|
Die phantastische
Geschichte der Schreibmaschine
Teil 1
Ein allseits beliebtes
Freizeitvergnügen ist es, sich mit den Hobbys anderer Leute zu befassen.
Konnte man früher noch eine Konversation mit einem unverbindlichen
"Hastemalnemakk" oder einem prägnanten "Na?" beginnen,
so erfordert heutzutage die weltgewandte Gesprächsführung zumindest ein
generalstabsmäßig durchfomuliertes "Was hast du denn so für
Hobbys?".
Doch Vorsicht! Ebenso wie die verwandte englische Formulierung "How do
you do?" verlangt auch diese Frage eigentlich keine wirkliche
Beantwortung. Sie wird denn auch meistens mit der Formel "Lesen, Musik
hören und Faulenzen, hihi. Und du?" gekontert. Erst danach darf man
ausdiskutieren, bei wem die Handwerker sind und ob man jetzt zu dir oder zu
mir geht.
Ein anderes Phänomen ist, dass sich diese scheinbar harmlose Frage zu einem
handfesten Gebrauchsgegenstand entwickeln kann, die verhindert, dass man
sich in irgendeiner anderen Form mit seinem Gegenüber auseinandersetzen
muss. Meist gründen sich daraus dann Vereine, Interessengruppen, Saufgelage
und Sekten.
Da ich all dem ablehnend, überheblich und maßlos arrogant gegenüberstehe,
sollt Ihr jetzt mein Hobby erfahren, damit mich nienienie wieder jemand
danach fragt und ich in Ruhe einen trinken gehen kann: Mein Hobby ist das
Sammeln von Schreibmaschinen. Meine älteste ist eine 1870er
"Pfarr" und meine exzentrischste die 1920er "Schneider"
mit doppelt verstärktem Ziehlauf, achtundzwanzig Schiebetypen und dipolar
vernieteter Rotationstastatur basierend auf dem Patent No. 738309-jg/93a.
Um diese beiden zu erlegen, musste ich mich ein volles Jahr in eine
brachliegende Ackerfurche klemmen und bei Vollmond drei hintertibetanische
Mönche imitieren. Erst dann lugten die Maschinen verstohlen aus ihrem Bau
hervor, von Neugierde getrieben und Sorge zerfressen. Deshalb sehen sie
jetzt auch etwas lädiert aus, aber man will ja nicht mäkeln. Mein
plötzliches Hervorbrechen nahmen sie willenlos hin; waren sie doch eh
gerade am Aussterben, da kann man seinen Körper schon mal der Wissenschaft
zur Verfügung stellen. Zum Trocknen warf ich sie dann über die Leine -
glücklicherweise kam gerade eine frische Brise auf. So einfach läuft es
mit den meisten Exemplaren dieser scheuen Gattung.
Leider dauert es immer einige Zeit, bis ich sie gepresst habe, um sie in
mein Sammelalbum einkleben zu können - störrische kleine Biester!
Glücklicherweise besitzt mein Vater eine Druckerpresse, und wenn er mal
keine Geldscheine braucht, kann ich sie als Schreibmaschinenpresse benutzen.
Leider brauchen wir fast immer Geld.
Teil 2
Auf dem Flohmarkt entdeckte ich vor
einigen Tagen eine englische "Plumpud" von 1902. Sofort gekauft!
Leider ist sie keine aus der 36er-Reihe mit dem angeknickten "e".
Solltet Ihr mal eine 1902er-"Plumpud" mit angeknicktem
"e" finden, bitte schenkt sie mir! Die sind total selten, aber
keiner will sie haben, wegen des angeknickten "e"s. Das sieht im
Schriftbild unter aller Kanone aus, verleiht aber auch dem langweiligsten
Text das unverwechselbare gewisse Etwas. Natürlich gibt es Leute, die lesen
nur Texte, die keine "e"s enthalten. Tja, die sind fein raus. Ich
finde, man sollte sie erschießen.
Für heute muss ich Schluss machen; gerade flog ein UFO an meinem Fenster
vorbei und ließ etwas fallen. Mich würde wirklich interessieren, was die
so für Schreibmaschinen sammeln. Klein und grün?
Teil 3
Neulich habe ich die Rotationstastatur
erwähnt. Wie ich erfahren habe, hat das vielen Leuten den Schlaf geraubt.
Nur wegen "Rotationstastatur", Ihr spinnt ja. Na gut, wenn ich die
"achsensymmetrische Polarisationsverschnurpelung" oder den
"hinterkohärenten Gerontenverschleiß-Hebel" erwähnt hätte,
DANN könnte ich das ja verstehen, aber "Rotationstastatur" ...
Da Ihr jetzt eh die nächsten hundert Jahre wach seid, erzähle ich Euch
etwas darüber. Eine Rotationstastatur basiert auf dem Prinzip der
dynamischen Typenaufhängung, wobei die normalerweise übliche statische
Basisrasterung aufgehoben wird, und so mittels einer free-flow-Mechanik im
vorderen Bereich die optimale Handstellungsausgleichzentrierung
gewährleistet ist, was einfach gesagt, ein viel angenehmeres Gefühl beim
Schreiben hinterlässt (vor allem, wenn man mehr als 286,67 Anschläge in
der Minute schaffen muss; das schafft noch nicht einmal die RAF).
Die Sprungfederwalze muss der nun entstehenden Zentrifugalkraft
entgegenwirken und kann dies eben nur durch die Sprungfeder. Diese muss mit
einem Ende mit einem schweren Gegenstand, also meistens dem Schreibtisch
selbst oder der dicken Sekretärin, verschraubt werden, da sonst ein
optimaler Nachfederausgleich (engl. "back-doingdoing") nicht
möglich ist. Das hört sich jetzt sicherlich sehr kompliziert an; ist es
auch, wenn man es mit der heutigen Technik vergleicht. Aber vor hundert
Jahren war das eine echte Revolution. Vor zweihundert Jahren auch schon. Und
vom Paläozoikum brauchen wir gar nicht erst anfangen, pah. Sollte ich
übrigens mal vom Thema abkommen, sagt mir Bescheid.
Teil 4
Immer wieder werde
ich von wildfremden Leuten gefragt, wer den nun die Schreibmaschine
erfunden hat. Nunja, eigentlich hört es sich an wie "Kannste mir
mal sagen, wieviel Uhr es ist?", aber man muss auch zwischen den
Zeilen lesen können.
Als König Louis von Frankreich zum wiederholten Mal behauptet hatte
"L’etat c’est moi", kamen seine getreuen Schreiber zu dem
Schluss, dass es viel zu aufwendig sei, diesen Satz jedesmal von Hand
mitzuschreiben, um den Untertanen diese frohe Botschaft zu verkünden.
Nach langen, schlaflosen Nächten erfand Henri "Chapeau"
Claque, der olle Franzmann, eine Apparatur, mit der man "L’etat c’est
moi" in einwandfrei bretonischem Akzent mittels diverser Hebelchen
und Tasten aufs Papier hacken konnte. Die Freude darüber war sehr sehr
groß, auch wenn einige Miesepeter behaupteten, allein mit den
Buchstaben a, c, e, i, l, m, o, s und t könne man - wenn man nicht
gerade Herrscher von Frankreich sei - nur sehr wenig anfangen.
Nachdem alle Zweifel mit Hilfe der Guillotine beseitigt worden waren,
wollte man gerade das Patent anmelden, da verbreitete sich wie weiland
die Pestilenz das Gerücht, in England habe ein findiger Engländer eine
ähnliche Maschine erfunden! Wie groß war da das Entsetzen bei den
Franzosen; konnte doch dieser Engländer mit seinem Satz "My home
is my castle" (a, c, e, h, i, l, m, o s, t, y) ganze zwei
Buchstaben mehr als die französische Fassung vorweisen. Zum Glück für
die Franzosen fiel ihr Erfinder Sir Reginald Tipp einer
antiroyalistischen Terrororganisation zum Opfer. Das Spottwort vom
"Tipp-Ex" machte daraufhin die Runde - wer kennt heute noch
seine Wurzeln?
Schließlich entschloss man sich aber dazu, beide Erfindungen
zusammenzuschließen, bevor sie sich verschleißen. Und gemeinsam mit
dem deutschen, dem italienischen und dem andorranischen
"Automatisierthen Schreyb-Insthrumentaryum" konnte zur
Weltausstellung die Erste Intereuropäische Schreibmaschine der
staunenden Weltöffentlichkeit voll Stolz präsentiert werden.
Goethe zum Beispiel war davon so begeistert, dass er sich spontan
entschloss, einen zweiten Teil von Faust zu schreiben – diesmal mit
einer Schreibmaschine. Leider war er von der Technik so begeistert, dass
er keine Zeit mehr fand, im Lexikon für Überschätzte Schriftsteller
nach passenden Sprichwörtern zu suchen, die ihm noch im ersten Teil
eine Menge Arbeit erspart hatten. Deswegen ist der zweite Teil auch
nicht mehr so dolle. Was Goethe dann zum Anlass nahm, in Ruhe mit Drogen
zu experimentieren und sich seinem Farbenkreis zu widmen.
Teil 5
Die Frage, die sich beim Anblick der
Tastatur einer jeden Schreibmaschine aufdrängt, ist, warum die Tasten zum
Beispiel nicht in alphabetischer Reihenfolge angeordnet sind.
Der erste Schritt zur falschen Antwort ist, dass niemand das gesamte
Alphabet in seiner richtigen Reihenfolge kennt. Der erste Schritt zur richtigen Antwort ist, dass bestimmte Buchstaben des
Alphabets nunmal häufiger vorkommen als andere. y, x, c, v, ä, ö, ü oder
q finden sich eben relativ selten vor, höchstens in Worten wie Yäxüüvä,
Xävvyxcä oder Äöööxüccü, aber wir wollen uns ja nicht mit
Sonderfällen beschäftigen.
Hinzu kommt noch das unterschiedliche Zuckverhalten der einzelnen
menschlichen Finger (lat. circularis vulgaris panem et circensis). Sind sie
erstmal in ihre Grundstellung auf den Buchstaben asdf bzw. jklö zum Liegen
gebracht, fordert die deutsche Rechtschreibung ein mehr oder weniger
koordiniertes Zuckverhalten der einzelnen Finger heraus. Normalerweise
zucken Finger ständig, und hier ganz besonders der Mittelfinger, der ja oft
gern für andere Gesten benötigt werden muss, die fürs Tippen leider
völlig unerheblich sind. Dieser und der Zeigefinger müssen nun schräg
nach oben zucken, weshalb die am häufigsten gebrauchten Buchstaben oberhalb
der Gürtellinie bzw. der Grundlinie angebracht sind. Auf diese Weise
vermeidet man ein auf Dauer anstrengendes Korrigieren des natürlichen
Zuckverhaltens mittels postnataler Atemtechnik, was immer aufs Zwerchfell
drückt, weshalb es beim Schreiben meist auch nichts zu lachen gibt.
Völlig untrainiert sind hingegen Ringfinger und kleiner Finger. Früher
versuchte man sich dieses Problems zu entledigen, indem man über den
Ringfinger einen Ring stülpte, der die gesamte Blutzufuhr abschnitt, sodass
der Finger schließlich abfiel und keinen mehr störte. Glücklicherweise
haben wir diese Phase seit letzter Woche überwunden. Beide Finger bewegen
sich jedenfalls am liebsten kreisend und man sollte ihnen dieses Hobby auch
lassen, wenn man sich schon dazu entschlossen hat, sie zu behalten. Diese
Kreisbewegung weist ihnen ihr Tätigkeitsfeld am äußeren Rand der Tastatur
zu, wo man ihnen recht viel Auslauf lassen kann. Damit sie nicht allzu stark
belastet werden, finden sich an den Rändern nur die weniger häufig
gebrauchten Buchstaben; mit Ausnahme des "a"s, das als kleine
Gemeinheit zurückgelassen wurde, um den störrischen kleinen Finger stets
daran zu erinnern, dass er eh nur "a-a" baut. Da sieht man mal
wieder, wie kindisch Wissenschaftler sind.
Der Daumen ist eigentlich mehr zum Draufhalten geeignet (siehe Rolling
Stones "Under my Thumb"), weshalb er auch nur dann voll zur
Geltung kommt, wenn es gilt, Lücken im Text zu hinterlassen (Leertaste).
Der Einwand ideenloser Schriftsteller und inkompetenter Journalisten, man
hätte gerade Daumenstarre, sodaß sämtliche Texte nur Leerzeichen
enthielten, und man könne rein gar nichts dagegen tun, obwohl der Kopf vor
Kreativität schier bersten wolle, wurde mittlerweile als lausige Lüge
entlarvt. In Wirklichkeit haben sie Kleinhirnstarre, wollen aber nicht
zugeben, dass sie ein Kleinhirn haben, da Kreativität in ihrem Beruf
zumeist reflexartig über das Rückenmark ausgestülpt wird.
Doch hurtig zurück zur Buchstabenanordnung: Die restlichen Buchstaben
rührte man gut durch, vergrub sie gen Mitternacht in einer Schüssel warmen
Grießbreis, ließ sie nach drei Magenverstimmungen von einem betrunkenen
Setzer mit Gipsarm ausbuddeln und volles Rohr über das Tastatur-Layout
schleudern. Dann noch ein Schwung Zahlen und Satzzeichen, die eh kein Mensch
beherrscht, am äußeren Rand, so dass sie aber gerade noch mit gezielt
gedrallten Ring- und Kleinfinger erreicht werden können.
Eine andere Theorie besagt übrigens, dass die Tastenreihung zumindest in
England auf kompletten Worten basieren sollte (d.h. ein fortlaufender Satz,
in dem alle Buchstaben enthalten sein sollten). Dies war aber nur eine
abstruse Vorschrift von oben, die nicht bis in die Montagehallen der
"Ghostwriter Inc. Corp.", ihres Zeichens erste industrielle
Fertigungsanlage, gelangte; die Arbeiter konnten nichts mit dieser auf
bloßer Theorie basierenden Vorschrift anfangen und gingen erstmal in
Streik. Nach der Mittagspause geriet diese Idee komplett in Vergessenheit,
da der Erste Weltkrieg anfing (nicht deshalb, aber trotzdem). Wahrscheinlich
wäre diese Idee sowieso an den Übersetzungsschwierigkeiten für das
nicht-englischsprachige Ausland gescheitert.
Dennoch versuchten sich auch deutsche Ingenieure an der Version des
kompletten Satzes. Allerdings fiel während dieses Erstens Weltkriegs die
Vorlage auf die Pickelhaube des Lehrbuben und alle Mühe war vergebens. Nur
noch ein kleiner Rest zeugt heute noch von den Bemühungen und lässt eine
Ahnung von großer literarischer Schaffenskraft spüren (siehe
"QWERTZUIOPÜ"!).
Erich von Däniken behauptet übrigens immer wieder recht standhaft, die
Tastatur wäre von Außerirdischen entwickelt worden, mit der sie uns die
Weltformel für Friede, Freude und nicht-braun-werdende Avocadocreme
mitteilen wollten, und es somit nur an uns läge, ihre Bedeutung zu
entschlüsseln. Dem widerspricht eine andere Theorie, die besagt, Erich von
Däniken sei von Außerirdischen entwickelt worden, um uns mal wieder so
richtig zu verarschen. Und wenn Ihr Euern Kopf in die laue Abendluft
raushieltet, würdet Ihr es auch hören: Der Weltraum – er kichert.
fmp '93
|