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Home >> Kunst: Selbstgeschriebenes > Das Training

Das Training – Eine wahre Geschichte

Da stehe ich nun und versuche das Telefon in seine Ladestation zurück zu stellen. Das klappt nicht auf Anhieb, mein Gemüt befindet sich gerade in einer etwas desolaten Verfassung. Gewaltfantasien kreisen in meinem Kopf. Aber auf wessen schlechten Einfluss werde ich die Schuld schieben können, wenn sie mich fassen? Ballerspiele sind nicht mein Ding und auch mit Death Metal hab ich wenig am Hut. Der letzte Film, den ich gesehen habe, hieß "Chihiros Reise ins Zauberland" und ich glaube nicht, dass der Richter durchgehen lässt, dass mein Amoklauf daher rührte, dass ich bedingt durch den Film die Opfer für Schweine und Dämonen gehalten habe. Obwohl das der Realität natürlich am nächsten kommt. Was war passiert?

Zum Thema "Arbeitslosigkeit in hinterhessischer Kleinstadt" können mittlerweile ganze Heerscharen mitreden, seit fast einem Jahr eben auch ich. Die Zeiten sind nicht gerade allzu günstig für Webgestalter, und der Bankangestellte lachte uns aus, als wir mit einem wohlfeilen Geschäftsplan zur Internet-Firmengründung bei seinem Institut vorsprachen. Immerhin wollten wir keine Bank gründen, rechneten uns also eigentlich gute Chancen aus. Es hat nicht sollen sein, und die Monate gingen dahin mit Bewerbungen schreiben, Kontakte knüpfen, kostenlose Referenzen erarbeiten, Geschäftsplan überarbeiten, nicht verzweifelnd und das vergangene Studium und die getane Arbeit immer noch für eine gute Sache haltend. Monate, in denen das Arbeitsamt sich dezent zurückhielt, Auskunft gab über Ich-AGs und Überbrückungsgeld, immerhin zwei Stellenangebote hervorzauberte und die Miete sicherte.

Arbeit gibt's genug, Geld keins. Ich bekomme das Angebot, Mitte August einer älteren Rollstuhlfahrerin als Reise-Begleitung zu assistieren. Auch hier gibt's kein Geld, aber eine sinnvolle Tätigkeit und zwei Wochen Norwegen. Das Arbeitsamt wird verständigt, leider zu früh. "Urlaub kann immer erst eine Woche vorher bewilligt werden." ---- "Nein, das ist kein Urlaub, das ist eine Art Praktikum, eine Assistenz für eine behinderte Person, da muss man buchen, den Flieger, die Zimmer..." ---- "Dann sagen Sie doch noch mal eine Woche vorher Bescheid. Probleme sollte es da nicht geben, das klappt meistens." Aber der Sachbearbeiter hat auch noch ein richtiges Stellenangebot für mich: Ab 1. August als Bibliotheksangestellte an der Uni. Wochenarbeitszeit: 9, 25 Stunden. Die 25 hinter dem Komma bereitet mir jetzt schon Sorgen. Wenn ich einmal die Treppe laufe statt den Fahrstuhl zu benutzen, häufen sich die Überstunden schneller an als ich meinen Urlaub planen kann. Für die Stelle bin ich gnadenlos überqualifiziert, obwohl ich eigentlich die Anforderungen nicht erfülle. Aber ich bin lernbegierig, wahnsinnig motiviert und schreibe meine Bewerbung.



Ein Tag später liegt ein Zettel im Briefkasten für eine Einladung zu einer "Informationsveranstaltung". So etwas kommt einer Vorladung bei Don Corleone gleich: Ein Angebot, das man nicht ablehnen darf. Sollte man doch renitent verweigern, droht Bezugskürzung bzw. -streichung, also nix wie hin. Die Veranstaltung findet außerhalb der Stadt statt, zwanzig Minuten mit der Bimmelbahn durch Hessisch-Hügelland - Kinderlandverschickung für Arbeitssuchende. Der Kurs startet ab sofort, nennt sich jetzt "Trainingsmaßnahme" und soll zehn Wochen dauern, inklusive zwei Praktika á zwei Wochen, das erste Praktikum bereits ab nächster Woche. Keine Frage natürlich, dass sich die Zeit der Trainingsmaßnahme mit der Zeit meiner Reise überschneidet. Aber mir wird versichert, dass das kein Problem sein wird, man sei da flexibel, ich solle mir keine Sorgen machen. Ansonsten wird uns eingebleut, dass die Trainingmaßnahme vor allem anderen Vorrang habe. Krankheit, Tod oder Job seien die einzig zulässigen Ausnahmen. Minijobs, ehrenamtliche Tätigkeiten, geringfügige Beschäftigungen oder gar (böses Wort) Urlaub haben dagegen flach zu fallen. Jetzt ist Training angesagt. Die Kursleiterin ist resolut und vermittelt uns das Gefühl, auf unserer Seite zu stehen. Nicht so schulisch soll es laufen, Informationen soll es geben über Arbeitsrecht und Schwerbehinderung, allgemeine und politische Bildung soll vermittelt werden, überhaupt sei's doch mal gut, sich auszutauschen, und im übrigen halte sie die Sache eigentlich auch für eine ziemliche Verarschung. Zwanzig Köpfe nicken. Kurzfristig fange ich an, Trainingsmaßnahmen zu mögen. Das hat sich allerdings am zweiten Tag schon wieder erledigt.

Die Tage ziehen sich gleichförmig dahin: Mathetest, Abfrage der Computerkenntnisse, Bewerbungen schreiben, Gehirnjogging (im Laufe der Veranstaltung auch als Hirnwichserei bezeichnet), vor allem: Anwesend sein. Ich habe drei Jahre lang als Webgestalterin gearbeitet - was mach ich hier? Ich helfe den anderen beim Bewerbungen und Lebenslauf schreiben. Tolles Training, ich sollte mich als Bildungsträger bewerben. Jeden Tag von 8 Uhr bis 15 Uhr, mehr oder weniger, d.h. aufstehen um halb sieben und sich den Rest des Tages langweilen und gegen die Müdigkeit ankämpfen. Zu Hause kriege ich nichts mehr auf die Reihe, mein Biorhythmus muss sich erst noch umstellen (Das verzärtelte Arbeitslosen-Pack soll sich mal nicht so anstellen). An einem Tag verteilt der junge Mit-Kursleiter einen Text mit der Geschichte des Internets. Abgesehen davon, dass die meisten Teilnehmer mit dem Thema eh nichts anfangen können, schließt der Artikel mit dem Satz, dass die Zukunft des Internets darin liege, dass defekte Waschmaschinen E-Mails an ihren Kundenservice senden können werden. Sollte die Revolution jemals kommen und ich zufällig auf der Siegerseite stehen, weiß ich was zu tun ist.
Ich bin nicht ausgelastet und beschließe nach Hause laufen. Von A nach B ungefähr 25 bis 30 Kilometer, vielleicht treffe ich unterwegs auch mein Gehirn, das sich bereits auf der Flucht befindet. Ich brauche exakt fünf Stunden und freue mich, heute wenigstens eine sinnvolle Sache gemacht zu haben.



Die Bibliothek will ein Vorstellungsgespräch. Mittlerweile paranoid genug lasse ich den Termin auf nachmittags verlegen, da ja bei einer angepeilten Arbeitszeit von 9,25 h die Trainingsmaßnahme Vorrang hat. Erst später werde ich auf Nachfrage herausfinden, dass dem nicht so ist, schließlich handelt es sich um einen richtigen, d.h. sozialversicherungspflichtigen Job. Höchste Priorität! Die Bibliotheksleitung zeigt sich aufgeschlossen gegenüber meiner beabsichtigten Reise-Assistenz: "Kein Problem. Wir stellen Sie zum 1.8. ein und Sie holen die versäumte Zeit dann im September nach." Ich zünde eine Kerze vor dem Antlitz des Kanzlers an. Ja, der Aufschwung! Er wird kommen.

Das erste Praktikum absolviere ich als Küchenhilfe. Laut der Parallelwelt-Theorie des Arbeitsamtes soll ein Praktikum dazu dienen, sich mal neu zu orientieren, zu checken, wo noch versteckte Stärken liegen könnten. Aber was würde das Arbeitsamt tun, wenn ich jetzt meine Profession im Gurkenschälen fände, wenn es das wäre, wonach ich mein Leben lang gesucht hätte: Dipl.-Gurkenschälerin! Während sich die Kaltmamsell im Praktikum mal in der Anatomie umschaut. Vielleicht lässt sich ja aus den ganzen Einmachgläsern noch was Schönes zaubern.

Der Kurs bekommt Besuch von einem Arbeitsamtmitarbeiter. Er erzählt uns was über das Arbeitslosengeld II ("Weiß ich auch noch nichts Genaueres drüber.") und empfiehlt ansonsten, auch mal Minijobs zu nutzen, um mal einen Fuß in die Tür zu bekommen. Auf die Frage, wie man denn einen Minijob nutzen bzw. wie man sich ehrenamtlich engagieren soll, wenn jederzeit Trainingsmaßnamen drohen, die dann Vorrang haben, reagiert er mit Vermutungen über mögliche Schwarzarbeit. "Nein", meine ich, "ich überlege, mich selbstständig zu machen, ich will mir Referenzen erarbeiten, Kundenkontakte knüpfen." ---- "Da müssen Sie ganz vorsichtig sein, wegen der Schwarzarbeit." ---- "Ich arbeite nicht schwarz, ich kriege da kein Geld für...!" Der Rest der Szene wird unschön und verschwimmt. Der Heimweg dauert heute 5,5 Stunden, draußen schmilzt gerade der Asphalt.



Die Bibliothek teilt mit, dass sie mich tatsächlich nehmen will. Vorher muss ich ca. ein Kilo Personalbögen ausfüllen und mein polizeiliches Führungszeugnis, die Geburtsurkunde und noch mal zwei Fotos beilegen (was machen die nur mit den ganzen Fotos?). Ich sage dem Arbeitsamt Bescheid, dass ich möglicherweise demnächst eine Stelle habe, was aber noch nicht unter Dach und Fach sei. "Kein Problem", sagt der Sachbearbeiter, "wenn's soweit ist, kommen Sie mit dem Arbeitsvertrag her. Bei Behördens dauert's ja immer etwas länger, haha." Ich bin froh und schöpfe Hoffnung und entzünde eine Kerze vor dem Antlitz des Kanzlers.

Zwei Wochen später bekomme ich noch einen Termin für den Betriebsarzt geschickt. Arbeite ich vielleicht doch nicht in der Bibliothek, sondern in einem hochsensiblen Sicherheitstrakt? Besteht die Gefahr der Betriebsspionage, und warum macht der Arzt nicht noch eine Darmspiegelung, wo er doch den Rest meines Körpers schon gecheckt hat? Was wäre, wenn ich einen extremistischen Enddarm hätte, der sich sofort nach meiner Anstellung daran macht, das System zu stürzen? Da sind doch dem Terrorismus Tür und Tor geöffnet. Der Arzt ist zuversichtlich und verspricht, seine Beurteilung möglichst bald zu verschicken, schließlich ist es nur noch eine Woche bis zu meinem verabredeten Arbeitsbeginn und von seinem Gutachten hängt nun alles weitere ab.

In der Trainingsmaßnahme wurschteln wir weiter wie bisher. Die Reihen haben sich merklich gelichtet. Einer ist gestorben, einige sind einfach so nicht mehr aufgetaucht, ein Haufen Leute ist krank. Wir machen Bewerbungsspielchen und ein Kabinett-Planspiel, bei dem selbstständiges Arbeiten und freie Rede vor Publikum geübt werden soll. Ich freue mich, dass mir keiner beibringt, wie ich mich im Straßenverkehr verhalten soll und wir das dann mal an der Ampel üben gehen. Gleichzeitig lernen wir auch was über Körpersprache. Wenn man mit verschränkten Armen dasitzt oder die Schultern hängen lässt, wirkt das nicht gut. Offen sein, wir müssen offen sein. Vielleicht sollte ich mich zukünftig nur noch im Gynäkologenstuhl bewerben ("Herr Richter, sie müssen verstehen, es war wirklich NOTWEHR!!"). Die Strecke schaffe ich heute in 4,5 Stunden.



Der 1.8. rast auf mich zu und ich warte auf meinen Arbeitsvertrag. Ich rufe die Sekretärin an, die mir nur sagen kann, dass es nur noch am Arztgutachten hängt, mündlich hätte er schon sein OK gegeben, der Rest wäre nur eine Formalität, ich solle mir da keine Sorgen machen. Die Sonne scheint, das Leben ist schön, das Reh kotzt in den Wald. In naher Zukunft werde ich wieder eine bezahlte Arbeit haben. Ich frage mich nur, warum es die Uni nicht rechtzeitig schafft, fristgerecht einen Arbeitsvertrag zu unterzeichnen. Da setzen sie eine Stellenanzeige auf und sagen sich dann: "Nun, wir wollten einfach mal gucken, ob sich jemand meldet, konnt ja keiner wissen, dass sich auf diese Mikrostelle tatsächlich jemand bewirbt. Und 1.8., mein Gott, das war nur so grob angedacht, ein ungefährer Richtwert, und haben Sie tatsächlich geglaubt, die Uni hat Geld für ... kicher ... neue Angestellte?"

Ende Juli melde ich noch mal dem Arbeitsamt, dass ich den Vertrag noch nicht habe, aber meine Einstellung kurz bevorsteht. Einen Tag später erhalte ich die Nachricht, dass ich zum 1.8. abgemeldet bin und keine Bezüge mehr erhalte. Gut, denke ich, ab dann habe ich ja auch den Job. Lange 9,25 Wochenstunden werde ich alles geben, ich werde die Verwaltung revolutionieren, jedenfalls was Philosophiebücher anbelangt. Ich sage der Kursleiterin, dass ich wahrscheinlich ab 1.8. nicht mehr kommen werde. Sie freut sich und wünscht mir viel Glück.

Am 1.8. bin ich natürlich immer noch da, mein Arbeitsvertrag ist nicht gekommen. Beim Kurs hole ich mir mein Fahrgeld ab und verabschiede mich. Alle anderen fangen ihr zweites Praktikum an. Ich sitze zu Hause und warte. Zur Mitte der Woche rufe ich erneut bei der Uni an: Ich wolle ja nicht hetzen, aber wie stehe es denn so um meinen Arbeitsvertrag. Die Sekretärin weiß Bescheid, man warte noch auf den Arztbescheid, der müsste diese Woche kommen, und wenn nicht, wird er halt nach meiner Reise unterschrieben und gilt ab dann. In diesem Moment hat jemand die Kerze vorm Antlitz des Kanzlers ausgeblasen: "Ab dann gilt er? Ich sollte doch zum 1.8. angestellt werden." ---- "Ja, das war ja nur unter Vorbehalt. Bis das Gutachten vorliegt. Das ist nur eine Formalität." Das seh ich ganz anders.



Ich rufe beim Arbeitsamt an. "Ja die Uni hat uns gesagt, dass sie Sie zum ersten August anstellen wollen." --- "Die Uni sagt Ihnen Bescheid? Die haben mir gerade gesagt, dass das alles nur vorläufig ist. Und jetzt bin ich schon bei Ihnen abgemeldet..." --- "Kein Problem, dann mach ich das mal wieder rückgängig. Machen Sie sich keine Sorgen. Oh, ich sehe grade, dass Ihr Arbeitslosengeld Ende August eh ausläuft. Haben Sie uns schon den Antrag auf Arbeitslosenhilfe zurückgeschickt?" ---- "???" ---- "Haben Sie den nicht bekommen?" ---- "???" ---- "Normalerweise wird der sechs Wochen vor Ablauf der Frist verschickt." ---- "Ich ... äh ... dachte ... ich würde...also...der Uni-Job ... wissen Sie ...?" ----- "Ich schick Ihnen mal die Unterlagen. Wenn das mit der Uni dann klargeht, können sie den Zettel wegwerfen." Ich bin schon zu Hause, ich weiß nicht, wo ich jetzt so schnell 30 km herkriegen soll.

Jetzt rufe ich in der Personalabteilung der Uni an. Frau Pikiert geht dran, und ich weiß ab der ersten Sekunde, dass ich verloren habe: ... "Die Uni hat mich beim Arbeitsamt abgemeldet." --- "Das kann nicht sein." ---- "Doch, die haben mich zum ersten Aug..." ---- "Das kann nicht sein. Wer soll das denn gemacht haben." ---- "Ich weiß nicht, ich war nicht dabei." ---- "Das mit dem Arbeitsvertrag, das ist immer nur vorläufig, das dauert immer!" ---- "Und wie lange?" ---- "Ja, dass kann ich doch nicht wissen!" ---- "Es wäre nur schön, wenn ich Genaueres wüsste, sonst bewerb ich mich woanders ... (Glatte Lüge. Es gibt keine anderen Jobs)." ---- "Das kann nur der Arzt wissen, ohne Gesundheitsgutachten können wir da gar nichts machen." ----- "Aber ich bin doch schon abgemeldet." ---- "Bei den Arbeitsverträgen dauert das immer länger, das ist so in der Verwaltung." ---- "Und warum sagt dann die Uni beim Arbeitsamt Bescheid, dass die Stelle mit mir besetzt werden soll...?" --- "Das ist nur vorläufig, wir müssen ja auf das Gutachten vom Arzt warten!" ---- "Aber Sie haben doch die Stelle zum 1.8. ausgeschrieben, kann man da nicht rückwirkend...?" ---- "Nein, rückwirkend geht das auf gar keinen Fall, das geht nicht!!" ---- "Und was soll ich jetzt tun?" ---- "Ja, das weiß ich doch nicht!" Da habe ich aufgelegt und versucht das Telefon auf seine Ladestation zu bugsieren.

In vier Tagen fahre ich nach Norwegen, ich werde Elche und Wale zählen und den Rolli mit der netten alten Dame den Fjord rauf und runter schieben. Vielleicht werde ich auch bei einem Kutter anheuern, weil alles, einfach alles nur besser sein kann, als mich als Verarschungsverwaltung-Versuchskaninchen missbrauchen zu lassen. Außerdem reichen 500 EUR Bezüge zur wöchentlichen Neubesohlung meiner Schuhe einfach nicht aus...

  

Mehr dazu:
Reisebericht Norwegen 2003

  

© fmp '98, Mail: judithgoebel@web.de; Letzte Änderung: Mittwoch, 31. März 2004