzt klarmachen, dass er zwar schon ziemlich bescheuert war, hier oben aufzutauchen, aber sie wär halt jetzt doch nicht so der Bringer. Erwürgt sie ihn dann mit ihren Flusen oder ersticht ihn mit dem Kilo Haarspangen, die sich in ihr verfangen haben? Nur mal so als Frage?!
  
Aber das soll uns ja jetzt nicht kümmern, denn es soll ja um etwas anderes gehen. Gehen soll's um Fahrradschlösser. Um die, die übrig bleiben. Die, wo weit und breit kein Fahrrad mehr zu sehen ist, die trotzdem noch am Zaun baumeln oder am Laternenmast verankert sind oder am Fahrradständer rosten oder an sonst etwas, was fest im Boden sitzt. Fahrradschlösser, ausgesetzt Wind und Witterung und wilden Spekulationen. Egal ob Berlin, Frankfurt, Marburg oder Kleinschrottingen-Wichtelheim, wo immer ihr hinkommt - überall das selbe Bild: Fahrradschlösser ohne Fahrräder. Was machen die da bloß? Wo sind die Räder? Warum hängen die Schlösser da noch? Was hat der Dieb mit dem Fahrrad gemacht, wenn er gerade nicht das Schloss aufgekriegt hat. Was tut er jetzt mit der aufgeknackten Fahrradspeiche? Zum Fahrradladen bringen und für viel Geld reparieren lassen? Oder hat der Fahrradbesitzer an jedem neuralgischen Punkt in der Stadt ein Schloss deponiert, damit er die Dinger nicht immer mitschleppen muss? Und wenn er mal woanders ist? Hat 'ne neue Freundin im anderen Viertel, sagt er dann: "Sorry, hier kann ich nicht bleiben. Kein Schloss da." Das kann nicht gut für die Beziehung sein.
  
Die einleuchtendste Erklärung scheint erstmal zu sein, dass das Fahrrad mit der Zeit zerlegt wird. Also vorstellen: Fahrrad steht angekettet am Zaun, kommt ein blöder Dieb und klaut den Sattel. Kennt man ja, kommt der nächste, klaut den Lenker. Denken sich die anderen: "Wenn das so schon aussieht, dann nehmen wir uns auch was mit." Und weg damit: Dynamo, Schlauch, Speichen, Werkzeugkästlein. Zwischendurch nieten sie noch ein Ömmchen um und treten einem rumstehenden Mercedes die Heckscheibe ein. Alles machen die kaputt, nur eben das Fahrradschloss, das kriegen und kriegen die nicht klein. Also hängt es bis zum Schluss noch rum. Könnte klappen, schöne Theorie, nicht wahr?
  
OK, jetzt kommt der Fahrradbesitzer. Denkt sich: "Oh Scheiße, Fahrrad weg. Mist Mist Mist." Aber das Schloss hat doch gehalten. Warum nimmt er jetzt nicht wenigstens das Schloss mit? Er sagt nicht: "Oh Schreck, mir haben sie alles genommen. Alles haben sie mir genommen. Mein Herz, mein Leben, mein Fahrrad" und wälzt sich jammernd am Boden. Aber da - wie ein Licht in dunkler Nacht, durch die Fluten der Tränen kaum sichtbar: Mensch, das Schloss ist noch da! "Schlösschen, mein Schlösschen, 's hat tapfer durchgehalten, gutes gutes Schloss." Und er drückt's an sein Herz, ums zu wärmen und zu liebkosen. Aber tut er's? Nix is. Das Schloss wird einfach hängengelassen! Klar, der Typ hat jetzt kein Fahrrad mehr, was brauch er da noch ein Schloss. Aber Fahrräder kann man nachkaufen, und irgendwer wird doch ein voll funktionsfähiges, supertapferes Schloss brauchen können. 
  
Was sagt der kleine Mann auf der Straße denn dazu? Was kündigt sich da an? Bitte sagt Bescheid, wenn ihr was wisst. Demnächst gibt's noch ein paar Beweisfotos.
  

fmp' 2001

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Mittwoch, 31. März 2004